Jenseits von Mann und Frau – Anhörung des Deutschen Ethikrates zum Thema Intersexualität

PRESSEMITTEILUNG 07/2011

Berlin, 10. Juni 2011

Dürfen zwischengeschlechtlich geborene Kinder medizinisch vereindeutigt werden? Viele Betroffene im Erwachsenenalter beklagen die für sie belastenden Folgen solcher meist irreversibler Eingriffe und fordern deren Verbot. Im Zuge der öffentlichen Anhörung des Deutschen Ethikrates am 8. Juni 2011 in Berlin wurden ethische, medizinische, rechtliche, psychologische und gesellschaftliche Fragen im Umgang mit Intersexualität lebhaft und kontrovers diskutiert.

Mit Intersexualität bezeichnet man unterschiedliche Formen der Uneindeutigkeit der Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen. Sie beruht auf der fehlenden Übereinstimmung zwischen den äußeren und inneren körperlichen Geschlechtsmerkmalen und den genetischen Merkmalen eines Menschen. Intersexualität ist ein Thema, das in der Öffentlichkeit immer noch tabuisiert wird. Dabei sind grundsätzliche Fragen der Medizin und der Ethik, der Grundrechte von Betroffenen und unseres Verständnisses von Geschlechtlichkeit betroffen.

Für den Deutschen Ethikrat ist das Thema Intersexualität Anlass, erstmals eine onlinebasierte Beteiligungsplattform zu starten. Die Debatte zum Thema Intersexualität kann ab sofort auf diskurs.ethikrat.org öffentlich fortgeführt werden.

In den beiden Foren zu den Themen „Medizinische Behandlung, Indikation, Einwilligung“ sowie „Lebensqualität, gesellschaftliche Situation und Perspektiven von Menschen mit Intersexualität“ stellten Experten und Betroffene ihre Positionen zum Thema vor. Im Anschluss folgte eine Befragung durch die Mitglieder des Deutschen Ethikrates. Publikumsanwälte sammelten schließlich Fragen der anwesenden Öffentlichkeit ein und richteten sie gebündelt an die Sachverständigen.

Zu diesen zählten Mediziner, Psychologen, Juristen, Vertreter von Elterninitiativen, Betroffenenvereinen und -organisationen. Ziel der Anhörung und des sich an die Anhörung anschließenden öffentlichen Diskurses (bis 31. Juli 2011) auf diskurs.ethikrat.org ist die Erarbeitung einer Stellungnahme des Ethikrates zum Thema Intersexualität für die Bundesregierung bis Ende 2011.

Als besonders kontrovers erwiesen sich folgende Fragen: Dürfen intersexuell Neugeborene und Kleinkinder durch medizinische Eingriffe dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugewiesen werden? Wird damit in unzulässiger Weise in das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und in sein Persönlichkeitsrecht, dass das Recht auf Selbstbestimmung, Fortpflanzung und eigene geschlechtliche und sexuelle Identität umfasst, eingegriffen? Wie weit geht das Elternrecht zur Einwilligung

Die Betroffenen betonten die Notwendigkeit, hier eine klar begrenzende Regelung zu schaffen, da intersexuelle Menschen dadurch irreversibel psychisch und physisch geschädigt werden. Zudem wurden eine bessere psychosoziale Betreuung und Beratung für Betroffene und Eltern sowie Verbesserungen in der medizinischen Versorgung und im Versicherungsbereich gefordert.

Von verschiedenen Experten wurde eine breite Aufklärung der Öffentlichkeit und Verankerung des Themas Intersexualität in der medizinischen Ausbildung vorgeschlagen. Diskutiert wurde auch die Frage einer Entschädigung der Betroffenen. Die im Personenstandsrecht geregelte Verpflichtung, mit der Geburt auch das Geschlecht des Kindes einzutragen, wurde kritisiert, da es Eltern und später auch vielen Betroffenen selbst im Erwachsenenalter nicht möglich ist, sich dem Geschlecht männlich oder weiblich zuzuordnen, sie sich vielmehr als dazwischen stehend oder als Geschlecht eigener Art empfinden und auch so leben möchten.

Interessierte können die einzelnen Redebeiträge der Anhörung unter http://www.ethikrat.org/veranstaltungen/anhoerungen/intersexualitaet nachhören und sind eingeladen, auf der Beteiligungsplattform diskurs.ethikrat.org zu diskutieren und zu kommentieren.

 

Die Pressemitteilung zum Download gibt es hier.

Themenschwerpunkt: Aufklärung & Einwilligung, Integration & Diskriminierung, Lebensqualität, Medizinische Eingriffe

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Weitere Artikel: Lebensqualität, gesellschaftliche Situation und Perspektiven, Gegensätzlichkeit und Vielfältigkeit, Um was es wirklich geht, Herzlich Willkommen auf der Internetseite des Online-Diskurses Intersexualität!, Die öffentliche Anhörung zum Nachhören,

25 Kommentare zu Jenseits von Mann und Frau – Anhörung des Deutschen Ethikrates zum Thema Intersexualität

  1. MichelReiter sagt:

    Ich war nicht auf der Veranstaltung, da ich mir die Fahrt nicht leisten konnte (und bestimmte medizinische Aussagen auch nicht antun wollte). Aufgrund vielfältiger massenmedialer Themenvermengung z.B. mit LGBTI-Anliegen ist es äusserst selten und darum generell begrüssenswert, wenn Intersexuelle original zur Sprache kommen.

    Ich freue mich auch sehr, dass erwogen wird, Intersexuelle könnten ihr Geschlecht als eigener Art empfinden. Ich kann alle nur dazu ermuntern, dies einmal zu visualisieren. Für mein Beispiel gibt es ein Bewerbungsvideo mit der Farbe grün (und nicht rosa oder blau):

    • Redaktion sagt:

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  2. MichelReiter sagt:

    Ich war nicht auf der Veranstaltung, da ich mir die Fahrt nicht leisten konnte (und bestimmte medizinische Aussagen auch nicht antun wollte). Aufgrund vielfältiger massenmedialer Themenvermengung z.B. mit LGBTI-Anliegen ist es äusserst selten und darum generell begrüssenswert, wenn Intersexuelle original zur Sprache kommen.

    Ich freue mich auch sehr, dass erwogen wird, Intersexuelle könnten ihr Geschlecht als eigener Art empfinden. Ich kann alle nur dazu ermuntern, dies einmal zu visualisieren. Für mein Beispiel gibt es ein Bewerbungsvideo mit der Farbe grün (und nicht rosa oder blau) auf meiner Webseite, einfach auf meinen Namen klicken.

    • Redaktion sagt:

      Besten Dank, dass Sie Ihren Kommentar erneut geschrieben haben. Wir haben uns nun erlaubt den Link aus dem ersten Kommentar wegen Malware zu entfernen.

  3. MichelReiter sagt:

    Die Malware bitte ich zu entschuldigen, bei mir erscheint die Fehlermeldung nicht.

    Es gibt noch einen Grund, warum ich nicht zu der Veranstaltung erschienen bin: die Linken haben einmal ermittelt, dass für eine Geschlechtszuweisung bis zu 900.000 Euro ausgegeben werden können, finanziert von der Krankenkasse. Grundsätzlich ist in allen bisherigen Intersexdiskussionen, die vor allem massenmedial geführt wurden die vergangenen Jahre jedoch nie die Rede von Arbeit. Man hat den Eindruck, alle haben geerbt.

    Wenn 900.000 Euro für eine Behandlung ausgegeben werden und Hartz IV aufgrund Traumatisierung dabei herauskommt als Langzeitfolge, ist dieser der Allgemeinheit aufgebürdete Kostenfaktor schon darum nicht vertretbar.

    Als Hartz IV Empfänger muss man sich täglich den Sozialschmarotzerdiskurs anhören, ich aber wende das und frage nach dem Aufwand-Ertragsrelation für eine Normalisierung. Oder anders gesagt: hätten meine Eltern zusätzlich 900.000 Euro zur Verfügung gehabt, hätte ich wohl in Havard studiert (so ‘nur’ in Bremen). Es geht also nicht nur um die Frage, ob eine Theorie durchführbar ist (Stichwort Genderstudies unter John Money mit Kontrahent Milton Diamond), sondern wem der Wahn nützt.

    Und es gibt noch einen Grund, warum ich nicht erschienen bin: Menschen mit AGS waren nur in Form einer Elternvertretung eingeladen, dabei stellen sie die grösste Gruppe. Als seien sie nicht mündig. Das ist insofern von Relevanz, als die Problemlösungsfähigkeiten sich offensichtlich unterscheiden bei gleichzeitiger Unterrepräsetanz. Nicht wer am lautesten schreit, hat am meisten zu bewältigen, so meine Erfahrung.

  4. Quinnan sagt:

    Hört hört, Michel Reiter, Sie haben völlig Recht.
    Es tut mir aber furchtbar leid zu lesen, dass Sie zur Armut verurteilt worden sind. Das ‘Gendergesindel’ hat viel Unrecht zu verantworten. Ich bin selber eine Person, die dank Mediziner “keine Stange Wasser in die Ecke stellen kann”, also Betroffene.
    Der Staat soll endlich mal verstehen, dass körperliche Unversehrtheit und damit Menschenwürde, absolute Werte sind.

  5. MichelReiter sagt:

    Aus einem Flyer schreibe ich einmal etwas ab: “Armut bedeutet nicht ‘nur’ Mangel an materiellen Ressourcen bzw. Nicht-Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum; Armut bedeutet zudem Ausschließung von Teilhabe-, Teilnahme- und Verwirklichungschancen, Verweigerung von Anerkennung.”

    Ich habe immer diejenigen bedauert, die zu einem Anwalt laufen müssen, ihre Leidengeschichte erzählen und dann eine Rente zugesprochen bekamen, weil sie als frühzeitig arbeitsunfähig attestiert wurden. Das ist keine Perspektive für mich.

    In diesem Sinne fühle ich mich nicht arm, wenngleich die materiellen Ressourcen eingeschränkt sind. Ich schere vielmehr schon deshalb aus, weil ich auch den Opferdiskurs nicht trage, der in unserer Gesellschaft sehr weit verbreitet ist. Aus dem Argument einer Eigenversorgung heraus plädiere ich gegen körperverändernde Eingriffe, denn diese deligiert mein Wohl nicht an andere. Auch jetzt haben zwei Firmen, Morris Architects und Volkswagen, von meinen Eingaben profitiert, mein Hartz IV ist also verdient bis ich von den Bewerbungsvideos leben kann.

    Was ich wirklich kritisiere sind undifferenzierte öffentliche Berichte. Ich habe 2001 den Dokumentarfilm Das verordnete Geschlecht mit Oliver Tolmein gestaltet, der das Thema Intersexualität erstmals in die Öffentlichkeit rückte (glücklicherweise lief er nie im TV, hatte also keine Quote zu erfüllen). Er endet damit, dass ich meine Akten verbrenne.

    Was aber dann in den letzten Jahren kam, war nur noch Medizin und irre anmutende Menschen. Die UN sagte: “Der Ausschuss bemerkt mit Sorge, dass transsexuelle und intersexuelle Menschen oft als Menschen mit geistiger Erkrankung betrachtet werden und dass die politischen Maßnahmen des Vertragsstaates, gesetzgeberische und andere, zur Diskriminierung dieser Menschen geführt haben, wie auch zu Verletzungen ihrer geschlechtlichen und reproduktiven Gesundheitsrechte. (Art. 12, 2.2).
    Der Ausschuss fordert den Vertragsstaat dringend auf, Maßnahmen, gesetzgeberische oder sonstige, zur Identität und Gesundheit transsexueller und intersexueller Menschen zu ergreifen, mit dem Ziel sicher zu stellen, dass sie nicht länger diskriminiert werden und dass ihre persönliche Integrität und ihre geschlechtlichen und reproduktiven Gesundheitsrechte geachtet werden. Der Ausschuss fordert den Vertragsstaat auf, für dieses Ziel die transsexuellen und intersexuellen Menschen umfassend mit ein zu beziehen.”
    (Quelle: http://www2.ohchr.org/english/bodies/cescr) Das macht mir etwas Sorge, denn es würde eine Verschärfung der Situation bedeuten. Vielleicht kann mich jemand darüber aufklären, wie solche Aussagen zustande kommen können?

  6. MichelReiter sagt:

    Ich habe mir jetzt Das verordnete Geschlecht selbst noch einmal angesehen, einen Trailer auf meine Webseite gesetzt und die Protokolle vom 08.06.2011 wenigstens zum Teil angehört.

    Also erst einmal möchte ich dem Ethikrat für die Veranstaltung danken und zweitens wünsche ich mir eine neue Dienstanweisung für den Standesbeamten, wonach als Geschlecht nicht nur männlich oder weiblich eingetragen werden kann.

    Jenseits der Geschlechter bedeutete vor zehn Jahren das Gebirge für mich und heute ist es eine Perspektive auch für den Alltag.

  7. Tabarka sagt:

    Zu den Behandlungen:
    Es ist unabdingbar, dass Eltern und Kinder auch psychologisch betreut werden, es bedarf hier einer guten Begleitung, denn eine Familie, die das Geschenk eines IS Kindes erlebt, wird in eine Krise gestürzt. Unkenntnis und gesellschaftliche Normalität von Zweigeschlechtlichkeit tun ihr Übriges. Zudem darf kein Zwang im Sinne von schnell entscheiden müssen aufgebaut werden. Bei den meisten OPs gibt es keine Dringlichkeit – sie sind eine Möglichkeit. Wie Eltern oder Erwachsene Beschenkte sich dann entscheiden, muss individuell unterschiedlich sein.
    Eine längere Wartezeit zwischen medizinischer Aufklärung und einer möglichen OP scheint mir sinnvoll.
    Zu meiner Geschichte: Ich wurde gar nicht medizinisch aufgeklärt. Es wurde im Gegenteil gelogen. Eine Operation sei notwendig, damit ich Kinder bekommen könnte. Auch meine Eltern wurden nicht aufgeklärt. Auch wenn dies über 30 Jahre her ist, war dies sicher schon damals nicht gesetzmäßig. Insofern freue ich mich sehr, dass dieses Dunkelfeld jetzt aufgehellt wird.

    • kwhal sagt:

      Die Zwangsoperationen sind falsch, Eltern sollten sie auch nach Wartezeit nicht entscheiden dürfen.

  8. MichelReiter sagt:

    In einem Forum wurde bemängelt, dass vier Experten in eigener Sache und acht Experten in fremder Sache in der Anhörung geladen waren und dies doch ungleichgewichtig gewesen sei. Ich habe das anders gesehen und gebe hier meine Gedanken wieder:

    “Ich habe nur Vermutungen. Zunächst war die Anhörung vom BMBF und Gesundheitsministerium ausgerichtet, nicht etwa vom Finanzministerium. Das halte ich für einen sachlichen, der Medizindominanz geschuldeten Fehler. Man hätte anders formuliert auch eine Reichtums- / Armutsdebatte führen können, das wäre politisch eher links gewesen, was die Veranstaltung nicht war.

    Innerhalb des in meinen Augen Falschen aber gibt man sich Mühe mit Fragebogen (spricht auch nicht-Gruppenmitglieder an, wird getrennt nach Betroffen und Experte), Anhörung (getrennt nach Betroffen und Experte) und Onlinediskussion (alle können teilhaben).

    Man wird dezidierte Ergebnisse einmal durch Korrelationen im Fragebogen über Betroffene haben, kann also auch gewichten inwiefern die Gruppenvertreter (Intersexuelle Menschen, zwischengeschlecht.org und IVIM) überhaupt die Gesamtheit repräsentieren. Und man hat auch mehr Expertenmeinungen als die Gehörten durch die Fragebögen. Durch die Klicks auf die Webseite weiss man zudem vom öffentlichen Interesse.

    Man bekommt also jede Menge Daten und das scheint mir auch das Hauptanliegen zu sein, um eine Stellungnahme zu schreiben, die in meinen Augen schon als seriös zu bezeichnen sein wird.

    Gefreut hat mich, dass im Fragebogen Arbeit Thema war. Insgesamt war er aber für eine Befragung z.B. im Vergleich zum Allbus sehr kurz (2006: 186 Fragen). Vielleicht war es nicht der letzte. Was auf jeden Fall danach nicht mehr funktioniert sind das in Medizinkreisen so beliebte Racketeering und Vermutungen in’s Blaue hinein oder gar durch Massenmedien ‘geschultes Wissen’. Das Problem, dass jeder irgendwas zum Thema quatscht wird dadurch minimiert. Das trägt zu einer Versachlichung der Debatte bei, was sie in meinen Augen gut gebrauchen kann. “

  9. Das Recht auf Gesundheit und körperliche und seelische Unversehrtheit ist zu achten. Das Selbstbestimmungsrecht und der Schutz der Identität ist zu wahren.

    Das hier mit zweierlei Maß gemessen wird, ist ein Hohn. Intersexuell geborene Menschen sind per se nicht krank. Sie mögen außergewöhnlich sein, aber kein medizinischer Notfall.
    Intersexualität lässt sich nicht weg operieren, ist nicht heilbar, weil es eine Varianz des des Lebens ist. Man mag das eigene Potenzial zerstören können, den Menschen so gestalten, dass er “gewöhnlich” aussieht, doch alles das, was ihn ausmacht, zerstört man damit.

    Zu den bis heute empfohlenen und durchgeführten Praktiken gehört die Entnahme der Gonaden (Hoden, Eierstöcke oder Mischformen) bei intersexuellen Menschen, insbesondere bei AIS, bei gemischten Gonaden und bei echten Hermaphroditen. Trotz fehlender medizinischer Indikation werden bis zum heutigen Tag anstelle regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen auch gesunde Keimdrüsen entfernt, aus Angst, es könnte ein erhöhtes Krebsrisiko bestehen. Hierzu wird nur die Einwilligung der Eltern, nicht aber die der intersexuellen Kinder selbst eingeholt. Eine rechtswirksame Einwilligung der Eltern ist in diesen Fällen aber nur dann möglich, wenn tatsächlich bereits ein Tumor entstanden ist, weil nur dann ein Notfall vorliegt. Nur die Heilung einer tatsächlich vorliegenden lebensgefährlichen Krankheit kann die Entnahme eines erkrankten Organs rechtfertigen.

    Die bloße Gefahr einer Krebserkrankung hingegen ist kein Notfall, sodass in die allermeisten Gonadenentnahmen zu Lasten zwischengeschlechtlicher Kleinkinder keine wirksame Einwilligung der Eltern und damit eine Verletzung des Menschenrechts auf Gesundheit vorliegt .

    Eltern werden diese Maßnahmen von behandelnden Ärzten vorgeschlagen, eine Zustimmung der betroffenen Kinder wird nicht eingeholt. Ihre natürliche Entwicklung wird nicht abgewartet. Intersexuelle Menschen und deren Eltern werden in der Mehrzahl falsch oder gar nicht über die Folgen der Kastrationen und der wissenschaftlich ungesicherten Hormonersatztherapien aufgeklärt. Die Kastration sowie die damit unausweichlich verbundene paradoxe Hormonersatztherapie werden von vielen Betroffenen als ein Eingriff in die elementarsten Menschen- und Persönlichkeitsrechte empfunden.
    Die unaufgeklärte Kastration Minderjähriger und Erwachsener, wie sie bis zum heutigen Tage in der Bundesrepublik Deutschland an intersexuellen Menschen praktiziert wird, verstößt nach meiner Rechtsauffassung darüber hinaus gegen die Menschenwürde (Art. 1 AEMR). Es ist, abgesehen von der Folter, kaum ein schwererer körperlicher Angriff auf die Menschenwürde denkbar als eine medizinisch unnötige Kastration.
    Die Verstöße gegen das Menschenrecht auf Gesundheit hinsichtlich der Kastrationen im Kleinkindalter beziehen sich vor allem auf:
    - die Einwilligung durch die Eltern, obwohl kein medizinischer Notfall vorliegt, und damit die Verletzung der Informierten Einwilligung.
    - die Hinnahme von medizinischen Behandlungsweisen, welche das für den jeweiligen Menschen erreichbare Höchstmaß an körperlicher und geistiger Gesundheit verhindern statt gewährleisten.
    - mangelnde Aufklärung über sexuelle und reproduktive Gesundheit .
    - Hinnahme inakzeptabler medizinischer Behandlungen .
    - Missachtung des Vorrangs des Kindeswohls bei allen Maßnahmen zur Verwirklichung der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen .

    Das ein Mensch in diesem Land seine körperliche Unversehrtheit so schwer verteiligen muss, ist ein Hohn.

  10. Quinnan sagt:

    Was hat ‘Sexualität’ mit ‘Geschlecht’ zu tun?
    Die gegenwärtige Taxonomie kann ich leider nur noch mit Zynismus betrachten. Es handelt sich hier m.E. vor allem um die Beantwortung der Frage (wie M. Reiter bereits oben erwähnte): “Wem nützt dieser Wahn?”

  11. Reno sagt:

    Hallo Ihr Lieben,

    Michael, die Diana war bei der Anhörung, sie hat uns AGS`ler würdevoll vertreten, Danke. Mir kam das Ganze so vor, als ob die eine(n) Anwalt des Kindes installieren wollen. Uns wird dann vorgegaukelt, es geht ihnen um den Schutz der Intersexuellen. Jedoch vermute ich, dass der Staat damit den Eltern des Kindes die Entscheidung abnehmen, sollten die sich weigern, das Kind angleichen zu lassen. Das sind nur böse Vermutungen, da offenbar die “Experten” und auch die Eltern bei dieser Praxis bleiben wollen. Man muss sich mal vorstellen, Hermaphroditen sprechen zu denen und die hören einfach nicht zu, sie hören einfach nicht zu. Mir langt das nicht, ich will offiziell als Hermaphrodit leben. Wir brauchen auch keine Familien-Therapie, ein intelligenter Mensch muss damit einfach klar kommen, die Menschheit sollte das, wo ist denn das Problem, fehlender Respekt, Angst vor dem Fremden. Warum, warum nur?

  12. Redaktion sagt:

    Der an dieser Stelle veröffentlichte Kommentar wurde wegen eines Verstoßes gegen die Allgemeinen Nutzungsbedingungen gelöscht.

    • Einer der besten und wichtigsten Kommentare bisher, der mit leider seltener Deutlichkeit elementarste Fakten benennt: dass es nach Grundgesetz und Strafrecht, aber auch nach gesundem Menschenverstand und menschlichem Mitgefühl eigentlich absolut unzulässig und indiskutabel ist, gesunde Lustorgane und Hormone produzierende Organe ohne evidente medizinische Notwendigkeit zu entfernen und/oder chirurgisch zu verändern.

      Solche deutlichen Worte hatte ich von den juristischen Expertinnen an der Anhörung schmerzlich vermisst. Dass stattdessen des langen und breiten darüber diskutiert wurde und wird, ob solche Eingriffe nicht vielleicht doch zulässig sein könnten, ist schlichtweg empörend. Und wohl nur damit zu erklären, dass die Betreffenden noch nie um die Unversehrtheit ihrer eigenen Genitalien fürchten mussten.

  13. folke sagt:

    Ich mache mir manchmal so meine Gedanken über die Quoten, die so im Umlauf sind.
    Die Zahlen sind schwankend von vielen Tausend zu Eins bis hin zu Hunderten zu Eins.

    Vielleicht wäre es an der Zeit, sich einmal über die Organe unserer Zivilisation die Zahlen zu holen, die genaueres wissen müssten.

    Jedes Kind in Deutschland bekommt seit den siebziger bzw. achtziger Jahren ein gelbes Heft, in dem die Vorsorgeuntersuchungen U1 bis U9 nachgewiesen werden. (Incl. irgendwelcher Fehlbildungen / Auffälligkeiten und mt Durchschlag für die Kassenärztliche Vereinigung…)
    ODER
    Eine Behandlung ohne Behandler ist nicht möglich.
    Da dieser nicht verhungern will, wird er seine Tätigkeit ordnungsgemäss abrechnen.
    Derjenige, der die ganze Chose letztendlich bezahlt, wird sicherlich wissen wollen wofür.
    Also… wie sieht es aus mit einer Anfrage bei den Kassen selbst?

    So bekäme man echte Fallzahlen ( auch mit Datenschutz, da sie ja nicht Personenbezogen sein müssen) und man könnte wirklich sehen, worüber wir hier reden…

  14. kwhal sagt:

    Es geht nicht um Fallzahlen. Jeder einzelne intersexuelle Mensch ist wichtig. Manche Formen von Intersexualität fallen erst in der Pubertät, oder auch erst später auf, was nicht heißt dass die Menschen nicht schon vorher ob ihres So-Seins diskriminiert wurden.

    • Reno sagt:

      Das ist richtig, das schlimme ist nur, dass diese Menschen wohl gar nicht wissen, dass dieser Diskurs hier stattfindet. Sie sind womöglich gar nicht aufgefallen und werden diskriminiert, haben keine Unterstützung und fragen sich tagtäglich, warum sie niemanden kennen, der auch so ist. Die gesamte Bevölkerung ist aufzuklären, damit jeder einzelne von ihnen endlich aufgefangen werden kann.

      • kwhal sagt:

        Ich habe so gut ich konnte viele Menschen, die sich sonst nicht angesprochen gefühlt hätten, auf die Fragebogenaktion und auf den Diskurs beim Ethikrat aufmerksam gemacht. Du sicher auch, nicht wahr?

        • Reno sagt:

          Nein, ich kenne hier in Oberbayern keinen einzigen Hermaphroditen. Das ist die traurige Wahrheit. Ich erzähle es meinen Freunden, was es Neues gibt, jedoch fragt keiner danach, ich “belästige” sie trotzdem damit. Ich denke nicht, dass auch nur einer glaubt, dass sich wirklich was verändert.

          • kwhal sagt:

            Das tut mir leid, mir fallen in Oberbayern drei Zwitter ein, die ich mindestens einmal getroffen habe, und einer in Niederbayern, aber da in Niederbayern wohnt mindestens noch einer.

            • Reno sagt:

              Wäre echt lieb von Dir, wenn Du die mal fragen würdest, ob sie mit mir (AGS´ler) Kontakt aufnehmen wollen. Intersexuelle Menschen e. V. haben meine Tel.-Nr. und Mail-Adresse.

              Wäre Dir sehr verbunden.

  15. Reno sagt:

    Von verschiedenen Experten wurde eine breite Aufklärung der Öffentlichkeit und Verankerung des Themas Intersexualität in der medizinischen Ausbildung vorgeschlagen. Diskutiert wurde auch die Frage einer Entschädigung der Betroffenen. Die im Personenstandsrecht geregelte Verpflichtung, mit der Geburt auch das Geschlecht des Kindes einzutragen, wurde kritisiert, da es Eltern und später auch vielen Betroffenen selbst im Erwachsenenalter nicht möglich ist, sich dem Geschlecht männlich oder weiblich zuzuordnen, sie sich vielmehr als dazwischen stehend oder als Geschlecht eigener Art empfinden und auch so leben möchten.

    Warum hat denn niemand vom Ethikrat das menschenverachtende, diskriminierende und regelrecht kranke Geschmiere von Herr Prof. Dr. Westenfelder verhindert, wenn selbt Experten etwas anderes fordern? Zuerst sieht alles so gut aus, man macht sich Hoffnung, dass es vorbei ist, dass ein 3. Geschlechtseintrag möglich ist, um dann voll den Schlag zu kriegen. Man könnte nur noch schreien und weinen, also echt. Geht wieder and den Anfang zurück, egal was solche Pseudoärzte wollen, klärt die Bevölkerung auf, gebt uns die Selbstbestimmung und achtet uns als Menschen, die wenn sie es wünschen, in ihrem geliebten Geschlecht leben wollen. Und zwar gegen jede Autorität, gegen jede politische Macht, gegen einfach alle Widerstände. Niemand sagt hier, dass es leicht ist, es wäre aber ein leichtes, zu erkennen, dass solche Aussagen eines unmenschlichen Arztes, eine Diskriminierung ersten Grades darstellen.