Jenseits der rigiden Zweigeschlechtlichkeit

Prof. Dr. Nina Degele ist geschäftsführende Direktorin des Instituts für Soziologie der Universität Freiburg. In diesem Artikel greift sie das alltägliche Verständnis von Geschlecht auf, geht auf Situationen ein, an denen dieses Verständnis an seine Grenzen stößt und stellt die Frage, was gegen die Aufhebung der gesetzlichen Zwangsaufteilung in Männer und Frauen spricht.

Dass der Rahmen der Zweigeschlechtlichkeit zu eng sein kann, um Menschen zu kategorisieren, weiß inzwischen nicht nur die Sportwelt: Der Fall der 800-Meter-Läuferin Caster Semenya hat der Öffentlichkeit vor Augen geführt, dass die Zuordnung von Menschen zu Männern oder Frauen keineswegs immer eindeutig und gewaltfrei stattfindet. Nimmt man ethische Grundsätze beim Umgang mit Intersexualität ernst, sollte nicht die Festlegung auf männliche oder weibliche Menschen im Vordergrund stehen, sondern das Wohl des Kindes und des werdenden Erwachsenen. Deshalb gilt es, möglichst wenig irreversible Tatsachen zu schaffen, um dem Kind bzw. späteren Erwachsenen Entscheidungsspielräume (bis zum Erwachsenenalter) offen zu halten. Entscheidungen und Eingriffe sollten also auf Veränder- und Revidierbarkeit angelegt sein, denn Wissen, Präferenzen und Identitäten von Menschen ändern sich. Hinter diesen Überlegungen steht die Überzeugung, nicht unkritisch herrschende Geschlechter(stereotype) festzuschreiben, sondern Raum für Lebens- und Denkweisen jenseits der rigiden Zweigeschlechtlichkeit zu schaffen: Intersexuelle sollten sich selbst dafür entscheiden können, ob sie sich Männern, Frauen, anderen Geschlechtern oder gar keinem zurechnen lassen möchten. Dafür sollte ihnen die Möglichkeit gegeben werden.

Dieser Forderung stehen Lebenswirklichkeiten gegenüber, die auf Eindeutigkeit zielen (als Beispiele mögen binäre Sortierungen nach Geschlecht auf Toiletten, bei Antwortvorgaben in Fragebögen, im Sport oder in Kinderabteilungen von Kaufhäusern dienen) – was der Vielfalt jenseits sozialer Möglichkeiten von Geschlechterstereotypen nicht gerecht wird. Ein solcher Eindeutigkeitszwang setzt sich in der Antizipation von MedizinerInnen und Eltern fort, die seelische Schäden für Babys und Kinder befürchten, die nicht unzweideutig einem von zwei Geschlechtern zuzuordnen sind. Als Schäden werden sie indes vor allem deshalb wirksam, weil das Alltagswissen noch immer so wenig Raum für Lebensweisen jenseits der rigiden Zweigeschlechtlichkeit lässt. Solche scharf gezogenen Grenzen zu verflüssigen, stellte dagegen ein gemeinsames Unterfangen von MedizinerInnen, JuristInnen, EthikerInnen, unmittelbar und mittelbar Betroffenen dar.

Die im Rahmen der Ethik-Kommission geführten Auseinandersetzungen etwa eignen sich dazu, Normalitätsverständnisse zu erweitern. Was spricht dagegen, die gesetzliche Zwangszweiteilung aufzuheben und Geschlechtszugehörigkeiten öffentlich zu debattieren? Weiter könnte wissenschaftliche Autorität dafür eingesetzt werden, gesellschaftlichen Zweigeschlechtlichkeitszwängen entgegen zu treten statt sich Definitionsmacht über die Geschlechtszugehörigkeit anzumaßen. Die Betroffenen sollten ihre Geschlechtszugehörigkeit selbst entscheiden. Wissenschaftliche sowie gesellschaftliche Diskussionen, Weichenstellungen und Entscheidungen sollten darauf hinwirken, ihnen die Wahrnehmung dieses Selbstbestimmungsrechts zu ermöglichen.

 

Prof. Dr. Nina Degele ist geschäftsführende Direktorin des Instituts für Soziologie der Universität Freiburg. Mehr erfahren Sie hier.

 

Foto: flickr/ Simmo 1024

Themenschwerpunkt: Integration & Diskriminierung

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Weitere Artikel: Jenseits von Mann und Frau – Anhörung des Deutschen Ethikrates zum Thema Intersexualität, Lebensqualität, gesellschaftliche Situation und Perspektiven,

19 Kommentare zu Jenseits der rigiden Zweigeschlechtlichkeit

  1. Reno sagt:

    Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Degele,

    das hoffe ich wirklich, dass ich als Hermaphrodit offiziell eingetragen bin, es in meinen Ausweisen steht und ich von den Menschen auch so angeredet werde. Ich könnte mir Herm sehr gut vorstellen. Ich bin immer froh, wenn ich das “Frau …” nicht hören muss, da kann der Tag noch so gut angefangen haben, man presst die Lippen und die Zähne aufeinander und versucht sich zu beruhigen, damit man nicht losschreit, “nein, bin ich nicht”. Dieses Mädchen wollte ich als Kind immer mal treffen. Jetzt weiß ich, dass sie nur eine Erfindung des Systems ist; ich würde sie trotzdem irgendwie beerdigen, wenn der Tag kommen sollte, an dem ich endlich die richtige Eintragung im Perso stehen habe. Mit allen die kommen wollten, kriegt sie dann ein Grab neben der Katze. Obwohl es sie nie gab, ist sie zu einer real existierenden Person geworden, ist das nicht krank.

    Danke für den Beitrag. Alles, alles Gute für Sie.

  2. Redaktion sagt:

    Dieser Kommentar von Lucie G. Veith wurde auf ihren Wunsch hin gelöscht.

  3. Redaktion sagt:

    Dieser Kommentar von Lucie G. Veith wurde auf ihren Wunsch hin gelöscht.

  4. In diesen Zusammenhängen ist auch die Geschlechtlichkeit eines Menschen, in der Betrachtung der Biologie und unter dem Aspekt der Macht, der Verteilung von Ressourcen die durch Normierung mittels Personenstand ausgehen, zu betrachten.

    Ich erlebe meine Zugehörigkeit zur Kaste der intersexuellen Menschen in unserem Zweigeschlechtersystem als den Zustand der Recht-, Schutz-, Würdelosigkeit.

    Rechtlos, weil in den Gesetzen nicht existent und somit ausgeliefert jeder Gewalt, die sich aus meinem Geburtszustand resultiert.

    Schutzlos, weil weder die vorhandenen gesellschaftlichen, staatlichen, elterlichen, ethischen, moralischen, religiösen, philosophischen Schutzmechanismen nicht gegriffen haben.

    Würdelos, weil bis zum heutigen Tage dieses Tun, das ein intersexueller Mensch erlebt, nicht als Unrecht, als Verirrung anerkannt wird und mir dem Herm, Zwitter, damit bewiesen wird, dass ich ungeachtet was ich leiste, wie ich mich verhalte, der Platz unten in der Geschlechterrangordnung ist, ich vogelfrei bin.

    1. Machtebene/Kaste A : Mann Mensch
    2. Machtebene/Kaste B : Frau Mensch

    3. Endstufe / Kaste C : anders, inkl. Herm/Zwitter Mensch

    Die moderne Medizin „HEILT“ den Zwitter in die Kaste B, ungeachtet der biologischen und menschenrechtlichen Perspektiven( immerhin 95 %). Warum? Wegen der technischen Machbarkeit? Weil Kaste A unantastbar, unteilbar, von Gott gewollt angenommen wird? Abgründe tun sich auf, aber auch Allianzen … Denn ab wann gehöre ich in die Kaste A, B oder C?

    Ich plädiere für die Abschaffung von Machtebene 1, 2 + 3, für die Abschaffung des Kastensystems und fordere das Netzwerk „Mensch“ und den Schutz, das Recht und die Würde für Mensch, damit der Menschenschutz, das Menschenrecht und die Menschenwürde allen Menschen gleich in welcher biologischen Realität sie geboren sind und unabhängig, wie sie sich selbst benennen und verorten, zuteil wird.

    • Reno sagt:

      Liebe Lucie,

      hoffentlich verstehe ich Dich nicht falsch, dann entschuldige ich mich schon jetzt für meine Worte (und für das Du). Du meinst, Frau- und Mann-Geburtseintragungen auch für wirkliche Frauen und Männer abzuschaffen. Warum? Ist es nicht für sie die richtige Eintragung, welche Vorteile hätten sie denn davon?

      Niemals sollten wir Hermaphroditen in ihr Leben pfuschen, wir sehen doch, wie falsch es ist, wenn sie über unseres Macht haben. Sie sind stolz darauf, Männer oder Frauen zu sein, ich bin stolz, ein Hermaphrodit zu sein. Ich bitte um die Akzeptanz meines Geschlechtes und versichere 100 %ig, dass ich niemals meinen Willen jemanden aufzwingen würde, auch niemals meine körperlichen oder geistigen Vorzüge nutzen, wenn ich ihnen damit schade.

      Wie es wäre, wenn wir Macht missbrauchen könnten? Vielleicht kannst Du die Folge ausleihen und ansehen:
      Ein Kommentar zu Zwischenbilanz des Diskursprojekts zum Thema Intersexualität
      Reno sagt:
      16. Juli 2011 um 22:25
      Wenn Hermaphroditen in der Überzahl wären, würden Männer oder Frauen dann als behandlungsbedürftig angesehen werden? In einer Folge von Enterprise Das nächste Jahrhundert, mit dem Titel “VERBOTENE LIEBE”.
      Weiter siehe bitte den ganzen Kommentar.

      Mit 3 Geschlechtern, die offiziell gleichgestellt sind, bestünde Klarheit und niemand würde etwas genommen. Falls ich Dich falsch verstehe, bitte klär mich auf, was Du meinst.

      Liebe Grüsse
      Reno

  5. @Redaktion: bitte Sie löschen Sie meine Beiträge von 9:48 + 9:50 Uhr. Ohje. Danke!

  6. MichelReiter sagt:

    Sehr geehrte Frau Degele,

    “Die im Rahmen der Ethik-Kommission geführten Auseinandersetzungen etwa eignen sich dazu, Normalitätsverständnisse zu erweitern.” Dem widerspreche ich. Machen Sie den Gehirntest: http://psychologie-news.stangl.eu/512/rechte-vs-linke-gehirnhalfte Ich sehe die Frau gegen den Uhrzeigersinn, kann mir aber auch die Gegenrichtung vorstellen. Was bisher über Intersexualität verbreitet wurde, betraf die Meinung der meisten Menschen, also die linke Gehirnhälfte.

    Noch das Amtsgericht München war am 13.09.2001 davon überzeugt, dass eine Anerkennung als intersexuell zu verweigern sei mit der Begründung “Die rechtliche Bedeutung des Geschlechts ist zwar in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland zurückgegangen. Wehrpflicht und Ehe sind aber nur zwei der wesentlichen Institute, die eine Zuordnung des Menschen zu einem der beiden Geschlechter voraussetzen.” Weiterhin sei die Geschlechtszugehörigkeit medizinisch-naturwissenschaftlich zu bestimmen.

    Menschen aber verbinden mit dem Corpus Callosum die linke und rechte Gehirnhälfte. Das macht ihren Intellekt aus, nicht den den Gerichtes und der Rechtssprechung. Und sie interessieren sich sofern mündig üblicherweise für Arbeit und Finanzen. Eingriffe an den Geschlechtsmerkmalen können darüber hinaus Hirnschädigungen hervorrufen, das hat der Fall Völling gezeigt.

    Jetzt dürfen Sie noch raten, wer über mehr Finanzen verfügt und wie Arbeitsplätze entstehen, mit der linken oder der rechten Gehirnhälfte?

    • Nachhaker sagt:

      Hallo nach Bremen,

      Ich habe mir den Gehirntest mal angeschaut.

      Also

      Schaue ich der Frau auf die Beine und kippe den Fußboden hinten hoch, dann dreht sie sich mit dem Uhrzeigersinn.

      Schaue ich der Frau auf das Gesicht und lege sie nach hinten flach, dann dreht sie sich gegen den Urzeigersinn.

      Ist doch ganz einfach – oder.

      Nun musst Du mir nur noch erklären, was daraus folgt!
      Und jetzt bin ich wirklich gespannt und unglaublich neugierig.

      Ach – ich liebe psychologische Tests ja so sehr. Ich könnte dahinschmelzen.

  7. MichelReiter sagt:

    Und hier ist die Maslowsche Bedürfnispyramide:

    Stufe I: Essen, Trinken, Schlafen, Sex, Wärme
    Stufe II: Sicherheit, Schutz, Abgrenzung, Recht und Ordnung
    Stufe III: Liebe, Freundschaft, Zugehörigkeit, Gemeinschaft
    Stufe IV: Anerkennung, Aufmerksamkeit, Ruhm
    Stufe V: Selbstverwirklichung

    Medizinisch-juristische Diskurse über Intersexualität erfüllen noch nicht einmal die Kriterien der Stufe I. Hartz IV kommt durch Zahlung des Existenzminimums wenigstens zu Stufe II und ist ein Gesetz. Bemängelt wird, dass das soziokulturelle Minimum, also Stufe III aufgrund der geringen Finanzen nicht erfüllbar ist. Die taz schreibt am 22.07.11, dass Veith die bekannteste Streiterin an der Intersexfront sei. Das interessiert Stufe I-III überhaupt nicht. Wenn von LGBTI die Rede ist, worauf Frau Degele ggf. heraus will, ist das Stufe V und wird zurecht von Gerichten abgeschmettert, wenn Krankenkassen indivduell gestaltete Genitalen bezahlen sollen. Mit Transsexuellen in einen Topf geworfen zu werden erübrigt sich bereits auf Stufe II.

  8. Simon Zobel sagt:

    “Hoffentlich verstehe ich Dich nicht falsch, dann entschuldige ich mich schon jetzt für meine Worte (und für das Du). Du meinst, Frau- und Mann-Geburtseintragungen auch für wirkliche Frauen und Männer abzuschaffen. Warum? Ist es nicht für sie die richtige Eintragung, welche Vorteile hätten sie denn davon?”

    Als erstes möchte ich hier einmal anfragen, was denn ein wirklicher Mann oder eine wirkliche Frau sei?
    Es gibt Realitäten, die sich von der “Funktion” her ableiten lassen (biologische, wenn mensch so will). Und dann gibt es Realitäten, die sich von der sozialen oder sozio-kulturellen Funktion her ableiten lassen und ggf. im weitesten Sinne etwas mit Erotik, (Re)Präsentieren und Partnerschaftsmodellen zu tun haben. Man sollte das nicht vermengen und pauschalisieren.
    Eine Wölfin, die XX-chromosomal ist, klassische Gonaden und einen Uterus besitzt, sagt deshalb nicht: “Ach Leute, heute kann ich nicht auf Jagd gehen, meine Frisur wird nass…” Auch wird ihr niemand etwas über Mutterschutz und Wehrpflicht erzählen müssen. Auch ist die “Arbeit” des Wolfes nicht besser bezahlt. Wolf sein ist ein harter Job und Alpha-Männchen in einem Löwenrudel um so mehr. Von wegen Harem. Der Gute muss sich immerzu gegen irgendwelche Schnösel verteidigen, wird bei nicht erbrachter Leistung gnadenlos durch einen Jüngeren ersetzt und die “Damen” sind auch kein Harem. Sie übernehmen den Killing-Job und verlustigen sich (nachweislich) während der Jagdausflüge auch noch homosexueller Art, um das Gruppengefühl zu stärken…

    Zurück zum Thema, zu aktuellen menschlichen Gefilden.

    In einer Woche geht der Diskurs hier zu Ende. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass dies eine grundsätzliche Neuordnung erbringen wird, höchstens “Insellösungen” im Rahmen des bestehenden Systems. Wie auch immer.
    Ich plädiere für eine “Flexibilisierung”. Die Einrichtung eines dritten Geschlechtseintrages – provisorisch, nicht spezifiziert oder mit Label Hermaphrodit/Zwitter – halte ich für schwierig.
    Warum? Die Anerkennung dessen wird, seien wir ehrlich, wieder den Medizinern obliegen und nach gewissen “Diagnosen” erfolgen…
    Und es zöge eine Vielfalt an neuen Überarbeitungen nach sich. Wir dürfen nicht vergessen: Frauenrechte, Mutterschutz, usw, etc.
    Das macht so niemand. Nicht so.

    Im Übrigen ist “Mehrdeutige Geschlechtlichkeit” kein Minderheitenthema. Ich kann und muss hierauf immer wieder hindeuten. Dies alles berührt die gesetzlichen Grundlagen und das Selbstverständnis, die soziokulturelle und wirtschaftliche Situation/Grundlagen aller Menschen. Und SO sollte es auch behandelt werden.
    Nach dem allgemeinen Menschenrecht, nach der Gleichstellung.
    Wir brauchen keine neuen “Kategorien”. Wir brauchen Flexibilität.

    Während wir hier diskutieren, habe ich zumindest in der Realität offene “Mediziner” gefunden, mit denen sich in der Hinsicht zusammen arbeiten lässt. Auch beim Amtsgericht sind die MitarbeiterInnen viel offener, ja flexibler, als sich hier lesen lässen könnte…

    Wie auch immer. Die Menschen/BürgerInnen sind längst soweit. Wir müssen “nur” die Gesetze den Menschen anpassen… nicht umgekehrt!!!

    Natürlich bedeutet dies auch einen Bildungs-, Aufklärungs- und Orientierungsauftrag.
    Dieser kann nur in Zusammenarbeit mit den vorhandenen Organisationen (wie Intersexuelle Menschen) erfolgen.

    Letztlich geht es aber um die Belange aller (geschlechtlichen) Menschen. Und genau so! sollte es auch gesehen werden…

    • Nachhaker sagt:

      @ Simon

      Zitat von Ihnen:

      “Und dann gibt es Realitäten, die sich von der sozialen oder sozio-kulturellen Funktion her ableiten lassen und ggf. im weitesten Sinne etwas mit Erotik, (Re)Präsentieren und Partnerschaftsmodellen zu tun haben.”

      Wissen Sie, wenn ich bei jemandem merke, der ist nicht echt, sondern sozial angelernt, dann hat sich der Fall für mich erledigt.
      Ich will mit Menschen zu tun haben und nicht mit individualitätslosen, psychologisch programmierten Festplatten, die bei der nächsten falschen Eingabe abstürzen.

      Das Menschenbild von der sozial begründeten Geschlechtsidentität ist so etwas von menschenverachtend.

      Aber Menschen, denen die Geschlechtsidentität durch Zwitterbehandlungen mindestens teilweise genommen wurde, lassen sich wahrscheinlich sehr leicht im Sinne dieser Thesen instrumentalisieren.

      Tatsache ist, dass mit der Behauptung, eine Geschlechtsidentität würde sozial erlernt, die Geschlechtszuweisungen und damit einhergehenden Eingriffe begründet wurden.

      Wenn Sie sich mal mit Intersexuellen unterhalten, die erst nach der Pubertät Genital-Op und Gonadektomie unterzogen wurden, werden sie feststellen, dass diese sehr wohl eine Geschlechtsidentität haben, die oftmals der angeblich angelernten Geschlechtsidentität nicht entspricht.

      • Simon Zobel sagt:

        Es ging um soziale Rollen, Funktionen, die eine/r übernimmt. Die Begriffe Geschlechtsidentität und GÄnder nehme ich ungern in den Mund, und im intersexuellen Zusammenhang erst recht. Warum?
        Weil die meisten gar nicht die Chance bekommen haben, sich selbst überhaupt erst zu spüren und zu leben. Auch ihre eigene Sexualität. Geschweige denn, so etwas wie Geschlechtsidentität zu empfinden.

        Zudem darf sich das auch verändern, muss nicht zwingend definiert sein und sicherlich nicht zwingend an körperliche “Features”. Deshalb darf es auch XY-Frauen geben, Hermaphroditen aller Couleur.
        Es geschieht aber oft – was viele berichten – das sie ab dem Zeitpunkt, wo sie das Zuweisungsgeschlecht beginnen zu hinterfragen und auch das Kopieren von Verhaltensmustern sowie die Hormonmästungen beenden, sich in einem langen Prozess kennenlernen. Und oft finden sie dann etwas wieder, was sie als Kind einmal gespürt haben, richtig, oder was im Kern immer da wahr – vor der Fremdbestimmung.

        • Nachhaker sagt:

          Genau so ist es .

          Ich verwende den Begriff der Geschlechtsidentität ebenfalls nicht gern, weil hier aufgezwungene Vorstellungen von Geschlechtsrollen, oftmals auch noch machtpolitisch motiviert und die Empfindungen der Menschen schon hübsch in einen Topf geworfen und verquirlt werden, bis keiner mehr verstehen soll, was Sache ist.

          Die Zwitter werden sozialen Vorstellungen von Geschlecht untergezwungen und das eigene Enpfinden, das eigene psychische Geschlecht, ich spreche hier von sexueller Identität um die Trennung vom sozialen Geschlecht sichtbar zu machen, wird unterdrückt.

          Erst dann, wenn sie raus sind aus dieser Psychomühle und zu sich selbst finden können, haben sie eine Chance, auch eigene Empfindungen kennen zu lernen, was sie für sich selber wollen, in welcher Haut sie sich wohl fühlen und wie sie das leben können.

          Ich denke, Leute, die so wie ETEKAR gelitten haben, die kriegen schon bei dem Wort Geschlechtsidentität einen Stresshormonstoß. Ich würde bei diesem Wort wohl sofort an all den Dreck denken, den man mit mir gemacht hatte.

          Wenn man die sozialen Geschlechtsrollenzuweisungen gleich Geschlechtsidentität setzt, dann ist das ganz klar nicht körperlich festgelegt.
          Und wenn man Geschlechtsidentität in diesem Sinne auffasst, dann verwahre auch ich mich dagegen, das als körperlich vorgegeben zu betrachten.

          mfG

        • Reno sagt:

          Ich frage mich wirklich jeden Tag mehrmals, wer ich wäre, würde ich nicht mit diesem verdammten Druck “sei eine Frau” leben müssen. Obwohl ich keine Medikamente nahm und nicht am OP-Tisch lag, bin ich nicht, wer ich bin. Keiner von uns ist frei und keiner, der das nicht kennt, weiß, wie schlimm das ist. Das ist Gehirnwäsche, Folter, man soll sich selbst so sehr hassen, dass man sich in jemand Anderes verwandelt. Dass Menschen so was wie das hier schreiben, müsste jedem, nicht nur Psychologen, zeigen, dass es beendet werden muss. Es ist eines jeden Menschen unwürdiges Dasein. Das ist krank, nicht wir.

          • Nachhaker sagt:

            In Halle an der Saale war mal in der Leipziger Straße nahe Riebeckplatz der Spruch zu lesen:

            “Nicht die Schwulen sind pervers, sondern die Situation in der sie leben”

            Das trifft wohl auch auf Intersexuelle zu.

      • Reno sagt:

        Aber ganz ehrlich Nachhaker, auch bei Männern und Frauen überwiegen die, die sich alles sagen lassen. Sie brauchen “Führung”, unterwerfen sich gerne den Forderungen der Politik. Der Großteil der Menschen wird gelebt, das ist auf der ganzen Welt so. Hier in Bayern kommt es deshalb nie zu einer Revolution, solange das Geld reicht für das Bier am Abend, ist alles okay.

  9. Reno sagt:

    Das steht so oben, ich bin nicht naiv: Intersexuelle sollten sich selbst dafür entscheiden können, ob sie sich Männern, Frauen, anderen Geschlechtern oder gar keinem zurechnen lassen möchten. Dafür sollte ihnen die Möglichkeit gegeben werden.

    Wir lassen uns nicht länger von Feministinnen oder anderen instrumentalisieren. Wir lassen uns nicht länger von Ärzten sagen, welches Geschlecht wir haben. Wir wissen selbst, wer wir sind. Das ist die Zukunft, ob jetzt oder später. Klar werden alle lieber mit den “behandelten”, gut angepassten Intersexuellen reden und ihre Ziele ggf. für eine breite Masse realisieren, das ist natürlich leichter. Es geht hier aber nicht nur um Intersexuelle, die niemals dem 3. Geschlecht angehören wollen, es geht auch um die, die beide Hormone gleichzeitig haben, die volle Männer und volle Frauen sind, und das gleichzeitig, so dass ein völlig neues Geschlecht entsteht, was eben nicht mehr in eine der beiden Kategorien passt.

    Du bist so pessimistisch, es geht um die Belange aller, nein, ich kenne Frauen, die können den Ball weiter werfen als ich, die sind aber Frauen und würden das nie ändern. Es gibt auch Männer, die sind hübscher als ich, es sind jedoch Hetero-Männer, das wollen die sicher nicht ändern.

    Es geht hier um die schwindenden Intersexuellen, dazu gehören auch Hermaphroditen wie ich. Jeder, der einer ist, weiß das, kein Arzt weiß das besser. Ein 3. Geschlechtseintrag ist die einzigste Lösung des gesamten Problems, jedoch sollten die Intersexuellen, die sich nicht so empfinden, weiterhin als Frauen oder Männer leben, denn das sind sie, aufgrund ihrer Hormone, ihrer Seele.

    Natürlich bedeutet dies auch einen Bildungs-, Aufklärungs- und Orientierungsauftrag.
    Dieser kann nur in Zusammenarbeit mit den vorhandenen Organisationen (wie Intersexuelle Menschen) erfolgen.

    Dann sollen sie uns aber nicht vergessen, die, die mit beiden Hormonen gesegnet sind und daher niemals nur einem Geschlecht zugeordnet werden können. Intersexuelle sind nicht nur XY-Frauen, die sich als Frauen verstehen. Ich bin keine Frau und hab Frauen noch nie verstanden. Ich muss als Frau leben, obwohl ich einfach keine bin. Es geht um alle Menschen, nur nicht um solche wie mich oder wie darf ich das verstehen?

  10. Hallo Reno, nur zur Richtigstellung, nein ich will keine Männer und Frauen “abschaffen”, sondern lediglich eine die Freiheit für alle Menschen ohne Ansehen ihres Geschlechtes Zugang zum Kuchen…
    Das mit dem”DU” können wir gerne in einem Telefonat klären… ,-)!

    • Reno sagt:

      Wie sieht das denn konkret aus? Ich kann mir darunter nichts vorstellen, die Menschen würden sich weiterhin als Männer und Frauen definieren. Bei der Geburt eines Kindes geht das schon los. Bitte schreib mir die Antwort hier, Danke.
      Ich bin aus einem Kaff in Bayern, hier wird jeder geduzt, sorry. Hurra, Du redest mit mir, Kitty hat meine Nummer :-)