Das Recht auf freie Selbstbestimmung

Als Teil des weltweiten Amnesty-Netzwerks setzt sich MERSI (Menschenrechte und sexuelle Identität) bereits seit 15 Jahren für die Menschenrechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender weltweit ein. Denn in vielen Ländern der Welt werden Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität diskriminiert, misshandelt, vergewaltigt, inhaftiert, gefoltert und ermordet. Seit einigen Jahren arbeitet die Hamburger MERSI Gruppe zum Thema Menschenrechtsverletzungen an Intersexuellen. Amnesty International nahm bislang keine Position zum Thema ein. Auf Initiative von MERSI Hamburg setzt sich die deutsche Sektion von Amnesty nunmehr auf internationaler Ebene für eine klare Positionierung ein, bei der schwere Menschenrechtsverletzungen an Intersexuellen definiert werden. In diesem Artikel beschreiben MERSI Hamburg ihre Einschätzung zum geführten Diskurs und zum Thema Menschenrechte.

Mit großer Freude haben wir beobachten können, wie sich im Verlauf des Diskussionsprozesses allmählich eine Tendenz herausschälte, die sich im Kern mit der von uns vertretenen Position deckt und unsere Argumente unterstützt – so wie es die ‚Erste Einschätzung’ des Ethikrats Mitte Juni im Wesentlichen formuliert. Neben dem Menschenrecht auf Nicht-Diskriminierung sind dies vor allem: das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Gesundheit und die Suprematie des Selbstbestimmungsrechts gegenüber dem Elternrecht, wie sie insbesondere im Falle von operativen Genitalkorrekturen (ohne Einwilligungsfähigkeit) im frühen Kindesalter entscheidend ist.

Beide decken sich mit den Yogyakarta-Prinzipien (Prinzipien zur Anwendung der Menschenrechte in Bezug auf die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität) von 2006, die insbesondere das ‚Recht auf Schutz vor medizinischer Misshandlung’ (Prinzip 18) formuliert: „Die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität eines Menschen sind keine Erkrankung und sollen daher nicht behandelt oder unterdrückt werden“.

Diese Prinzipien sind in gleicher Weise von der UN-Kinderrechtskonvention abgesichert.

Als Vertreter einer Menschenrechtsorganisation sehen wir einen gesellschaftlich verantwortungsbewussten Umgang mit Intersexualität darin, dass es hier vorrangig darum geht, Menschenrechte von intersexuellen Menschen einzufordern, weil das Entscheidende ist, wie und unter welchen Bedingungen intersexuelle Menschen ihre geschlechtliche Identität hier und heute in Würde und ohne Diskriminierung leben können. Dieser menschenrechtliche Grundgedanke erscheint uns im Diskurs des Ethikrates nicht die ihm gebührende Beachtung gefunden zu haben.

Wie immer man das ‚Phänomen’ Intersexualität unter juristischen, medizinischen, psychologischen, soziologischen und anderen Aspekte auch definiert, bleibt für uns die einfache Tatsache, dass es sich hier um Menschen handelt, entscheidend. Intersexuelle werden als intersexuelle Menschen geboren und bleiben es ihr Leben lang. In dieser spezifischen geschlechtlichen Identität besteht ein wesentlicher Aspekt ihrer Persönlichkeit, der auch mit Mitteln medizinischer, chirurgisch-kosmetischer Korrekturen nicht zu ändern ist. Des Weiteren gehört die Freiheit, sich offen und ohne Diskriminierung zu der eigenen geschlechtlichen Identität bekennen zu können, zu den Kernbereichen des Menschenrechtsgedanken.

Letztlich geht es um das Recht auf freie Selbstbestimmung: darum, intersexuelle Menschen selbst bestimmen zu lassen, wie sie leben wollen. Aus diesem Grund sind für uns die Forderungen der betroffenen Menschen und deren Organisationen auch die Richtschnur für unsere Position. Während des Diskurses hatten wir allerdings den Eindruck, dass die Themen der Diskussion eher von den ‚Experten’ vorgegeben wurden, statt von den Betroffenen selber, die die Probleme am eigenen Leibe erfahren.

Dass jedoch die Ansichten in den Diskussionsbeiträgen von Betroffenen inzwischen auch von vielen Vertretern verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen geteilt werden, ist für uns eine erfreuliche Bestätigung und bestärkt uns in der Erwartung, diese nunmehr mit großer Dringlichkeit auch im Rahmen gesetzgeberischer Tätigkeiten praktisch umgesetzt zu sehen.

Dem Deutschen Ethikrat gebührt große Anerkennung, dass zum ersten Mal ein öffentlicher Diskurs auf größerer interdisziplinärer Basis unter Beteiligung der Betroffenen über ein lange gesellschaftlich hoch tabuisiertes Thema geführt wurde.

 

Themenschwerpunkt: Integration & Diskriminierung

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Weitere Artikel: Jenseits von Mann und Frau – Anhörung des Deutschen Ethikrates zum Thema Intersexualität, Das Recht auf Selbstverortung, Das Recht auf Freiheit zur Selbstverortung,

5 Kommentare zu Das Recht auf freie Selbstbestimmung

  1. MichelReiter sagt:

    “Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. ” (also sprach Zaratrustra) Und sie lachten, doch ihr Lachen war aus Eis.

  2. Reno sagt:

    Des Weiteren gehört die Freiheit, sich offen und ohne Diskriminierung zu der eigenen geschlechtlichen Identität bekennen zu können, zu den Kernbereichen des Menschenrechtsgedanken.

    Danke Amnesty Hamburg für Eure Hilfe, deswegen will ich den 3. Geschlechtseintrag, bevor ich sterbe, denn ich glaube immer noch an die Freiheit.

    In der Hoffnung, dass wir bald die Kraft haben, auf der Seite der Helfenden zu stehen, Danke ich im Namen aller, die die Kraft dazu nicht mehr haben.

  3. MichelReiter sagt:

    Doctor Doctor what is wrong with me
    This supermarket life is getting long
    What is the heart life of a colour TV
    What is the shelf life of a teenage queen
    Ooh western woman
    Ooh western girl
    News hound sniffs the air
    When Jessica Hahn goes down
    He latches on to that symbol
    Of detachment
    Attracted by the peeling away of feeling
    The celebrity of the abused shell the belle
    Ooh western woman
    Ooh western girl
    And the children of Melrose
    Strut their stuff
    Is absolute zero cold enough
    And out in the valley warm and clean
    The little ones sit by their TV screens
    No thoughts to think
    No tears to cry
    All sucked dry
    Down to the very last breath
    Bartender what is wrong with me
    Why am I so out of breath
    The captain said excuse me ma’am
    This species has amused itself to death
    Amused itself to death
    Amused itself to death
    We watched the tragedy unfold
    We did as we were told
    We bought and sold
    It was the greatest show on earth
    But then it was over
    We ohhed and aahed
    We drove our racing cars
    We ate our last few jars of caviar
    And somewhere out there in the stars
    A keen-eyed look-out
    Spied a flickering light
    Our last hurrah
    And when they found our shadows
    Grouped around the TV sets
    They ran down every lead
    They repeated every test
    They checked out all the data on their lists
    And then the alien anthropologists
    Admitted they were still perplexed
    But on eliminating every other reason
    For our sad demise
    They logged the only explanation left
    This species has amused itself to death
    No tears to cry no feelings left
    This species has amused itself to death

    (the best is Roger Waters, Amused to death)

  4. MichelReiter sagt:

    Ich habe mein erstes Amateurvideo auf Youtube eingestellt, eine suboptimale Lösung wegen der vielen Werbung: http://www.youtube.com/watch?v=H-CwYv2Yepw

    Verwendet wurde ein 3D Programm, Photoshop und After Effects. Ich stelle den Link hier ein, weil das Video im Laufe dieses Diskurses entstanden ist.

    Meine Bewerbungsvideos sollen einmal 3D-Effekte bekommen. Dass das Ganze Zukunft hat, zeigte mir ein Text der Süddeutschen am 25.07.11, wonach sich Arbeitssuchende künftig selbst besser vermarkten sollen. So gibt es eine Perspektive unabhängig vom Ausgang der Debatte des Ethikrates.

  5. Nachhaker sagt:

    Sehr geehrte Leute von Amnesty International MERSI Hamburg,

    ich sehe es als Betroffene nicht anders als Sie.

    Dass ich hier viel fachlich argumentiert habe, hat einen Grund. Die sich medizinischer und psychologischer Techniken bedienenden Menschenrechtsverletzer versuchen es ja immer so zu drehen, dass sie selber die Menschenrechsbewahrer seien, indem sie mit ihren chirurgischen, hormonellen und psychologisch Behandlungen die Kinder vor ungleich schwereren Nachteilen schützen, die sie ohne Behandlung hätten.

    Dieser Argumentation habe ich versucht, den Boden zu entziehen.

    Menschenrechtsverletzungen sind bei genauer Betrachtung eben gerade nicht die behauptete Hilfe für diejenigen, denen das aufgezwungen wird, sondern es zeigt sich immer, dass Menschenrechtsverletzungen eben tatsächlich nichts anderes als Menschenrechtsverletzungen sind und eben keine Wohltat.