Zwischenbilanz des Diskursprojekts zum Thema Intersexualität

Prof. Dr. Edzard Schmidt-Jortzig ist Vorsitzender des Deutschen Ethikrates. In diesem Artikel beschreibt er die Zielsetzung für den Online-Diskurs Intersexualität und geht auf Auftrag und Selbstverständnis des Deutschen Ethikrates ein.

Der auf dieser Seite geführte Online-Diskurs, von dem sich der Deutsche Ethikrat nicht nur weitere wichtige Informationen erhofft, sondern mit dem auch ein wechselseitiger Austausch von Betroffenen und Experten in Gang gesetzt werden soll, ist der dritte Schritt eines Diskursverfahrens des Ethikrates. Diesem vorangegangen sind eine Befragung im Mai und Juni 2011 und eine öffentliche Anhörung am 8. Juni 2011. Ziel des Ethikrates ist es, sich auf dem Weg der Befragung und Interaktion ein breites Meinungsbild über die Situation intersexueller Menschen in Deutschland zu verschaffen. Dabei sollen sowohl die intersexuellen Menschen selbst und ihre Angehörigen Gehör finden als auch Sachverständige der verschiedensten Fachrichtungen, die mit dem Thema befasst sind.

Mit seinem Diskursprojekt zum Thema Intersexualität hat der Deutsche Ethikrat Neuland beschritten. Es ist das erste Mal, dass der Ethikrat eine solche Diskurs-Plattform bietet, um auf verschiedenen Wegen den Dialog zum Thema zu befördern und zu führen. Diskurse sind nicht denkbar ohne Menschen, die sich daran beteiligen, die sich engagieren und bereit sind, sich mit dem ganzen Meinungsspektrum auseinanderzusetzen, auch wenn dabei Meinungen vertreten werden, die der eigenen Position entgegengesetzt sind. Das heißt: ohne Sie, die Teilnehmer am Diskurs, wäre ein solches Projekt unmöglich. Bislang gibt es über 70 registrierte Nutzer und über 190 Kommentare zu den eingestellten Beiträgen, was uns sehr freut. Daher möchte ich die Gelegenheit wahrnehmen, mich in einer Zwischenbilanz ganz herzlich für Ihre Mitwirkung zu bedanken und Sie dazu einladen, sich weiterhin so engagiert zu beteiligen. Die Fragebögen, Stellungnahmen, Autorenbeiträge und Kommentare werden nach Abschluss des Projekts sorgfältig ausgewertet und in die Beratungen des Ethikrates einfließen.

Im Diskurs gab es verschiedentlich Anmerkungen zu Rolle, Besetzung und Arbeitsweise des Ethikrates. Dies nehme ich gerne zum Anlass, kurz darzustellen, welche Aufgabe der Ethikrat wahrnimmt und wie er zusammengesetzt ist.

Der Deutsche Ethikrat ist ein im Jahr 2008 dauerhaft eingerichtetes Beratungsgremium, das vom Gesetzgeber beauftragt ist, die ethischen, gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen, medizinischen und rechtlichen Fragen sowie die voraussichtlichen Folgen für Individuum und Gesellschaft zu verfolgen, die sich im Zusammenhang mit der Forschung und den Entwicklungen insbesondere auf dem Gebiet der Lebenswissenschaften und ihrer Anwendung auf den Menschen ergeben. Zu seinen Aufgaben gehören die Information der Öffentlichkeit und die Förderung der Diskussion in der Gesellschaft, die Erarbeitung von Stellungnahmen und Empfehlungen für politisches und gesetzgeberisches Handeln sowie die Zusammenarbeit mit nationalen Ethikräten und vergleichbaren Einrichtungen anderer Staaten und internationaler Organisationen. Dem Ethikrat gehören 26 Mitglieder an, die naturwissenschaftliche, medizinische, theologische, philosophische, ethische, soziale, ökonomische und rechtliche Belange in besonderer Weise repräsentieren und die ihr Amt persönlich und unabhängig ausüben. Der Ethikrat erarbeitet Stellungnahmen auf der Grundlage eigenen Entschlusses, kann aber auch vom Deutschen Bundestag oder – wie im Falle der Stellungnahme zur Situation intersexueller Menschen in Deutschland geschehen – von der Bundesregierung damit beauftragt werden.

Die auf diesen Seiten in Autorenbeiträgen und Kommentaren geäußerten Meinungen und Überzeugungen liegen ausdrücklich in der Verantwortung der jeweiligen Verfasser und lassen keine Schlüsse auf die künftige Positionierung des Ethikrates zu. Wir möchten daher all jene, die sich in diesem Forum zu Wort melden, bitten, sich der Verantwortung ihrer Meinungsäußerung bewusst zu sein, und all jene, die sich noch nicht beteiligt haben, herzlich einladen, die Zeit bis Ende Juli zu nutzen, die Diskussion zu bereichern und das Meinungsspektrum zu erweitern.

 

Prof. Dr. Edzard Schmidt-Jortzig ist Vorsitzender des Deutschen Ethikrates. Weiter Informationen finden Sie hier.

Themenschwerpunkt: Allgemein

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Weitere Artikel: Jenseits von Mann und Frau – Anhörung des Deutschen Ethikrates zum Thema Intersexualität, Zur Situation von Menschen mit Intersexualität in Deutschland,

5 Kommentare zu Zwischenbilanz des Diskursprojekts zum Thema Intersexualität

  1. Reno sagt:

    Wenn Hermaphroditen in der Überzahl wären, würden Männer oder Frauen dann als behandlungsbedürftig angesehen werden? In einer Folge von Enterprise Das nächste Jahrhundert, mit dem Titel “VERBOTENE LIEBE”:

    Season 5 – Episode 17

    Die Enterprise hilft dem Volk der J´naii bei der Suche nach einem verschwundenen Raumschiff. Diese leben als Zwitter, sind gleichzeitig männlich und weiblich. Riker arbeitet hier sehr eng mit Soren zusammen. Sie, bzw. er oder es, was man genau sagt, weiß auch Riker nicht, erzählt ihm von der Zweigeschlechtlichkeit auf ihrem Planeten. Die zwei kommen sich immer näher und dann gesteht Soren Riker, dass sie auf Männer steht. Diese Festlegung aber sei absolut nicht normal auf ihrem Planeten und solche Personen würden sofort einer Behandlung unterzogen, die sie wieder auf den „rechten Pfad der Tugend“ zurückholt. Offenbar eine ziemlich drastische Gehirnwäsche. Riker, verliebt bis über beide Ohren, will Soren helfen, für Akzeptanz andersartiger Lebensweisen auf ihrem Planeten zu kämpfen…

    Der Anfang der Episode hat einige komödiantische Momente. Soren ist sehr neugierig, was das Sexualleben der Menschen angeht und als sie Riker direkt mit der Frage „Commander, erzählen sie mir von ihren Geschlechtsorganen“ konfrontiert, ist auch dieser erst einmal sprachlos. Im Laufe der Zeit ändert sich die Story aber zu einer interessanten Sache. Riker verliebt sich in ein Zwitterwesen. Es ist zwar auf der einen Seite nicht ganz nachvollziehbar, dass sich Riker innerhalb einer Episode derartig verliebt, dass er alles tut, um die Liebe zu erhalten, während es mit Troi innerhalb von sieben Jahren und mehr nicht klappt, doch davon abgesehen ist die Situation einer Liebe zwischen einem Mann und einem Zwitter doch sehr interessant und ausbauenswert. Erwähnenswert ist natürlich auch der düstere Abschluss dieser Folge.

    Originaltitel: The Outcast

    Für den Ethikrat in dieser schweren Zeit der Entscheidungsfindung vielleicht eine kleine Anregung, amüsant über die Verantwortung nachzusinnen.

  2. skywalker sagt:

    Sehr geehrter Herr Schmidt-Jortzig,

    ich bitte um eine Begründung für das Löschen von ETEKARs Kommentaren.

    Ferner wurde mir mitgeteilt, dass beim Kommentarschreiben der/die Autorin automatisch die Mailadressen der kommentierenden Person erhält.
    Nirgends wird darauf hingewiesen und diese Vorgehensweise, sollte sie tatsächlich so sein finde ich doch extrem fragwürdig.

  3. Quinnan sagt:

    Ich hoffe, dass Sie, Ethikrat, wissen was Ludwig Wittgenstein zu den Themen “Ethik & Ästhetik” geschrieben hat.
    Samt dem Kommentar von Lucie Veith, 20.40 Uhr unter “die Diskussion aus den gesellschaftlichen Höhlen holen”, fängt dieser “Diskurs” mittlerweile an zu riechen.
    Schade, das wäre eine verpasste Chance.

    • Redaktion sagt:

      Sehr geehrte_r Quinnan,
      wir bitten Sie bezüglich Ihres Kommentars die Antwort von Michael Wunder zu beachten. Diese finden Sie hier.

  4. Mueller sagt:

    Ich einen Kommentar schreiben zur Diskussion um die Medizin zur Zeit des deutschen Faschismus.
    (An der passenden Stelle ist es nicht möglich, einen Kommentar zu schreiben.)

    Eine Veranstaltungsreihe der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück beschaftigt sich mit der Situation der Medizin im deutschen Nationalsozialismus: »Geschlecht und Rasse in der NS-Medizin«
    (Ich vermute allerdings, dass auf die Situation intersexueller Menschen nicht eingegangen wird.)
    “Die NS-Medizin wird vor allem durch die Schlagworte Eugenik, »Euthanasie« und unethische Menschenversuche charakterisiert. In der neueren Forschung zur Medizin- und Wissenschaftsgeschichte wird jedoch deutlich, dass sich NS-Medizin und »Normalmedizin« nicht exakt voneinander abgrenzen lassen. Gleichwohl ist es heute möglich, das Verhältnis von Politik und Medizin im Nationalsozialismus sehr viel genauer zu beschreiben. Weitgehend versäumt wurde jedoch, die Kategorie »Geschlecht« systematisch in die Analyse einzubeziehen. Dieses Defizit ist umso erstaunlicher, als seit den 1980er Jahren von Seiten der historischen Frauen- und Geschlechterforschung grundlegende Studien zum Thema vorgelegt wurden.
    Die 7. Europäische Sommer-Universität wird die Ansätze der historischen Geschlechterforschung mit der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte verknüpfen, um Einsichten in die NS-Biopolitik und ihre Dynamiken zu ermöglichen. ”
    28.08. – 02.09. Mahn- und Gedenkstätte, Ravensbrück
    Europäische Sommer-Universität Ravensbrück