„Das Finden und Erkennen der eigenen geschlechtlichen Identität“

Prof. Dr. Konstanze Plett arbeitet an der Universität Bremen im Fachbereich Rechtswissenschaft und im Zentrum Gender Studies. In diesem Artikel geht sie auf verschiedene Rechtsbereiche ein, die intersexuelle Menschen benachteiligen, führt verfassungswidrige Rechtnormen bzw. Auslegungen von Rechtsnormen auf und schlägt Gesetzesänderungen vor, die diesen Benachteiligungen entgegenwirken könnten.

Das Bundesverfassungsgericht hat in mehreren Entscheidungen das Recht auf „das Finden und Erkennen der eigenen geschlechtlichen Identität“ als zum allgemeinen Persönlichkeitsrecht gehörig bezeichnet, in das „nur bei Vorliegen besonderer öffentlicher Belange“ eingegriffen werden darf.

Zum Finden und Erkennen der eigenen geschlechtlichen Identität gehört vor allem Zeit. Soweit rechtliche Rahmenbedingungen Beteiligte unter Entscheidungsdruck setzen, sind sie deshalb verfassungsrechtlich bedenklich. Ob besondere öffentliche Belange vorliegen, die einen Eingriff rechtfertigen, bedarf jeweils einer sorgfältigen Prüfung.

Personenstandsrecht

Druck geht u. a. vom Personenstandsrecht aus, das die Anzeige auch des Geschlechts eines Kindes binnen einer Woche nach der Geburt verlangt. Das Gesetz selbst erläutert nicht, was unter „Geschlecht“ zu verstehen ist. Die zugehörige neue Verwaltungsvorschrift lässt allerdings nur „männlich“ und „weiblich“ zu. Dies gilt seit dem 1. August 2010. Vorher war in Zweifelsfällen eine Bescheinigung von Arzt oder Hebamme einzuholen, aber nicht vorgeschrieben, wie die zu lauten hatte.

Ich halte die neue Vorschrift für verfassungswidrig; sie verhindert, dass intersexuell Geborene ihre eigene Geschlechtsidentität entwickeln können. Öffentliche Belange, dass jeder Mensch nur Frau oder Mann werden darf, vermag ich nicht zu erkennen; denn Männern und Frauen wird ihre Identität ja nicht dadurch bestritten, dass auch andere Identitäten möglich sind.

Die Bundesregierung wäre gut beraten, in die Vorschrift entsprechend einem Vorschlag des Rechtsausschusses des Bundesrats, das Wort „grundsätzlich“ einzufügen; damit wären in begründeten Fällen Ausnahmen zulässig, also etwa „beides“, „keins von beiden“, etwas anderes oder gar nichts einzutragen.

Einwilligung in medizinische Eingriffe

Behindert wird die Entwicklung einer individuellen, ggf. intersexuellen Geschlechtsidentität auch durch irreversible medizinische Eingriffe, denen Betroffene nicht persönlich zugestimmt haben. Deshalb teile ich die Rechtsauffassung, dass Eingriffe, die nicht zur Lebenserhaltung indiziert sind, ausschließlich der Selbstbestimmung unterliegen; bei verfassungsgemäßer Interpretation der Bestimmungen im Bürgerlichen Gesetzbuch, die das Vertretungsrecht für Minderjährige regeln, sind insoweit Elternrechte dem Kindesrecht untergeordnet.

Zur Sicherung der Patientenrechte Minderjähriger sollte der Gesetzgeber ein besonderes Verfahren einführen, da der bereits jetzt schon mögliche partielle oder volle Entzug der elterlichen Sorge in diesen Fällen ein ungeeignetes Instrument ist; den Eltern, die irreversiblen Eingriffen an ihren Kinder zustimmen, kann ja im Allgemeinen kein Vernachlässigungsvorwurf gemacht werden.

Für geeignet halte ich eine obligatorische Einschaltung des Familiengerichts im Wege der freiwilligen Gerichtsbarkeit. Falls Minderjährige mit entsprechender Einsichtsfähigkeit selber irreversible Behandlungen wünschen, wären diese dadurch nicht ausgeschlossen.

Weiterer rechtlicher Regelungsbedarf

Zur Lebensqualität gehört gesellschaftliche Anerkennung. Die Gesellschaft ist deshalb mehr als bisher darüber aufzuklären, dass nicht alle Menschen in jeder Hinsicht nur weiblich oder männlich sind. Angefangen werden muss damit bereits im vorschulischen und später schulischen Unterricht; entsprechend müssen alle Unterrichtenden ihrerseits in der Ausbildung Entsprechendes erfahren. Viele Ausbildungsordnungen sind Bundesrecht, d. h. der Gesetzgeber kann und muss aktiv werden.

Volljährig gewordene intersexuell Geborene müssen die Möglichkeit haben, sich über ihre eigene Geschichte genau zu informieren. Hierfür ist erforderlich, dass die Aufbewahrungsfristen für Behandlungsakten entsprechend lange sind. Auch sollte eine gerichtliche Überprüfung nicht durch Verjährungsvorschriften abgeschnitten sein.

Sonstiges

Da Geschlecht etwas ist, das sich auf alle Lebensbereiche erstreckt (von denen hier nur einige betrachtet werden konnten), sollte auf Bundesebene eine interministerielle Arbeitsgruppe eingerichtet werden, die das gesamte Recht auf Änderungsbedarf zur Wahrung der Menschenrechte intersexuell Geborener überprüft.

 

Prof. Dr. Konstanze Plett arbeitet an der Universität Bremen im Fachbereich Rechtswissenschaft und im Zentrum Gender Studies. Mehr Informationen gibt es hier.

Themenschwerpunkt: Aufklärung & Einwilligung, Lebensqualität, Personenstandsrecht

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Weitere Artikel: Jenseits von Mann und Frau – Anhörung des Deutschen Ethikrates zum Thema Intersexualität, Das Recht auf Freiheit zur Selbstverortung, Um was es wirklich geht, Lebensqualität, gesellschaftliche Situation und Perspektiven, „Intersexualität anerkennen statt auszulöschen“,

20 Kommentare zu „Das Finden und Erkennen der eigenen geschlechtlichen Identität“

  1. Reno sagt:

    Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Plett,

    Sie halten die neue Vorschrift für verfassungswidrig, dann ist sie es auch.

    Zur Lebensqualität gehört gesellschaftliche Anerkennung. Die Gesellschaft ist deshalb mehr als bisher darüber aufzuklären, dass …, d. h. der Gesetzgeber kann und muss aktiv werden. Manche wie ich warten auf den offiziellen 3. Geschlechtseintrag als Herm/Zwitter oder wie auch immer.
    Und zwar dingend: ich habe mal auf ein betreundetes Paar gewartet, sie gingen ganz langsam auf mich zu, wurden immer langsamer. Ich (AGS, muss als Frau leben), winkte Ihnen, dann kamen sie endlich zu mir. Sie waren voll verwirrt, sie dachten, da steht ein Mann, als sie mich von weitem sahen. Sie wissen es zwar von mir, aber richtig glauben können es die Menschen nicht. Wir sprachen dann kurz darüber. So Sachen passieren manchmal, die Menschen haben Angst. Dem kann man nur mit Aufklärung begegnen, bereits in der Schule, wir gehen ja auch zur Schule. Problematisch ist es für mich auch, wenn ich will, dass mich Freunde, wenn wir untereinander sind, nicht mehr als Frau sondern als Herm bezeichnen, ich sage ihnen das ja nicht zum Spass, sondern weil es so ist. Sie sagen dann sowas wie, für mich bist Du trotzdem eine Frau, als würden sie mir was Gutes tun damit. Mein Geschlecht ist für mich nicht weniger wert, aber für die Gesellschaft ist es das immer noch, weil die rechtliche Anerkennung fehlt und wir immer noch totgeschwiegen werden.

    Da das Verfassungsgericht in Karlsruhe bei Transsexuellen entschieden hat, dass sie sich keiner Geschlechtsumwandlung mehr unterziehen müssen, fordere ich hier ein, dass ein Intersexueller, auch wenn er Mutter/bin ich :-) oder Vater geworden ist, sich ebenso wie jeder andere Intersexueller, für den Fall eines 3. Geschlechtseintrages, für sein richtiges, einen zwischengeschlechtlichen Personenstandseintrag, entscheiden kann. Zudem verweisen die Verfassungsrichter darauf, dass bereits jetzt das Verhältnis rechtlich anerkannter Transsexueller zu ihren Kindern unberührt bleibt, sprich: die Betroffenen sind für ihre Kinder Mutter oder Vater, auch wenn sie ihr Geschlecht geändert haben. Für meinen Jungen wäre ich auch weiterhin seine Mama.
    Dies sollte bei Hermaphroditen/Intersexuellen nicht anders gesehen werden.

    Das Problem für mich ist nicht nur die Unkenntnis der Menschen und die damit weiter aufgezwungene versteckte und falsche Lebensweise als Frau, sondern die damit verbundene Abwertung der Zwitter in der Gesellschaft. Wir sind nur in der Medizin “vorhanden”, eben als Fehlbildungen, was einem komplexen Menschen unwürdig ist, zudem außer Acht lässt, dass es auch völlig gesunde und fertile von uns gibt. Da es bei mir eigentlich jeder irgendwann sieht oder auch hören kann, ist es auch völlig schwachsinnig, es nicht frei leben zu können. Solange die Lüge von ausschließlich Mann/Frau das Gesetz bestimmt, werden wir Diskriminierungen schutzlos ausgeliefert sein, d. h. die normalen Menschen merken es doch sowieso, die sind doch auch nicht blöd. Menschen mit psyschischen Problemen können dann ihren Hass an uns auslassen, da es im deutschen Recht keine Strafen für Diskriminierungen gibt.

    Eine interministerielle Arbeitsgruppe einzurichten, ist daher eine sehr gute Idee und ich sage vielen lieben Dank für Ihren Beitrag und alles Gute für Sie.

  2. MichelReiter sagt:

    “Zur Lebensqualität gehört gesellschaftliche Anerkennung. Die Gesellschaft ist deshalb mehr als bisher darüber aufzuklären, dass nicht alle Menschen in jeder Hinsicht nur weiblich oder männlich sind. Angefangen werden muss damit bereits im vorschulischen und später schulischen Unterricht; entsprechend müssen alle Unterrichtenden ihrerseits in der Ausbildung Entsprechendes erfahren. ” Auf meiner Liste stehen 92 Schulen in Bremen, die ich bzgl. Bewerbungsvideos anschreiben möchte. Ich werde, da die Sendung an Schulleiter geht, das Video Intersexions von Grant Lahood beipacken, sobald ich die DVD aus USA habe. Denn ich kann mein Produkt nicht anpreisen ohne darauf aufmerksam zu machen, dass Intersexualität eine Rolle spielt. Niemand weiss, wer Intersexuelle eigentlich sind, weil noch nie jemand welche gesehen hat im Unterschied zu Frauen, Männern und bisweilen Homosexuellen. In dem Film sind gut zwei Dutzend Intersexuelle abgelichtet. Sie unterscheiden sich optisch von Frauen, Männern und Transsexuellen.

    Die Idee der Arbeitsgruppe halte ich auch für gut, man wird auf die mangelnden Finanzen verweisen. Darum plädiere ich für Sponsorenschaft. Wer also etwas ändern will, sollte jemand finden, der das finanziert. Die aktuelle Regierung sehe nach allem was bisher von dieser Richtung kam als nicht geeignet.

    • Reno sagt:

      Stell es doch auch noch in YouTube und andere Plattformen, damit erreichst Du noch mehr Interessierte, nätürlich mit Verweis auf Intersexions.

  3. Sehr geehrte Prof. Konstanze Plett,

    ich möchte Ihnen zu Ihrem Aufsatz gratulieren! Auch wir halten die Änderung des Geburtseintrages für verfassungswidrig. Das war ein Schnellschuss ohne Bürgerbeteiligung.
    Mit Ihrem Vorschlag könnten die meisten Familien gut leben : “Die Bundesregierung wäre gut beraten, in die Vorschrift entsprechend einem Vorschlag des Rechtsausschusses des Bundesrats, das Wort „grundsätzlich“ einzufügen; damit wären in begründeten Fällen Ausnahmen zulässig, also etwa „beides“, „keins von beiden“, etwas anderes oder gar nichts einzutragen.”

    Herzliche Grüße
    Lucie Veith
    Intersexuelle Menschen e.V.

  4. kwhal sagt:

    Prof. Plett, warum hatten Sie jahrzehntelang geschwiegen, obwohl sie doch Bescheid wissen konnten? Vieles von dem, was Sie so schreiben, ist ja ganz nett, warum taten Sie das nicht zwanzig oder vierzig Jahre früher? Und warum perseverieren Sie über “Geschlechtsidentität”, wissen Sie denn nicht, wer sich dieses Konzept zu welchen Zwecken ausgedacht hatte?

    • Sehr geehrte_r kwhal,

      wer sich mit dem Wirken von Prof. Konstanze Plett auseinander setzt, wird schnell erkennen, dass sie(Plett) eine der ersten war, die sich für die Verbesserung der Situation intersexueller Menschen eingesetzt hat. Und warum nicht früher? Gestehen wir der Professorin mal zu, dass auch sie keine Hellseherin ist und sich mit den Herausforderungen, die dieser Staat uns, dem Herms, Zwittern und intersexuellen Menschen nicht früher auseinandergesetzt hat, weil sie durch das Tabu , das um unsere Existenz von einer anderen Fachrichtung gelegt wurde, keine ausreichenden Erkenntnisse hatte.

      Verwechseln wir hier auch nicht die Wahrnehmungsstörungen einiger sogenannter Experten zum Thema Geschlecht.

    • Prof. Dr. Konstanze Plett sagt:

      Sehr geehrter_r kwhal,

      vor zwanzig Jahren habe ich noch nichts sagen oder schreiben können, weil ich erst vor gut zehn Jahren im Rahmen meiner juristischen und rechtstheoretischen Frauen- und Geschlechterforschungen darauf gekommen bin, dass hier ein massives Tabu wirksam war und ist. Seit ziemlich genau zehn Jahren habe ich etliche Aufsätze veröffentlicht (einige davon finden Sie auf der Seite http://diskurs.ethikrat.org/%C2%A0prof-dr-iur-konstanze-plett-ll-m/) und noch sehr viel mehr Vorträge gehalten. Außerdem mache ich das Thema „Intersex und Recht“ (einschließlich der Schwierigkeiten der Bezeichnung) regelmäßig zum Gegenstand meiner Kurse an der Universität. Dabei gibt es eine erfreuliche Beobachtung mitzuteilen: Jüngere Studierende begreifen sehr viel schneller, worum es geht, als Menschen meines Alters. Dies deute ich als Zeichen dafür, dass das Tabu zu bröckeln begonnen hat.

      Dass ich gegenwärtig nicht bereit bin, das Konzept Geschlechtsidentität zu verabschieden, hängt damit zusammen, dass dies zur Zeit der beste Ansatzpunkt ist, um unter Berufung auf die Menschenrechte Rechtsänderungen zu erreichen.

      Mit freundlichen Grüßen
      Konstanze Plett

  5. claudia sagt:

    Ich fange einen Kommentar zu „Identität“ mal absichtsvoll nicht mit dem Thema „Geschlecht“ an.
    Mir wäre es lieber, wenn im Personalausweis statt des albernen „deutsch“ stehen könnte: „homo sapiens“. Eine Identität, die nicht nur ich so sehe, sondern die auch von anderen Lebewesen, auch von Tieren, fraglos akzeptiert wird.
    Diese „nichtdeutsche“ aber „homosapiens“-Identität könnte durch eine Untersuchung des Gehirns als angeboren bestätigt werden: Man findet keine Zellen mit schwarzrotgoldener Einfärbung, aber das Gehirn ist leicht als ein menschliches Solches identifizierbar.
    Sie könnte aber auch sozialisationsbedingt sein: Im Umgang mit Lebewesen verschiedener Arten habe ich gelernt, mich einer Art zuzuordnen.
    Es ist eine Frage der Perspektive.
    Soviel zur „Identität“.

    Und jetzt zum Konkreten:
    Zitat C. Plett:
    „Die Bundesregierung wäre gut beraten, in die Vorschrift entsprechend einem Vorschlag des Rechtsausschusses des Bundesrats, das Wort „grundsätzlich“ einzufügen; damit wären in begründeten Fällen Ausnahmen zulässig, also etwa „beides“, „keins von beiden“, etwas anderes oder gar nichts einzutragen.“
    Nun, liebe Frau/Herr/Hermaphrodit Plett, sollten Sie auch erklären, nach welchen Kriterien Sie ein Neugeborenes den “Geschlechtern” zuweisen wollen. Wer geht noch als „Junge“ oder als „Mädchen“ durch und wer muss als „Beides“ oder „keines von Beiden“ eingetragen werden?
    Wo möchten Sie die die Grenze setzen? Sind Sie mit irgendjemand einig über neuen Grenzen zwischen weiblich/beides/keins von beiden/männlich? Oder freuen Sie sich schon auf die immerwährende Diskussion über die neuen Grenzziehungen?

    Sind Sie sicher, dass Kinder, die irgendwelche “Geschlechtsexperten” gerade noch als „männlich“ oder „weiblich“ durchgehen lassen, nicht doch wieder kosmetischen Anpassungseingriffen ausgesetzt bleiben? Oder sind Ihnen Kinder egal und Sie wollen eben nur Befindlichkeiten Erwachsener rechtlich umsetzen? Und wenn es so ist, warum können Sie dann nicht einfach sagen: „Legt kleine Kinder nicht fest auf männlich, weiblich, zwittrig oder was auch immer!“??

    “Für geeignet halte ich eine obligatorische Einschaltung des Familiengerichts im Wege der freiwilligen Gerichtsbarkeit“
    Aha. Und wer soll das Gutachten fürs Familiengericht schreiben? Doch wieder die allbekannten Verdächtigen, oder wer sonst?

    „Volljährig gewordene intersexuell Geborene müssen die Möglichkeit haben, sich über ihre eigene Geschichte genau zu informieren“
    Und vor der Volljährigkeit müssen Befunde weiterhin nicht mit den Betroffenen besprochen werden. Eine ärztliche Aufklärungspflicht auch vor dem 18. Lebensjahr sollte selbstverständlich sein. Nicht nur “Volljährige”, auch 12-jährige müssen das Recht haben, Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen.
    Erst mit 18 endlich mal Fakten, davor die bekannten dummen Ausreden: Die bis zur Volljährigkeit zurückgehaltenen Befunde und Behandlungsakten könnten dann zu Klagen führen. Ein sehr durchsichtiges Plädoyer für das Wohlergehen Ihres Berufsstandes, finde ich.

    „Das Gesetz selbst erläutert nicht, was unter „Geschlecht“ zu verstehen ist.“
    Eben.
    Warum kann man dann nicht einfach sagen: „Wenn es euch gar so wichtig ist, dann tragt halt in Gottsnamen was ein. Aber kennzeichnet das als provisorisch bis zur Selbsterklärung der eingetragenen Person“. Wenn keine Selbsterklärung erfolgt, dann bleibt es eben dabei. Wenn eine Selbsterklärung erfolgt, dann hat man wenigstens nichts festgelegt. Wodurch sich auch physische Festlegungen vor der Selbsterklärung verböten. Ganz ohne Familiengerichte und ohne das krude Menschenbild irgendwelcher vom Gericht bestellter Gutachter.

    Warum wollt Ihr es immer möglichst kompliziert und mit soviel Autorität von erwachsener Seite wie möglich?
    Das sollte man auch mal psychologisch untersuchen.

    Ich bitte um Entschuldigung für meinen aggressiven Ton. Aber ich finde es alamierend, dass man sich auch hier wieder hochtourig im Kreis bewegt, wie schon seit vielen Jahren.

    • Prof. Dr. Konstanze Plett sagt:

      Zunächst: Bitte um Entschuldigung angenommen. Meine Ausführungen zielen jedoch gerade darauf, aus alten Kreisläufen auszubrechen.

      Im Einzelnen:

      Ich denke bereits seit zehn Jahren darüber nach, was wäre, wenn es überhaupt keine Geschlechtsregistrierung seitens des Staates gäbe, da dies die von mir eigentlich bevorzugte Lösung ist. Dies habe ich in meinem kurzen Beitrag außer aus Platzgründen aus zwei Gründen nicht erwähnt. Erstens halte ich den Sprung für viel zu groß und eine Abschaffung der Kategorie Geschlecht für derzeit nocht nicht realisierbar; die Einfügung des kleinen Wörtchens „grundsätzlich“ hingegen könnte alsbald verwirklicht werden, da dieser Vorschlag schon einmal auf dem Tisch lag. Es gibt aber auch einen sachlichen Grund, nicht sofort zur kompletten Abschaffung der Verwaltungskategorie Geschlecht überzugehen. Denn die jahrzehntelange Unsichtbarmachung von inter* geborenen Menschen würde dann fortgesetzt werden. Und es gibt verschiedene Beispiele in der Rechtsgeschichte, dass gerade die ersatzlose Streichung von als unzeitgemäß empfundenen Rechtsvorschriften die Dinge so lässt, wie sie vorher waren.

      Die Kinder sind mir keineswegs egal, sondern an sie denke ich in erster Linie. In den von mir vorgeschlagenen Familiengerichtsverfahren soll es nicht um die Geschlechtsfestlegung gehen, sondern darum, ob das Selbstbestimmungsrecht der Minderjährigen gewahrt ist. D. h. es soll von den Gerichten geprüft werden, ob die Kinder und Jugendlichen, sofern eine Operation in Aussicht genommen wird, darüber aufgeklärt wurden und in allen Konsequenzen verstanden haben und dieses selbst wollen. Dies ist eine ganz andere Frage als die nach dem Geschlecht der Kinder.

      Sie schreiben: „Eine ärztliche Aufklärungspflicht auch vor dem 18. Lebensjahr sollte selbstverständlich sein. Nicht nur “Volljährige”, auch 12-jährige müssen das Recht haben, Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen.“ Damit haben Sie völlig recht, und das ist sogar schon heute so (und gilt sogar auch schon für Kinder unter 12 Jahren). Nur leider gibt es kaum eine Möglichkeit, zu überprüfen, ob dies tatsächlich so gehandhabt wird. Ich möchte Kindern nicht zumuten, gegen Ärzte und Ärztinnen oder gar gegen ihre eigenen Eltern gerichtlich vorzugehen. Auch deshalb halte ich eine obligatorische gerichtliche Überprüfung für sinnvoll.

      Ich hoffe, dass ich hiermit ein paar Ihrer Missverständnisse ausräumen konnte, und verbleibe mit freundlichen Grüßen

      Konstanze Plett

      • claudia sagt:

        Hallo Frau Plett,

        danke für das Verständnis :-)

        Ich will man kurz erläutern, wie ich die PStG-Diskussionen erlebt habe:
        Der Vorschlag, PStG §21.3 ersatzlos zu streichen, ist etwas mehr als 10 Jahre alt. Es wurde zunächst diskutiert, ob das politsich durchsetzbar sei, mit eher negativem Ergebnis.
        Später kam aber noch die Erkenntnis dazu, dass die Streichung von 21.3 für Kinder mit zwischengeschlechtlichen Köpermerkmalen hochwahrscheinlich nichts ändern würde. Ob drin steht: “Einzutragen ist das Geschlecht des Kindes”, wobei “Geschlecht” undefiniert bleibt, weil jede/r zu wissen glaubt, was damit gemeint ist, oder ob gar nichts drin steht: Das würde an der Praxis nichts ändern.
        Worüber kein Gesetz etwas aussagt, das kann gemacht werden.

        Dann kam der Vorschlag, “ein Drittes” eintragbar zu machen. Dagegen als Geburtseintrag sprechen folgende Gründe:

        - Kinder gesetzlich einer sehr kleinen Minderheitsgruppe fest zuzuweisen wird Grundrechte nicht weniger verletzen als eine Zuweisung zu einer nicht optimal passenden Grossgruppe.

        - Solange man sich nicht mit der Frage auseinandersetzt, nach welchen Kriterien ein Kind der Gruppe M, Z, oder F zuzuweisen ist, scheint es einfach zu sein. Fragt man aber nach Entscheidungskriterien, so wird es uferlos:
        Nach Augenschein (“Hebammengutachen”)?
        nach klinischem Befund: ärztliche Untersuchung?
        nach Laborbefunden?
        Wieder mal viel Genderdiagnostik ohne Gesundheitswert am Baby und am Ende würde wohl das Labor entscheiden, inclusive möglicher Analysenfehler..

        - im späteren Verlaufe gäbe auch dann in nicht wenigen Fällen wieder die demütigenden Gutachtereien der einen oder anderen Art, um die autoritäre Entscheidung noch mal ändern zu dürfen.

        - wer bei der Geburt unauffällig ist würde dann immer noch falsch zugewiesen, wenn sich erst im Pubertätsalter eine Intersexualität offenbart.

        - es würden zwei neue Intersexkategorien geschaffen: Auf der Grenze zwischen “weiblich” und “dem Dritten” und zwischen “männlich” und dem “Dritten”. (Das würde wohl bei einem Eintrag “nicht feststellbar” nicht der Fall sein, aber der hätte auch seine Macken.)

        Daraus folgte die pragmatische Überlegung: Man trägt etwas ein wie bisher, schreibt aber ausdrücklich fest, dass die eingetragene Person sich gegen den Eintrag entscheiden kann. (Siehe “Der provisorische Charakter des Geschlechts” von J. Woweries. Ich fand auffällig, dass keine/r der hier anwesenden Juristen sich dort geäussert hat.)

        Die Folgen, soweit ich es abschätzen kann:

        - Die grosse Mehrheit wird sich erfahrungsgemäss niemals gegen den Eintrag entscheiden, für sie ändert sich also nichts gegenüber der bisherigen Regelung. (wichtig für die Durchsetzbarkeit)

        - Die Minderheit, die sich gegen den Eintrag entscheiden wird, geniesst den Vorteil, dass der Selbstentscheidung nicht durch medizynische Festlegungen vorgegriffen werden darf, weil damit das gesetzlich festgeschriebene Recht auf Selbstentscheidung verletzt würde.

        - die medizinische Diagnostik am Baby bliebe auf gesundheitsrelevante Dinge beschränkt.

        - Gegen eine Selbstentscheidung für ein drittes Geschlecht spricht nichts.

        Soweit ich (ohne juristsiche Ausbildung) erkennen kann, wäre dies mit dem GG vereinbar, vor Allem mit Artikel 2.
        Ich bitte Sie, zu überlegen, ob Sie gegen diesen Vorschlag triftige rechtliche Einwände finden, die dann diskutiert werden müssten, oder ob Sie sich dem Vorschlag anschliessen können.


        Entscheidungsfähigkeit setzt selbstverständlich Zugang zu allen relevanten Informationen voraus. Geschlechtlich Normgeborene haben Zugang zu Informationen über ihren Normgeschlechtskörper. Das gleiche Recht müssen von der Körpernorm abweichende Menschen haben, auch wenn für Einzelfall ein Untersuchungsbefund das Lehrbuch ersetzen muss.
        Im Biologiebuch sollte stehen, dass beiden Modelle “weiblich/männlich” Idealbilder sind, dass die Menschen sich aber individuell unterscheiden und geringe oder stärkere Abweichungen vom Modell kein Werturteil über Menschen begründen können.


        Das Familiengericht steht in Ihrem Artikel unter “Einwilligung in medizinische Eingriffe”. Deshalb hatte ich Bedenken, denn eine gerichtliche Entscheidung über medizinische Eingriffe läuft letzten Endes auf die Entscheidung eines medizinischen Gutachters hinaus. Das sehe ich sehr skeptisch. Letztlich sollten medizinische Behandlungen, die kein gesundheitlicher Notfall sind, von der betreffenden Person selbst entschieden werden.
        Dass ein Gericht nur darüber wacht und eingreift, wenn das Selbstentscheidungsrecht verletzt wird, wäre natürlich positiv, würde aber erst mal Definitionen ausserhalb der DSD-Manege, aber mit medizinischer Fachkenntnis voraussetzen.*

        Wenn ein Gericht Kindern und Jugendlichen helfen kann, von den Grossen ernstgenommen zu werden, dann befürworte ich das schon. Im Sinne von GG Artikel 2.


        * “in der Kindheit offenlassen” zum Beispiel bedeutet bei angeborenem AGS (CAH), dass mit einer vorsichtigen Hydrocortisongabe frühzeitige Virilisierung und auffälliger Kleinwuchs verhindert wird. Absolute Nichtbehandlung kann machmal auch eine autoritäre Entscheidung bedeuten.
        Ähnliches gölte bei Gondendysgenesie und der Perspektive eines sehr auffälligen Hochwuchses.
        Es muss ein Recht auf informierte Entscheidung contra Behandlung, aber auch pro rechtzeitige Behandlung geben.

  6. folke sagt:

    Sehr geehrte Frau Prof. Plett,

    Ihrem Artikel kann ich im Großen und Ganzen zustimmen.
    Auch das Plädoyer für ein neues Verfahren zur Sicherung der Patientenrechte würde ich unterstützen. Eine Einwilligung zu einem medizinischen Eingriff hat wirklich nichts mit Vernachlässigung zu tun. Eltern gehen davon aus, dass sie ihrem Kind etwas Gutes tun.

    Eine Verlängerung der Verjährungsvorschriften finde ich sehr wichtig für die Kinder. Die derzeit gelten Regelungen sind definitiv unzureichend. Bis man als Elternteil begriffen hat, um was es geht und was die ärzliche Nomenklausur bedeutet, sind die 3 Jahre um. Ganz davon abzusehen, dass eventuelle Schäden sich erst später zeigen. Vorerst ist die Welt in Ordnung.

    Eine Überprüfung aller Rechtsvorschriften wäre wünschenswert, genauso wie eine Ausbildung der Pädagogen und Erzieher. Es gibt hier sehr viele Bereiche, die berührt werden, wenn es um die Menschenrechte Intersexueller geht, die so lange nicht existent waren.

    Bedenken habe ich bei “Ausnahmen in begründeten Fällen”, wie Sie es beim Eintrag in das Personenstandsregister vorschlagen. Aus meinen bisherigen Erfahrungen im deutschen Rechtssystem weiß ich, das Ausnahmeregelung meistens gut sind für findige Leute, die sie zu ihrem Vorteil zu nutzen wissen und eher selten für die, für die sie gedacht waren.
    Eine Verwaltungsanweisung, mit dem Hinweis das Geschlecht grundsätzlich erst zu einem späteren Zeitpunkt nachzutragen, würde ich vorziehen.
    Bestünde nicht auch diese Möglichkeit?
    Wenn ich das richtig sehe, sagt das PST ( § 18 ) nur, dass die Geburt innerhalb einer Woche angezeigt, also gemeldet, werden muss, während (§ 21 ) von den Fakten spricht, die ins Register eingetragen werden.

    Natürlich ist die neue Verwaltungsvorschrift wieder einmal typisch deutsche Bürokratie.
    Da es aber nur um eine Verwaltungsvorschrift handelt, ist ihre Mißachtung auch nur eine Ordnungswidrigkeit, die grundsätzlich mit einer Geldbuße belegt würde.
    Haben Sie vielleicht eine Ahnung wie hoch die Strafe da ausfallen könnte?
    Sie kann eigentlich nicht hoch sein.

    Herzlichen Gruß
    folke

    • Prof. Dr. Konstanze Plett sagt:

      Sehr geehrte_r folke,

      leider komme ich erst jetzt zum Antworten.

      Zunächst zur letzten Frage: Die Verwaltungsvorschrift ist an die StandesbeamtInnen adressiert. Diese werden sich vermutlich danach richten. Wer nicht damit einverstanden ist, muss Berichtigung aufgrund gerichtlicher Entscheidung beantragen. Die Gerichte sind im Übrigen nicht an die Verwaltungsvorschrift gebunden.

      Personenstandsrechtliche Ordnungswidrigkeiten sind im Personenstandsgesetz (PStG) selbst geregelt. Nach § 70 PStG handelt ordnungswidrig, wer zu einer Anzeige verpflichtet ist und diese “nicht, nicht richtig, nicht vollständig, nicht in der vorgeschriebenen Weise oder nicht rechtzeitig erstattet”; die Ordnungswidrigkeit kann mit einer Geldbuße zwischen 5 und 1000 Euro geahndet werden. Hierzu habe ich schon in einem 2007 veröffentlichten Aufsatz (Zeitschrift für Sexualforschung, Jg. 20, S. 162ff, S. 168f.) geschrieben, dass bei der rechtzeitigen Angabe von Geschlecht als “intersexuell” (oder mit welcher Formulierung auch immer, die anders als “männlich” oder “weiblich” ist) einem Ordnungswidrigkeitenverfahren mit Gelassenheit entgegengesehen werden kann, weil bei intersexuell geborenen Kindern die Angabe “männlich” oder “weiblich” falsch ist. Aber so oder so – auch hier kommt man nur mit Gerichten weiter. Und Gerichte werden nicht von sich aus tätig, sondern es muss sich jemand finden, der ein Gericht anruft und das Verfahren dann auch durchhält.

      Ihrem Vorschlag, den Geschlechtseintrag generell erst später vorzunehmen, kann ich im Prinzip folgen, halte ihn zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch für weniger realisierbar als die Einfügung des Wortes “grundsätzlich”. Denn dann wird unweigerlich die Frage auftauchen: Wie lange darf gewartet werden? Unter Berücksichtigung meiner anderen Überlegungen (und nicht nur meiner) zum Selbstbestimmungsrecht hinsichtlich medizinischer Behandlungen müssten das wohl auch zehn, zwölf, 14 Jahre sein; ich glaube nicht, dass die Mehrheitsgesellschaft dies schon für alle Menschen aushält. Wenn der Geschlechtseintrag “nur” in den “Zweifelsfällen” offen bliebe, wäre das zurzeit wohl eher hinnehmbar.

      Ich bin aber ziemlich sicher, dass die Diskussion hierzu weitergehen wird.

      Mit freundlichen Grüßen
      Konstanze Plett

  7. Liebe_r Folke,

    Sie schreiben : “Eine Einwilligung zu einem medizinischen Eingriff hat wirklich nichts mit Vernachlässigung zu tun. Eltern gehen davon aus, dass sie ihrem Kind etwas Gutes tun.”

    Diejenigen, die Eltern genau an die scheinbare Grenze bringen, dass sie scheinbar ihrem Kind etwas Gutes tun, ist das Handwerk zu legen. Denn leider ist die Mehrzahl der Mediziner, die sich mit diesen Dienstleitungen beschäftigt unkontrolliert, sie wähnen sich in Sicherheit, denn die Bundesrepublik und die Mehrzahl der Juristen verlassen sich auf die Expertise dieser selbsternannten, wie haben wir gelernt, bisher unbekannten “Staatsethiker”. Sie setzen sich zwischen Eltern und Kind, indem sie die Verantwortung den Eltern in die Schuhe schieben.
    Diese Dienstleister, die das Mensch sein an der Funktionalität und an der Fortpflanzungsfähigkeit fest machen, halten sich nicht an die Regeln , die dieser Staat sich gegeben hat um Kinder zu schützen und ihnen die bestmögliche Entwicklung zu gewährleisten.

    Damit es ganz deutlich wird: Ich mache den falsch beratenen Eltern keine Vorwürfe, sondern diese richten sich an die Dienstleister, die Menschenversuche an Kindern vollziehen.
    Alle staatlichen Stellen sind dem Grundgesetz und den ratifizierten UN Konventionen verpflichtet. Da ist keine ethische Frage offen.

    Den Eltern möchte ich an dieser Stelle Mut machen, sich zu wehren gegen die Falschberater.
    Ich setze auf den Ethikrat und seine Mitglieder und hoffe, dass sie den Mut haben, sich auf die Seite der Kinder zu stellen.

  8. kwhal sagt:

    Vorbemerkung: ich halte es für das wichtigste Anliegen, die Zwangsoperationen an Minderjährigen so schnell und so umfassend wie möglich zu stoppen durch ein geeignetes Verbot. Da Sie das Konzept “Geschlechtsidentität” erwähnen, möchte ich auf eine – wie ich meine legitime – Sichtweise hinweisen, welche diejenigen betrachtet, die sich dieses Konzept ersonnen haben.

    Namhafte Sexualwissenschaftler hatten sich jahrzehntelang befleißigt, Menschen zu pathologisieren und zu stigmatisieren, die einen Geschlechtswechsel unternahmen. Und bereichert hatten sie sich an ihnen obendrein.

    Somit wußten sie seit Jahrzehnten um die geschlechtlichen Zwangsoperationen an unmündigen Intersexen, nicht zuletzt deswegen, weil einige davon später sich bei ihnen vorstellten, um sich im Sinne von „Transsexualismus“ behandeln zu lassen.

    Das ärgerte die Sexualwissenschaftler aber gewaltig, weil dies ja ihren Theorien hinsichtlich des Erwerbs der so genannten “Geschlechtsidentität” widersprach, die sie sich zur Etablierung und „Legitimation“ der Zwangsoperationen ausgedacht hatten. Damit das nicht auffiel, erdachten sie das Märchen von der „Ausschlußdiagnose Intersex“.

    - Einigen Intersexen verwehrten sie und ihre Anhänger schlichtweg jegliche Behandlung die dem Zuweisungsgeschlecht zuwider lief. Sie verwehrten ihnen somit das Recht auf Behandlungen, zu denen sie nicht-intersexuelle Personen zuließen.
    - Einige Intersexe ließen sie zu den Behandlungen zu, unter der Bedingung, daß alle so taten, als hätte keine Intersexualität bestanden, so daß dementsprechend auch nichts davon berücksichtigt oder dokumentiert wurde, was zu vermeidbar schlechten Verläufen führte, und wogegen die Betroffenen meist noch nicht mal klagen konnten, weil ja ihre vorherige interexuelle Beschaffenheit nicht medizinisch dokumentiert war.
    - Einige Intersexe zwangen sie sogar, sich erst im Sinne des Zuweisungsgeschlechtes (also in die vom Patienten als falsch empfundene Richtung) „vereindeutigen“ (im allgemeinen amputieren) zu lassen, bevor man sie zur Behandlung in die vom Patienten gewünschte Richtung zuließ. Daß die Amputation solcher funktionaler, aber intersexueller Organe, und der spätere Ersatz durch dysfunktionale Attrappen und Kunststoffimplantate weit schlechter ist als der Erhalt der intersexuellen Organe, gerade wenn diese ins “andere Geschlecht” passen, liegt auf der Hand.
    - Und einige Intersexe erklärte man als „ausnahmsweise fehl-zugewiesen“, um sie unter Umgehung jeglicher Standards möglichst schnell wegzuoperieren, auch dies mit vermeidbar schlechten Verläufen. Und falls die Betroffenen sich darüber beschwerten, wurde ihnen klargemacht, daß sie doch dankbar sein sollten, dass man sie nicht zu Transsexualisten erklärt habe.

    Aber die Proteste der Intersexe gegen die Medizin wurden lauter. Viele der aufsässigen Intersexe konnte man nicht unter der Chiffre „Transsexualismus“ der Medizin erneut zu führen. Eigentlich fanden die Psychologen und Sexuologen Intersexe einen blöden Nebenwiderspruch, und Transsexualisten fanden sie ohnehin das verbohrteste garstigste Pack, daß man sich vorstellen konnte.

    Aber man wollte ja die Verfügungsgewalt über das Geschlecht der Menschen aufrechterhalten und Intersexe unter neuen Vorwänden wieder unter Kontrolle bringen. Getreu dem Motto „divide et impera“ (teile und herrsche) begann somit insbesondere ein Experte (bis etwa 2009) jeden seiner Vorträge über Intersexualität mit einem großen Wehklagen über die „bösen Transsexuellen“, die ja angeblich die „edlen Zwitter“ ständig unterbuttern. Wobei mit „Intersex“ allerdings nicht alle Menschen mit zwischengeschlechtlichen Körpermerkmalen gemeint waren, sondern nur eine vermeindlich gefügige und ggf. hinreichend vortraumatisierte Untermenge. Dementsprechend wähnten sich manche Intersexe „moralisch höherstehend“ oder „gerechtfertigter“.

    Tatsächlich aber stellte man in der „Hamburger Studie“ den Zwittern lauter Fragen, die allenfalls bei “normgeborenen” Transsexualisten sinnvoll wären. Und Juristen verlassen sich anscheinend auf die „sexualmedizinischen Experten“ und sehen sich offenbar außerstande, sexuologische Ideologien zu hinterfragen. Aber vielleicht ändert sich das ja.

    Ich möchte auch ausdrücklich darauf hinweisen, dass zum Beispiel besagte Studie viele wichtige Ergebnisse erbracht hat, und dass auch die diejenigen, die diese Studie durchführten, anscheinend vieles dazu gelernt haben, leider jedoch bislang darauf verzichten, darauf hinzuweisen, welche Dinge sie zuvor anders gesehen hatten und ob ihnen das eventuell leid täte. Aber das kann ja noch kommen.

  9. kwhal sagt:

    Ach ja, die sogenannte “Geschlechtsidentität”, und wie es dazu kam:

    Zuerst war die Therapie – vor etwa 90 Jahren wurden in Mitteleuropa die ersten operativen Geschlechtsumwandlungen durchgeführt.

    Dann dachte man sich die Diagnose aus – nach dem Zweiten Weltkrieg überlegte man sich, wenn keine intersexuellere Diagnose verfügbar war, solches als Transsexualismus zu bezeichnen, ein Begriff, der von Hirschfeld in anderem Zusammenhange gebraucht worden war.

    Um den Anschein der Wissenschaftlichkeit zu vervollständigen, brauchte es ein Korrelat, dass man aber gerade nicht physisch gefunden hatte, bzw. von dem man behauptete, dass es physisch nicht zu finden sei – die Geschlechtsidentität.

    Nun wäre es ja nahe liegend gewesen, jemandem, der sich verweiblichen lassen wollte, eine weibliche Geschlechtsidentität zuzuschreiben respektive jemandem der sicher vermännlichen lassen wollte eine männliche Geschlechtsidentität. Aber das wäre ja nicht pathologisierend genug, da gäbe es ja gar keinen in Therapiebedarf. Deswegen tauchte ab etwa 1994 der Begriff der Geschlechtsidentitätsstörung auf.

    Ehrlicher wäre es gewesen, wenn man von störender Geschlechtsidentität gesprochen hätte, denn die Sexualwissenschaftler empfanden ja die Geschlechtsidentität der Betroffenen als störend, insbesondere für ihre Lieblingstheorien, während die Betroffenen eher ihre Papiere und gegebenenfalls bestimmte körperliche Merkmale als störend empfanden, nicht hingegen ihr Zugehörigkeitsempfinden. Da die Sexualwissenschaftler in eine geeignete Machtposition gerückt waren, nutzten sie diese aus, um die Patienten zu demütigen, zu pathologisieren, auszubeuten, und zu stigmatisieren; gleichzeitig konnten die Sexualwissenschaftler weitgehend an ihrem subjektiven Weltbild festhalten.

    Das ging, wenn ich mich recht erinnere, so weit, daß ein Experte in einem Buch über Intersexualität von Ulla Fröhling sich dahingehend äußerte, es ärgere ihn, wenn im Fernsehen junge hübsche unauffällige Transsexuelle zu sehen seien. Ich vermute, es ärgerte ihn deswegen, weil er sie am liebsten alle stets erkennen würde wollen, oder vielleicht, weil alte häßliche Transsexuelle viel pathologischer und auffälliger erscheinen, so wie es sich gehört.

    Ich möchte in diesem Zusammenhang ausdrücklich auf die ausführlichen Recherchen fachlich hochkarätiger Texte durch Nachhaker hinweisen. Ich gehe davon aus, daß sich nicht bei allen Transsexualisten körperliche Merkmale einer Variation der Geschlechtsentwicklung nachweisen lassen, aber zumindest bei einer relevanten Minderheit. Schon Benjamin beschrieb in seiner Monographie von 1966 jeweils etwa 40 % von Personen mit klinischem (nicht etwa labormäßigem) Hypogonadismus in seinen beiden Stichproben. Da hierbei unterschiedliche intersexuelle Besonderheiten zu Grunde liegen, gibt es natürlich kein gemeinsames somatisches Korrelat, aber doch bestimmte typische.

    Die Intersex-Bewegung wehrt sich gegen Tabuisierung. Der Umstand, daß sich manche Intersexe im Sinne eines Transsexualismus behandeln ließen, bzw. daß unter den Personen, die sich im Sinne eines Transsexualismus behandeln ließen, eine relevante Anzahl an Intersexen ist, ist hoffentlich auch bald kein so großes Tabu mehr. Bis dahin sind die Leute sonst doppelt gestraft. Manchmal ist es auch gar nicht so einfach, Intersexualität nachzuweisen. Deswegen sollte allen erwachsenen Menschen innerhalb einer Frist von höchstens wenigen Monaten unabhängig von Diagnosekategorien gleicher, selbstbestimmter, freier, und solidar-finanzierter Zugang zu juristischen, operativen, und anderen medizinischen Maßnahmen gewährt werden, ohne dass sie irgendwelche albernen, aber teuren Gutachten vorzuweisen haben. Dadurch besteht dann auch nicht mehr das (vermutlich eher theoretische) Problem, es könnte ja einzelne Personen geben, die von einer Zwangsoperationen im minderjährigen Alter profitiert hätten, weil die können sicher dann als Erwachsene anpassen lassen, wenn sie das wirklich wollen.

  10. kwhal sagt:

    Manche “Experten” meinen, so genannte “Anpassungsoperationen” von Geschlechtsmerkmalen an Minderjährigen dienen dazu, dass diese eine stabile Geschlechtsidentität bilden können. Die Ausbildung einer stabilen Geschlechtsidentität bedeutet in diesem Zusammenhang man will sie entmutigen, damit sie nicht später ihr Zuweisungsgeschlecht wechseln. Denn das empfänden die Experten ja als eine störende Geschlechtsidentität. Ein intersexueller Mensch, dem als Kind das Glied abgeschnitten oder operativ “verkleinert” wurde, wie es zum Beispiel bei 46XX-AGS geschieht, weiß das jegliche Operationen weniger Authentizität erbrächte als das was er hatte, bzw. als das was er hätte haben können, und auch weniger Authentizität als das was ein nicht-intersexueller Frau-zu-Mann Transsexualist durch hormonbedingtes Wachstum der Klitoris erreicht. Vergleichbares gilt für Brüste, wie sie manchen jugendlichen Minderjährigen entfernt wurden.

    Einige Personen mit 46XX-AGS ordnen sich eher männlich oder zwittrig ein; unter den Frau-zu-Mann-Transsexualisten gibt es mehr Personen mit AGS, LOS-AGS und PCOS, als statistisch zu erwarten wäre. Jeder einzelne Mensch ist in seiner körperlichen Integrität und seiner Selbstbestimmung wichtig. Wenn Personen mit 46XX-AGS als Minderjährige nicht zwangsoperiert wurden, können sie sich immer noch als Erwachsene so anpassen lassen, dass sie auch Kinder kriegen können.

    • Reno sagt:

      Merci für den Kommentar, es ist schon recht befremdlich für mich, wenn hier die Eltern und Doc`s immer behaupten, AGS`ler sind einfach Frauen. Aufgrund dessen plädieren sie für weiteres Rumgeschnipple und Hormonbehandlungen. Das ist ein gutes Argument, dass auch Ärzte und Nichtärzte vom Ethikrat aufhorchen lassen sollte.

      Die Behauptung, Menschen mit AGS sind immer Frauen ist so falsch, es ist eine Lüge. Das sagt einer mit AGS, dem man es nicht ansieht. Wenn es so wäre, hätte die Diana nicht auf der Anhörung gesprochen, wäre ich nicht hier. Lasst Euch bitte nicht von den Ärzten beeinflussen, wir sind einfach echt keine Frauen, wir sind Herms und gut. Wir sind die am öftesten geborenen Intersexuellen, auch die mit Late onset AGS sind einfach Herms, beendet die Behandlung, sie sind nicht rückgängig zu machen und man kann ein Geschlecht nicht ändern, das kann keiner, jeder Versuch ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Jeder Herm sollte das gleiche Recht wie jeder andere Mensch haben, frei sein Leben zu leben, frei von Folter und Misshandlung, ohne Diskriminierung und ohne Angst, egal was es für einen Grund hat, dass er von Gott mit mehr als einem Geschlecht gesegnet wurde.

      • folke sagt:

        Ich glaube nicht, das irgendjemand einem anderen erzählen darf, was er ist.
        Und ich denke auch nicht, dass es nur an der Diagnose oder an der Anatomie oder am Hormonstatus oder an der Genetik (XX oder XY) hängt.
        Wir sind alle keine Einzelteile sondern ein Gesamtbild.
        Vergleichbar mit einem schöngeschliffenen Diamanten.
        Wenn auch nur Kohlenstoff, eben doch keine Kohle.
        Erst wenn wir tief in uns hineinhorchen und unser “ICH” mit allen Seiten akzeptieren, werden wir authentisch.
        Nicht nur für uns selbst, sondern auch für andere.
        Lassen wir jedem das Recht dazu!

    • Prof. Dr. Konstanze Plett sagt:

      Sehr geehrte_r kwhal,

      in Anbetracht der davoneilenden Zeit nur ein paar knappe Anmerkungen, auch wenn ich damit nicht mehr auf alle Aspekte Ihrer Kommentare eingehen kann.

      Konzepte haben ja auch implizite Annahmen, die sich ändern können, womit das Konzept einen anderen Inhalt bekommt, ohne dass sich der Name ändert. Die Annahme, dass unter Geschlechtsidentität (a) nur eine weibliche Identität oder eine männliche Identität verstanden werden kann und (b) diese jeweils dem äußerlichen Körpergeschlecht folgt, lag dem alten Behandlungskonzept aus den fünfziger Jahren zugrunde. Inzwischen ist aber anerkannt, dass (b) von Transpersonen widerlegt ist, und dank den mutigen Äußerungen von Herms in den letzten zwei Jahrzehnten hoffe ich sehr, dass auch bald anerkannt sein wird, dass (a) widerlegt ist und es „Sowohl-als-auch“-, „Weder-noch“- und weitere Identitäten gibt, wenn nach dem individuellen Geschlecht gefragt wird.

      In Ergänzung meiner Antwort zu Ihrem Kommentar (beides vom 29. Juli) möchte ich deshalb doch noch einmal darauf hinweisen, dass das Bundesverfassungsgericht mehrfach entschieden hat, dass „das Finden und Erkennen der eigenen geschlechtlichen Identität sowie der eigenen sexuellen Orientierung“ Bestandteil des allgemeinen Persönlichkeitsrechts ist. Hier ist nicht von Störung die Rede, eher im Gegenteil: In meiner (und nicht nur meiner) Interpretation bedeutet dies gerade, dass nur selbstbestimmte Eingriffe zulässig sind, weil sonst das Finden und Erkennen gestört wäre.

      Mit freundlichen Grüßen
      Konstanze Plett

    • Prof. Dr. Konstanze Plett sagt:

      Sorry, ich habe meinen Kommentar falsch platziert (leider erst ganz am Ende); eigentlich gehört er hierhin.