Schlagwort-Archive: Lebensqualität

Jenseits der rigiden Zweigeschlechtlichkeit

Prof. Dr. Nina Degele ist geschäftsführende Direktorin des Instituts für Soziologie der Universität Freiburg. In diesem Artikel greift sie das alltägliche Verständnis von Geschlecht auf, geht auf Situationen ein, an denen dieses Verständnis an seine Grenzen stößt und stellt die Frage, was gegen die Aufhebung der gesetzlichen Zwangsaufteilung in Männer und Frauen spricht.

Dass der Rahmen der Zweigeschlechtlichkeit zu eng sein kann, um Menschen zu kategorisieren, weiß inzwischen nicht nur die Sportwelt: Der Fall der 800-Meter-Läuferin Caster Semenya hat der Öffentlichkeit vor Augen geführt, dass die Zuordnung von Menschen zu Männern oder Frauen keineswegs immer eindeutig und gewaltfrei stattfindet. Nimmt man ethische Grundsätze beim Umgang mit Intersexualität ernst, sollte nicht die Festlegung auf männliche oder weibliche Menschen im Vordergrund stehen, sondern das Wohl des Kindes und des werdenden Erwachsenen. Deshalb gilt es, möglichst wenig irreversible Tatsachen zu schaffen, um dem Kind bzw. späteren Erwachsenen Entscheidungsspielräume (bis zum Erwachsenenalter) offen zu halten. Weiterlesen

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Themenschwerpunkt: Integration & Diskriminierung

Zur Frage der Entschädigung

Christiane Völling ist 1959 mit AGS bei xx-chromosomalem Geschlecht zur Welt gekommen. Ihr wurde das männliche Geschlecht zugewiesen. 2009 zog sie wegen der an ihr vorgenommen chirurgischen Eingriffe und medizinischen Behandlungen, die ohne vorige Aufklärung und ausreichende Diagnostik stattfanden, mit einer Schadensersatzklage vor Gericht. In diesem Artikel erläutert sie die eigenen Erfahrungen sowie die dadurch entstanden Folgen und geht auf Möglichkeiten ein, zwischengeschlechtliche Menschen, denen Unrecht widerfahren ist, zu entschädigen.

Der Begriff „Intersexuelle Menschen“ beschreibt eine Gruppe von Menschen, die wegen ihrer angeborenen individuellen geschlechtlichen Realitäten und ihrer Entwicklung scheinbar besonders ist. Dabei erkennt man, wenn man genauer hinsieht, dass sich doch: Weiterlesen

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Themenschwerpunkt: Lebensqualität, Medizinische Eingriffe, Vernetzung & Hilfe

„Intersexualität anerkennen statt auszulöschen“

Dr. Katinka Schweizer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Diplom-Psychologin am Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und redaktionelle Mitarbeiterin der Zeitschrift für Sexualforschung. In diesem Artikel beschreibt sie verschiedene Voraussetzungen, die nach ihrer Erfüllung zur Verbesserung der Lebensqualität intersexueller Menschen beitragen könnten und schildert, welche Bedeutung die Ausbildung einer eigenen Geschlechtsidentität dabei hat.

Die Vertiefung der kontroversen Thematik im Umgang mit Intersexualität durch den Deutschen Ethikrat ist zu begrüßen. Insbesondere die Ermöglichung des Dialogs zwischen Angehörigen verschiedener Berufsgruppen, Disziplinen, gesellschaftlichen Gruppen und Experten in eigener Sache ist bemerkenswert. Dies ist nicht selbstverständlich und insofern schon jetzt bedeutungsvoll, da das Sprechen über intersexuelle Phänomene lange nicht stattgefunden hat, oft begrenzt auf den medizinischen Diskurs war oder aufgrund von Sprach- und Verständigungsbarrieren immer wieder unterbrochen oder vorzeitig beendet wurde. Weiterlesen

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Themenschwerpunkt: Lebensqualität, Medizinische Eingriffe

Die Diskussion aus den gesellschaftlichen Höhlen holen

Dr. Michael Wunder ist Diplom Psychologe, Leiter des Beratungszentrums der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg und Mitglied im Deutschen Ethikrat. In seinem Artikel diskutiert er die derzeitige gesellschaftliche Situation zwischengeschlechtlicher Menschen, geht auf umsetzbare Möglichkeiten ein, die deren Lebensqualität verbessern können und erklärt, welch große Welten zwischen scheinbar ähnlichen Begrifflichkeiten liegen.

„Bist Du ein Junge oder ein Mädchen?“ wurde ein Kind in der Kita gefragt. Das Kind  war durch sein besonders hohes Springen auf dem Trampolin aufgefallen. „Ich bin beides“, war die Antwort des Kindes und die anderen Kinder staunten und fragten, ob das denn möglich sei. Das Kind ist intersexuell zur Welt gekommen und wurde im Geschlecht eines Mädchens erzogen. Als die Mutter den Kindern versicherte, dass dies möglich sei, waren sie zufrieden und gingen zum nächsten Thema über – so von der Mutter auf der Öffentlichen Anhörung des Ethikrates am 8. Juni 2011 berichtet. Weiterlesen

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Themenschwerpunkt: Integration & Diskriminierung, Lebensqualität, Vernetzung & Hilfe

Kinder haben Rechte

Prof. Dr. Claudia Wiesemann ist Direktorin der Abteilung Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Göttingen. Sie forscht zu Kinderrechten in der Medizin. In diesem Artikel beschäftigt sie sich mit den Rechten von Kindern, die mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kommen. In ihrem Artikel bezieht sie sich auf die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, die bereits im Jahr 1989 verabschiedet wurde.

Kinder haben Rechte, auch in der Medizin. Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1989 fordert ein Recht jedes Kindes auf körperliche Unversehrtheit, auf bestmögliche Förderung seiner Interessen, familiäre Unterstützung, freie Meinungsäußerung und Teilhabe an Entscheidungen, von denen es selbst betroffen ist. Deutschland ratifizierte diese Konvention 1992. Weiterlesen

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Themenschwerpunkt: Aufklärung & Einwilligung, Medizinische Eingriffe