Um was es wirklich geht


Im Forum 2 der Anhörung zur Situation von Menschen mit Intersexualität wurden die Themen Lebensqualität, gesellschaftliche Situation und Perspektiven von Menschen mit Intersexualität behandelt.

Weitere fünf Experten und Betroffene gaben ihre Statements ab. Ein zentrales Thema war auch hier die medizinische Behandlung von intersexuellen Menschen, deren Folgen oftmals die Lebensqualität der betroffenen Personen stark beeinträchtigt.

Im Anschluss an die Statements stellte der Ethikrat seine Fragen an die Redner. Der Themenschwerpunkt verlagerte sich im Verlauf zunehmend auf rechtliche Fragen, wie die Berücksichtigung intersexueller Menschen im Personenstandsrecht. Daniela Truffer, Vorsitzende von Zwischengeschlecht.org, merkte diesbezüglich an, dass die eigentliche Frage nicht die des Personenstandsrechts sei, sondern dass es vielmehr um die Folgen von frühkindlichen Operationen ginge, die sich stark auf die spätere Lebensqualität intersexueller Menschen auswirke. Viele von ihnen hätten ihr restliches Leben lang mit psychischen und physischen Beeinträchtigungen zu kämpfen. „Das ist also eine Diskussion von uns anderen“, fasste Michael Wunder, Mitglied des Deutschen Ethikrats und Moderator der Anhörung, zusammen und erhielt dafür zustimmenden Applaus von einigen Diskutanten und dem Publikum.

Trotzdem wurde der Frage nach der Regelung des Personenstandes von Intersexuellen auch nach Beiträgen von Betroffenen aus dem Publikum weiter nachgegangen. Verschiedene Vorschläge, wie die Einführung eines dritten Geschlechts, das vorläufige oder sogar generelle Offenlassen der Geschlechtszugehörigkeit oder die Festlegung eines vorläufigen Geschlechts, das später gewechselt werden kann, wurden diskutiert. Ins A Komminga von der Internationalen Vereinigung intergeschlechtlicher Menschen merkte diesbezüglich an, dass man bei keinem Menschen davon ausgehen könne, dass die Geschlechtsidentität sein Leben lang dieselbe bliebe.

Im Anschluss ging es unter anderem um den Erhalt von Entschädigungen nach medizinischen Eingriffen, die zu erheblichen psychischen und physischen Beeinträchtigungen der Betroffenen führen können. Auch hier stellten sich die Meinungen kontrovers dar: Einerseits könne man die Mediziner nicht dafür bestrafen, dass sie nach ihrem damaligen Wissensstand gehandelt haben, andererseits könne man aber auch nicht die Opfer für den damaligen Wissenstand, der mittlerweile überholt ist, bezahlen lassen. Ein weiterer von den Betroffenen geforderter Punkt bezog sich auf die Einrichtung einer Wahrheitskommission zur Aufarbeitung geschehenen Unrechts.

In Bezug auf die Frage, welche Maßnahmen die Lebensqualität Betroffener heute verbessern könnten, wurde gefordert, die bislang nur ehrenamtlich geleistete Selbsthilfe auch staatlich zu unterstützen, eine bessere Vernetzung zu gewährleisten und Konzepte pädagogischer sowie psychosozialer Begleitung für Betroffene und ihre Eltern einzurichten. Gute Beispiele dafür fänden sich z.B. in Großbritannien. Weitere Maßnahmen betreffen vor allem den medizinischen Versorgungs- und Versicherungsbereich, in dem Betroffene heute große Schwierigkeiten haben.

Es wurde zudem gefordert, dass die Intersexualität Thema in der Ausbildung von Ärzten, Juristen, Krankenpflegern, Hebammen, Lehrern usw. werden müsse. Außerdem sei eine breite gesellschaftliche Aufklärung auch in Schulen nötig.

 

Themenschwerpunkt: Lebensqualität, Personenstandsrecht, Vernetzung & Hilfe

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Weitere Artikel: Gegensätzlichkeit und Vielfältigkeit, Herzlich Willkommen auf der Internetseite des Online-Diskurses Intersexualität!,

4 Kommentare zu Um was es wirklich geht

  1. kwhal sagt:

    Die Überschrift “Um was es wirklich geht” unter der Chiffre “Personenstandsrecht” finden wir falsch und irreführend. Uns geht es vorrangig um das schnellstmögliche umfassendst mögliche Verbot aller kosmetischen Genitaloperationen an unmündigen Menschen, unabhängig von diagnostischen Kategorien. Erst wenn wir dann so ein gesetzliches Verbot haben, und dann auch weitere unserer Forderungen umgesetzt wurden, kann und sollte die sperrige Diskussion übers Personenstandsrecht geführt werden, die ja anscheinend ohnehin im Interesse von mehr Nichtzwittern als Zwittern liegt, so daß viele von uns sich instrumentalisiert fühlen.

    • Redaktion sagt:

      Vielen Dank für Ihre Anmerkung. Der Themenschwerpunkt “Personenstandsrecht” wurde dem Artikel zugeordnet, da er auch dieses Themengebiet behandelt. Damit geht keine Bewertung der Bedeutung dieses Themas einher.

  2. Tabarka sagt:

    Der Zwang zur Entscheidung für ein Geschlecht ist in der gesamten Gesellschaft zu erleben. Es beginnt bei Toiletten, es geht über simple Fragebögen, Geburtsregistrierung, Kindergartenanmeldung, Schulanmeldung…., Arbeitsvertrag und jedes Mal muss ich lügen zumindest zum Teil. Dies empfinde ich als tiefgreifende Diskriminierung. Ohne Not wird hier ein alsob Leben konstruiert, welches im Inneren des Betroffenen zumindest so nicht vorhanden ist.
    Ich wünsche mir einen zusätzlichen Weg, der mir ein ehrliches Leben ermöglicht, ohne, dass ich dazu gezwungen werde, diesen Weg zu gehen.

  3. kwhal sagt:

    Wie gesagt, ein Verbot der Zwangsoperationen finde ich vordringlich. Die Toiletten in der Eisenbahn sind geschlechtsneutral, Ankreuzfelder kann ich beide offen lassen und im übrigen gehe ich pragmatisch vor. Ich möchte mich nicht immer wieder und ständig erklären, ich mach einfach so wie es mir am besten passt. Die angeblich tiefgreifende Diskriminierung erscheint mir, entschuldige daß ich es so formuliere, gegenüber den verbrecherischen Verstümmelungen Minderjähriger eher nachrangig. Oder was möchtest du, was zuerst von beiden aufhören soll?