Intersexuelle als Menschen unter uns

Julia Marie Kriegler, Vertreterin der Elterngruppe XY-Frauen, findet die Erlösung nicht darin, dass sich die ganze Welt ändert, sondern wünscht sich für ihr intersexuelles Kind viel mehr eine offenere Debatte über das Thema sowie mehr Achtung und Akzeptanz für intersexuelle Menschen. Die Geburt ihres Kindes hat für sie ein Umdenken bedeutet, was das eigene und gesellschaftliche Denken über Geschlechtsidentität betrifft.


Themenschwerpunkt: Integration & Diskriminierung, Lebensqualität

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Weitere Artikel: Zur Situation von Menschen mit Intersexualität in Deutschland, Jenseits von Mann und Frau – Anhörung des Deutschen Ethikrates zum Thema Intersexualität, Lebensqualität, gesellschaftliche Situation und Perspektiven, Gegensätzlichkeit und Vielfältigkeit, Behandlung, Indikation und Einwilligung,

2 Kommentare zu Intersexuelle als Menschen unter uns

  1. MichelReiter sagt:

    Ich wuchs wie die meisten Intersexuellen in dem Glauben auf, ich sei eine kranke Frau – ziemlich krank, weil ich oft im Krankenhaus war. Mit 16 Jahren erfuhr ich meine Diagnose, die erklärte, warum ich eine so kranke Frau war. Ein circulus vitiosus.

    Erst mit 30 Jahren bekam ich meine Geburtsurkunde in die Hände. Dort stand, dass ich ursprünglich einen männlichen Vornamen hatte. Das brachte alles in das Wanken: Heilung, Krankheit, Frau. Mit der Diagnose ging ich in Universitätsbibliotheken (man war Professoren ja gewöhnt) und hörte von dem Begriff Intersexualität.

    Mein Zorn war immens ob dieses Identitäts-Betrugs (David Reimer fragte: “Wie war mein Name?”) und die Assoziation zum noch abstrakten Begriff des Hermaphroditen positiv. Ich veränderte meine Medikamention und veränderte so mein Aussehen hin zu dem Namen, der ich war, denn so wollte ich wieder werden.

    Zu dieser Zeit wurde die ISNA in USA öffentlich vernehmbar und die Himmelsscheibe von Nebra tauchte in Deutschland auf. Es gab Diskussionen darüber, ob alles Leben auf dem Mars entstand und ich fand es keineswegs ungewöhnlich, nach dem tertium datur in den Weiten des Alls zu suchen.

    Auch meinte Harald Meller, die Himmelsscheibe sei wohl von einem ‘heiligen Mann’ geschmiedet worden, aber woher will er das wissen? Es gibt Hermaphroditen nicht mehr seit der Fehlübersetzung von Genesis 1,27, wonach Gott den Menschen als Mann und Frau schuf und man kann einen 3600 Jahre alten Fund nicht aus dieser Warte heraus beurteilen.

    Als 2009 die Agentur Deutsch auf meine Webseite aufmerksam wurde und sich Volkswagen für die Thematik interessierte wusste ich, der Bann ist gebrochen, den Medizinern ist das Monopol entzogen. Denn die Frage, ob Intersexualität das gesellschaftliche Aus bedeutet, kann eine Firma mindestens ebenso gut beantworten. Antwort: nein, denn was vermarktbar ist, ist auch vorstellbar.

    Den Zuschauer wird anhand der Videos vielleicht wundern, wie normal Intersexuelle aussehen. Man muss schon einen Blick entwickeln, um Nonkonformes zu entdecken im Alltag. Und dann gibt es uns ziemlich häufig. Das macht es schwieirg, denn wir (mich eingeschlossen) haben nie gelernt etwas anderes zu sehen als männlich oder weiblich.

    Ein neuer Raum entsteht und dieser wird sich Luf e der nächsten Jahre füllen. Für diese Anhörung hat es zehn Jahre bedurft, hoffentlich geht es künftig schneller.

  2. MichelReiter sagt:

    Nachtrag: der Raum wird sich auch füllen, wenn Quantencomputer den digitalen Rechner abgelöst haben. Diese rechnen mit den Zuständen ‘wahr’, ‘falsch’, ‘unbekannt’ und ‘unbestimmt’, kennen also vier logische Wertigkeiten. Man arbeitet daran aufgrund der begrenzten Verarbeitungsgeschwindigkeit und wohl auch der Knappheit des Siliziums für konventionelle Computer.

    Für die meisten Interessenten wird dieser Diskurs wie hier beim Ethikrat geführt ‘unbekannt’ sein (ein Gang an die Universitätsbibliothek lohnt sich), während das Geschlecht bei einer intersexuellen Geburt offen zu lassen ‘unbestimmt’ gerecht wird. Wenn allerdings ein Mann behauptet, er sei eine Frau und vice versa, so ist das ‘falsch’.