Schlagwort-Archive: Operation

Hinter Unterschieden versteckt sich die Normalität

Jörg Woweries ist Kinderarzt und war 25 Jahre in der Klinik Berlin-Neukölln überwiegend mit der Betreuung von Neugeborenen beschäftigt. In diesem Artikel stellt er die Notwendigkeit medizinischer Eingriffe an zweigeschlechtlichen Menschen infrage und handelt die Herkunft des medizinischen Standards im Umgang mit Intersexualität ab. Dabei geht er insbesondere auf die psychischen und physischen Langzeitfolgen ein, die durch medizinische Behandlungen im Kindesalter und bei Neugeborenen oftmals entstehen.

Der Ethikrat und das deutsche Parlament haben intensiv über die Zulassung oder Ablehnung der PID (Präimplantationsdiagnotsik) diskutiert. Insbesondere ging es um die Ablehnung der Selektion eines Ungeborenen. Momentan befasst sich der Ethikrat mit der Thematik Intersexualität, mit der Situation von betroffenen Menschen, die nicht in die gesellschaftliche Norm von Geschlecht passen.

Nach der Geburt eines Menschen ändert sich dessen Situation dramatisch: Wenn ein Kind geboren wird, dessen Genitale weder der weiblichen noch der männlichen Norm entspricht, kann die Dramatik der Änderung besonders groß sein. Mediziner bieten an, das Genital durch „genitalangleichende“ chirurgische Maßnamen im äußeren Bild anzupassen. Die Medizin sieht alles, was die dichotome Ordnung der Geschlechtseinteilung in Frage stellt, als abnorm, unnatürlich oder pathologisch an. Die Säuglinge und Kleinkinder werden nach diesem Konzept willkürlich und zwangsweise entweder dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zugeordnet, höchstwahrscheinlich dem weiblichen Geschlecht, weil das operationstechnisch einfacher für den Chirurgen ist. Zu fragen ist hier: Handelt es sich tatsächlich um Abweichungen von einer Norm? Was ist die Norm? Sind uneindeutige Genitale nicht doch Varianten biologischer Vielfalt? Der Sinn der „genitalangleichenden Operationen“ ist anzuzweifeln, denn chirurgische Maßnahmen beeinflussen die selbst empfundene Geschlechtsidentität nicht. Weiterlesen

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Themenschwerpunkt: Aufklärung & Einwilligung, Medizinische Eingriffe

Fakten, Mythos, Meinungen zu intersexuellem Leben

Prof. Dr. Martin Westenfelder ist Leiter der Sektion Kinderurologie im HELIOS Klinikum Krefeld. Im August diesen Jahres übernimmt er die Leitung der Abteilung für Kinderurologie der Charité in Berlin. In diesem Artikel bespricht er seine Auffassung von Intersexualität und geht dabei auf medizinische, rechtliche und ethische Ansichten ein.

Fakten
Die Entwicklung unseres Organismus nach der Befruchtung ist außerordentlich komplex. Am kompliziertesten und längsten ist die Entwicklung der Organe, die für unsere Fortpflanzung verantwortlich sind. Die Zeitspanne reicht von der Befruchtung bis zum Erlangen der sexuellen Reife bzw. bis zur Geburt der nächsten Generation.

Da auch in der Natur „alles schief geht, was schief gehen kann“, kommt es in der Embryonalentwicklung ständig und häufig zu Fehlentwicklungen, die, wenn sie schwerwiegend sind, zum Absterben der Frucht führen. Nicht so bei Störungen der sexuellen Differenzierung (DSD), denn sie beeinträchtigen die Lebensfähigkeit der Frucht nur selten, so dass die Kinder damit geboren werden. Dies erklärt ihre relative Häufigkeit. Die meisten DSD-Formen entstehen, wie auch die sonstigen Fehlbildungen, durch eine Hemmung der Entwicklungsvorgänge, so z.B. auch die Wolfsscharte (Lippen- Kiefer- Gaumenspalte), die Rückenmarksspalte (Spina bifida), die Hypospadie, der Hodenhochstand. Eine andere relativ häufige DSD-Form, das AGS, entsteht durch eine Überproduktion von männlich wirkenden Hormonen aus der Nebenniere in Folge eines Enzymdefektes. Bei Mädchen bewirkt dies eine Vermännlichung. Ähnliche Mechanismen sind für die Vermännlichung von Mädchen verantwortlich, deren Mutter einen hormonproduzierenden  Tumor oder deren Mutter aus therapeutischen Gründen in der Schwangerschaft männlich wirkende Hormone bekam. Auch bei diesen DSD-Formen ist die Entwicklung in die chromosomal programmierte Richtung gehemmt worden, zusätzlich, unter dem Einfluss der falschen Hormone, wurde sie dann noch in die männliche Richtung abgelenkt. Weiterlesen

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Themenschwerpunkt: Medizinische Eingriffe

„Deshalb würde ich nie von Heilen sprechen“

Dr. med. Patricia G. Oppelt leitet seit 2005 die Spezialambulanz für Kinder- und  Jugendgynäkologie an der Universitäts-Frauenklinik Erlangen. Ihre Fachgebiete sind hormonelle Störungen von Kindern und Jugendlichen sowie genitale “Fehlbildungen” im Kindes- und Jugendalter, unter anderem in Bezug auf spätere Fertilität und Endometriose. In diesem Interview berichtet sie darüber, wann sie medizinische Eingriffe bei intersexuell geborenen Kindern für notwendig hält und wann davon abzuraten ist. Außerdem geht sie darauf ein, warum eine Weiterentwicklung der Behandlungsrichtlinien für intersexuelle Menschen nötig ist.

Frau Oppelt, inwiefern setzen Sie sich mit der Thematik Intersexualität auseinander?
Patricia Oppelt: Im Rahmen der Leitung der Spezialambulanz Kinder- und  Jugendgynäkologie sowie der interdisziplinären Zusammenarbeit mit der hiesigen Kinder- und Jugendklinik, mit dem Leiter für Endokrinologie und Diabetologie Prof. Dr. Helmuth-Günther Dörr, betreuen wir Mädchen mit unterschiedlichen Ausprägungen der Intersexualität, insbesondere in Hinblick auf ihre Identifikation als Frau und die entsprechenden körperlichen Ausprägungen, dem intersexuellen Genital. Darüber hinaus habe ich bei verschiedenen wissenschaftlichen Symposien und Vorträgen die Ätiologie von genitalen Fehlbildungen und deren Therapieformen dargestellt. In meiner Habilitation beschäftige ich mich mit dem Thema genitale Fehlbildungen und Möglichkeiten der Fertilität bzw. Reproduktion. Weiterlesen

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Themenschwerpunkt: Medizinische Eingriffe

Zur Frage der Entschädigung

Christiane Völling ist 1959 mit AGS bei xx-chromosomalem Geschlecht zur Welt gekommen. Ihr wurde das männliche Geschlecht zugewiesen. 2009 zog sie wegen der an ihr vorgenommen chirurgischen Eingriffe und medizinischen Behandlungen, die ohne vorige Aufklärung und ausreichende Diagnostik stattfanden, mit einer Schadensersatzklage vor Gericht. In diesem Artikel erläutert sie die eigenen Erfahrungen sowie die dadurch entstanden Folgen und geht auf Möglichkeiten ein, zwischengeschlechtliche Menschen, denen Unrecht widerfahren ist, zu entschädigen.

Der Begriff „Intersexuelle Menschen“ beschreibt eine Gruppe von Menschen, die wegen ihrer angeborenen individuellen geschlechtlichen Realitäten und ihrer Entwicklung scheinbar besonders ist. Dabei erkennt man, wenn man genauer hinsieht, dass sich doch: Weiterlesen

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Themenschwerpunkt: Lebensqualität, Medizinische Eingriffe, Vernetzung & Hilfe

Entschädigungen für Eingriffe bei intersexuellen Minderjährigen aus rechtlicher Sicht

Hans Christian Wilms ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe „Demokratische Legitimation ethischer Entscheidungen“ am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg. In diesem Artikel bespricht er die gegenwärtige rechtliche Situation zwischengeschlechtlicher Menschen mit Blick auf Entschädigungen für irreversible chirurgische Eingriffe in die körperliche Integrität von intersexuellen Kindern.

Die Frage der Entschädigung ist auf juristische und politische Weise unterschiedlich zu beantworten. In den meisten Fällen wird keine rechtliche Verpflichtung der Entschädigung bestehen, sowohl was die Rolle von Eltern, Ärzten, Wissenschaftlern als auch des Staates betrifft. Weiterlesen

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Themenschwerpunkt: Aufklärung & Einwilligung