Die Jagd nach dem „wahren“ Geschlecht

Wann gilt eine Frau als Frau? Die FIFA und andere Sportverbände setzen sich momentan mit dieser Frage auseinander. Sie versuchen zu klären, welche Kriterien erfüllt werden müssen, dass eine Frau im Sport tatsächlich auch als solche gilt. Die Medien lösten durch eine erniedrigende Debatte über das Geschlecht verschiedener Sportlerinnen eine regelrechte Hetzjagd aus. Hinter der Frage nach dem Geschlecht von Sportlerinnen steckt mehr als die bloße Gewährleistung eines scheinbar fairen Fußballspiels oder Wettkampfs.

Breite Schultern, ein markantes Kinn: Äußerliche Merkmale von Männern? Äußerliche Merkmale von Sportlern? Eine Laune der Natur? In zahlreichen Medien wurde mit dem  Beginn der Frauen-Fußballweltmeisterschaft über zwei Spielerinnen von Äquatorialguinea berichtet. Der Grund: ihr männliches Erscheinungsbild. „Wie schon 2008 spielen bei Äquatorialguinea mindestens zwei Männer mit“, äußerte sich die nigerianische Nationaltrainerin schon im November vergangenen Jahres. Solche Zweifel am Geschlecht von Sportlerinnen sind nicht neu. Vor drei Jahren sah sich die Tennisspielerin Sarah Gronert nach Anfeindungen gezwungen, einen Geschlechtstest zu machen. Es sollte bewiesen werden, dass die intersexuell geborene Tennisspielerin, die sich mit 19 Jahren entschied als Frau zu leben, tatsächlich weiblichen Geschlechts ist.

Einer unmoralischen Hetzjagd der Medien kam die Suche nach dem „wahren“ Geschlecht der Leichtathletin Caster Semanya gleich. 2009 gewann sie bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft über 800 Meter so überlegen, dass in den Medien und unter anderen Sportlerinnen Zweifel an ihrem weiblichen Geschlecht laut wurden. Ein Jahr lang durfte die Leichtathletin nicht bei Wettkämpfen antreten. Der Weltverband IAAF (International Association of Athletics Federations), der die Südafrikanerin untersuchte, veröffentlichte die Untersuchungsergebnisse nie. Der Deal, der am Ende der Debatte stand, überließ der Leichtathletin den Titel, gewährte ihr wieder die Starterlaubnis, aber enteignete sie ihrer intimsten Privatsphäre.

Auf diese Ereignisse hin und um weitere erniedrigende Debatten dieser Art künftig zu vermeiden, erließ das IOC (International Olympic Committee) gemeinsam mit der IAAF neue Regeln für (intersexuelle) Athletinnen: Diese dürfen bei Wettkämpfen dann noch unter den Frauen starten, wenn das Level der männlichen Sexualhormone das der weiblichen nicht übersteigt. Sind sie ausgewogen, muss nachgewiesen werden, dass sich dadurch kein Vorteil für die Athletin ergibt.

Auch die FIFA (Fédération Internationale de Football Association) hat versucht eine Regelung für die eindeutige Einteilung von Sportlern in weiblich und männlich zu finden. Sie macht die Mitgliederverbände und Teamärzte dafür verantwortlich das Geschlecht der Spieler sicherzustellen. Die Thematik sei zu vielschichtig, Hormonwerte würden zur eindeutigen Feststellung des Geschlechts nicht ausreichen. Der Bonner Jurist Henning Wegemann sieht darin jedoch einen Denkfehler: “Die FIFA scheint tatsächlich davon auszugehen, dass man das Geschlecht bestimmen kann. Dabei ist das aus wissenschaftlicher Sicht nicht in allen Fällen möglich.”

Nicht nur der Schatten des Faktums, dass eine eindeutige Bestimmung des Geschlechts nicht immer möglich ist, liegt über der Debatte, sondern noch ein weiterer: die Art und Weise, wie die Debatte in Öffentlichkeit und Medien geführt wird. Eine Einteilung in männlich und weiblich wird hier als sinnvoll und notwendig zugrunde gelegt. Die Infragestellung dieser Kategorisierung, scheitert sie doch offensichtlich an einigen Stellen, kommt nur selten auf. Würde diese doch die scheinbar unverrückbaren wirtschaftlichen und medialen Grundwerte der Sportverbände erheblich erschüttern. Nicht nur die gesellschaftlich verbreitete Auffassung, dass die ausschließliche Einteilung von Menschen in Männer und Frauen ein funktionierendes System ist, spiegelt sich hier wider, sondern auch – damit in Verbindung stehend – der gesellschaftliche Umgang mit Zwischengeschlechtlichkeit.

Die Debatte ist ein Abbild gesellschaftlicher Grenzen im Denken über und Umgang mit Geschlecht und Zwischengeschlechtlichkeit. Dass im Sport eine Grundlage für den gerechten Wettkampf geschaffen werden muss, ist sinnvoll. Das strikte Vorgehen gegen von Menschen künstlich gesteigerte Leistungsfähigkeit, um Fairness zu gewährleisten, erscheint aus dieser Perspektive logisch. Diese Logik lässt sich auf zwischengeschlechtliche Menschen jedoch nicht anwenden. Sie versuchen nicht ihre Leistung künstlich zu beeinflussen. Sie leisten das, was ihr anders erscheinender Körper zulässt. Nicht nur das Geschlecht ist ausschlaggebend für besondere Leistungen, auch andere körperliche Konstitutionen können Menschen in einem Wettkampf Vorteile verschaffen. Unweigerlich drängen sich an dieser Stelle Fragen auf: Wo fängt man an nach Ungerechtigkeit zu suchen? Woran kann Fairness festgemacht werden? Wie setzt man einen gerechten Wettkampf um? Und wann hört man auf, körperliche Differenzen in Kategorien einzuteilen, die offensichtlich in manchen Situationen scheitern? Antworten zu finden, ist nicht einfach, aber die Infragestellung der bislang vorgenommenen Kategorisierung in Männer und Frauen könnte unerwartete Alternativlösungen aufwerfen, finden sich doch innerhalb der Kategorien Mann und Frau mindestens die gleichen körperlichen Varianzen wie zwischen den Kategorien. Fernab der gesamten Debatte und all dieser Überlegungen sollte allerdings immer berücksichtigt werden, dass die Intimsphäre betroffener Personen zu wahren ist. Die Forderung von Gerechtigkeit in sportlichen Wettkämpfen darf den Anspruch der Gerechtigkeit im Umgang mit Menschen nicht ins Abseits drängen.

Themenschwerpunkt: Integration & Diskriminierung

Schlagwörter: , , ,

Weitere Artikel: Das Geschlecht als anthropologische Konstante, Jenseits von Mann und Frau – Anhörung des Deutschen Ethikrates zum Thema Intersexualität, Jenseits der rigiden Zweigeschlechtlichkeit,

2 Kommentare zu Die Jagd nach dem „wahren“ Geschlecht

  1. Reno sagt:

    Jeder Hermaphrodit, der bewusst seine körperliche Überlegenheit für seinen Vorteil nutzt, verhält sich ehrlos. Die Öffentlichkeit sieht das genauso, denn so ist es. Wenn es der Hermaphrodit jedoch nicht weiß (wegen Jugendlichkeit oder so), müssten die Trainer dies im Vorfeld erkennen und den Sportler darauf aufmerksam machen und Tests ohne die Öffentlichkeit vornehmen. Wenn jedoch wie bei Sara Gronert die weibliche Existenz gewählt wurde, muss sie dennoch die Realität im Auge behalten und wissen, dass sie keine Frau ist.

    Die Frage ist doch, ab das fair sein kann, ich als Hermaphrodit glaube das nicht, so sieht es die Öffentlichkeit auch. Hier wird nur deutlich, dass es niemals mit Hormongaben oder OP`s machbar ist, einen Hermaphroditen zu Mann oder Frau zu machen.

    Wenn es einen offiziellen 3. Geschlechtseintrag gibt, für alle, die sich als Herms fühlen, könnte die Welt so viele Sportler mit den Jahren zusammen bekommen, dass es auch für uns Wettkämpfe geben könnte. Dazu braucht es die Anerkennung als Mensch anderen Geschlechts. Wenn ich in Armut in Afrika leben müsste, würde ich auch fliehen wollen oder eben bei Olympia “bescheissen”, wenn das mein Freifahrtticket wäre. Nur verständlich. Mir ist Olympia und Fussball eh scheiß egal.

  2. Im Vorfeld der Frauen- Fußball – WM hat der Verein Intersexuelle Menschen e.V. den DFB angeschrieben und um Klärung gebeten. Dabei haben wir auch angekündigt, für den Fall, dass die xy-frauen ausgeschlossen werden, eine eigene intersexuelle Mannschaft stellen werden und die Mitgliedschaft für diese intersexuelle Fußballgruppe beim DFB beantragen. Da es nicht so viele intersexuelle Mannschaften in Deutschland gibt, dürfte diese Mannschaft dann ja wohl auch die Nationalmannschaft darstellen. Wir baten um offizielle Anerkennung durch den DFB.

    Bis heute ignoriert der DFB unseren Antrag. Liegt auch hier eine Diskriminierung wegen des Geschlechts unserer Nationalspieler vor? !

    Sie mögen schmunzeln, für die Spieler_innen ist dies bittere Realität.

    Das Testspiel gegen eine Mannschaft in Bad Orb ging mit 2:4 verloren. Den intersexuellen Spieler_innen wäre sicher der Fairness – Preis sicher gewesen. Fair wäre gut!