Es gibt mehr als Männer und Frauen

Am Rande der öffentlichen Anhörung des Deutschen Ethikrates erläuterte Ins A Kromminga im Interview, warum man vielmehr von Zwischengeschlechtlichkeit als Intersexualität sprechen sollte, fordert ein Verbot irreversibler chirurgischer Eingriffe im Kindesalter und wünscht sich eine bessere gesellschaftliche Aufklärung über Zwischengeschlechtlichkeit.


Themenschwerpunkt: Aufklärung & Einwilligung, Integration & Diskriminierung, Medizinische Eingriffe, Personenstandsrecht

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9 Kommentare zu Es gibt mehr als Männer und Frauen

  1. MichelReiter sagt:

    Ich habe heute mit dem Institut für Humangenetik an der Uni Bremen gesprochen wegen eines Interviews. Ich denke das Hauptproblem ist das Personenbild dort, es reduziert sich auf Geschlechtsmerkmale. Wenn ich aber eine Person gemäss PStG eintrage, trage ich nicht Hoden und Penis vs. Eierstöcke und Vagina in die Papiere ein, sondern eine Person mit Namen, Erwartungen, Hoffnungen, Fähigkeiten. Das unterscheidet vom Tier und die Würde des Menschen ist unantastbar. Der Ethikrat eignet sich in meinen Augen dafür, eine hier so dringende Debatte zu führen.

  2. Viele sprachliche Dinge sind für uns, die im Tabu und/oder in der “Unsichtbargemachtinsel” leben eine Selbstverständlichkeit. Diese Gesellschaft hat keine Worte für uns. Weil wir einfach keine Erwähnung mehr finden, trotz unserer Existenz. Warum darf ich nicht sein? Warum werden meine Eltern so in aus gestellt? Warum darf niemand wissen, dass es mich gibt? Was ist eine Gesellschaft wert, die mit Menschen wie mir nicht leben kann? Und ist sie, diese Gesellschaft berechtigt in mein Leben, mein Sein, meinen Körper, meine Sexualität, meinen Lebensplan einzugreifen? Die Bedrohung ist allgegenwärtig! Wo sind meine Rechte als Mensch, was zählt mein Recht auf Gesundheit, habe ich keinen Anspruch auf eine soziale und juristische Sicherheit? Ist nicht das Problem überall, aber nicht bei den intersexuellen Menschen zu suchen. Ja, Ins A Kromminga, es geht um unser Geschlecht, das hier zum Anlass genommen wird, Menschenrechtverletzungen am laufenden Band zu zu lassen. Nein, wir sind nicht dazwischen, zwischen Mann und Frau, eher weder noch oder sowohl als auch Geschlechter. Wo fängt den Mann-sein an? Wo endet Frau-sein? Und gibt es Unterschiede im Recht, SEIN zu dürfen? Ja, Ins A Kromminga, das ist ein gesellschaftliches Problem, kulturell und traditionelle Beschneidungen, Zwangsnormierungen inklusive Zwangstranssexualisierungen, danke für diese klare Position!

  3. Reno sagt:

    Wir sind in der Schublade “krank”. Wenn wir da raus wollen, landen wir in der Schublade “geisteskrank”. Manchmal, wenn ich jemanden sage, dass ich ein Hermaphrodit bin, sagen Frauen und Männer sowas wie “für mich bist Du eine Frau oder, dass mir das einer eingeredet hat. Die meines es gut, echt, weil sie denken, dass wir auch so toll sein wollen wie eine Frau oder ein Mann ist. Dass sie jeden Preis dafür zahlen würden, so wie wir zu sein, dass das das Beste überhaupt ist, ist von ihrer Denkweise einfach zu weit weg. Wir sollten uns einfach weigern, weiter mitzuspielen und uns von jedem als Herm anreden lassen, von jedem. Erst durch dieses Selbstbewusstsein würden sie vielleicht beginnen nachzudenken. Die Eltern denken sicher, dass wir wie Homosexuelle von Totschlägern bedroht sind und machen deswegen alles, weil sie uns schützen wollen. Dass diese Behandlung für viele von uns den Tod bedeutet und für die Überlebenden eine tagtägliche Folter, kann sich wohl keiner vorstellen. Es ist einfach Folter, als Frau angesprochen zu werden, obwohl man keine Ahnung hat vom frausein. Es ist Folter, bloß daran zu denken, dass man uns bis zum lt. Monat der Schwangerschaft per Gesetz abtreiben darf, da uns klar ist, dass uns die totale Ausrottung bevorsteht. Es ist Folter, ja richtige Folter, wenn man weiß, dass kleine Hermaphroditen kastriert werden und jahrelang belogen und körperlichen Schmerzen und entwürdigenden Untersuchungen ausgesetzt sind, entgegen ihres Wunsches. Es ist Folter, dass unauffällige Hermaphroditen wohl nie herausfinden, dass sie, und auch warum, wirkliche Hermaphroditen sind. Sie zweifeln ihr ganzes Leben alles und jeden an, weil sie wissen, wer und was sie sind. Es ist Folter, dass, obwohl die Menschen es wissen, sie nichts an der Praxis ändern, weil sie uns einfach nicht als vollkommene Menschen sehen. Wir lieben Euch doch auch, Männer und Frauen, unsere Eltern, Geschwister und Freunde. Es ist Folter, nicht in ein Land gehen zu können, wo wir anerkannt sind. Es ist Folter, als Kind zu denken, dass wenn es wer merkt, man zum Mann oder zur Frau umoperiert wird, weil man so nicht in die Gesellschaft passt. Es ist Folter, zu wissen, dass bis zum Grabstein alles so ausschaut, als sei man ein eingeschlechtliches Wesen. Wir sind viel mehr als das, und keiner sieht es, das ist Folter.

    • YMOR sagt:

      Oh ja, es ist Folter. SIch mit Frau anreden lassen zu müssen, selbst wenn man explizit um was anderes bittet.
      Es ist Folter, erst für einen Mann gehalten zu werden und dann mit Fräulein angeredet zu werden.
      Es ist Folter, eine Toilette zu betreten in dem Wissen, gleich wieder bescheuerte Kommentare hören zu müssen.
      Und warum das alles?

      Weil jeder seine Schublade pflegt und alles darin verpacken will.
      Was nicht passt, wird passend gemacht … oder eben kaputt, so wie wir.

  4. Die mangelnde Einarbeitung des aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstands über die vorgeburtliche geschlechtliche Entwicklung des Menschen lässt immer noch Raum für geschlechtlich bedingte Diskriminierung, insbesondere für die Falschinformation, dass zwischengeschlechtlich geborene Menschen unvollständig wären, und dass die Medizin sie nur vervollständigen würde.

    In medizinischen Lehrbüchern ebenso wie in Aufklärungsbüchern findet sich auch heute oft noch die falsche Darstellung, dass der Mensch bis zur 7. Schwangerschaftswoche vom Erscheinungsbild weiblich sei. Tatsächlich liegen aber bei allen Menschen bis zur 7. Woche die undifferenzierten Vorstufen der inneren Geschlechtsorgane beider Geschlechter (u. a. Wolffsche Gänge und Müllersche Gänge sowie die Vorstufe von Hoden und Eierstöcken) vor. Auch die äußeren Geschlechtsorgane bedürfen bis zur Geburt noch einer hochkomplexen Differenzierung in die männliche oder weibliche Richtung. Bis zur siebten Schwangerschaftswoche sind alle Menschen vom äußeren Erscheinungsbild und von den Vorstufen der inneren Geschlechtsorgane her intersexuell. Erst ab der 12. Schwangerschaftswoche entwickelt sich der Mensch in den eher männlich oder eher weiblich definierten Bereich, wobei intersexuelle Menschen bei ihrer weiteren körperlich-geschlechtlichen Entwicklung bis zur Geburt einen mehr oder minder undifferenzierten Status beibehalten. Die Information über die Beschaffenheit des Menschen bis zur 7. Schwangerschaftswoche ist von erheblicher Bedeutung zur Beendigung aller geschlechtlich begründeten Diskriminierungen bzgl. aller Menschenrechte, nicht nur gegenüber hermaphroditisch geborene Menschen.

  5. YMOR sagt:

    Selbst wenn es Menschen wissen, dass man bis zur 6. Woche gleich ist, wissen sie doch sonst nichts. Sie können es sich nicht vorstellen, dass es mehr gibt als Mann oder Frau, obwohl das Wissen doch auch das suggerieren könnte.
    So kompliziert sind wir doch nun auch nicht ;-)

  6. Zwei Aspekte fehlen hier komplett im laufenden Diskurs, der Hinweis kam von 2 intersexuellen Menschen , die hier nicht schreiben möchten, weil sie nicht so öffentlich erkannt werden wollen und weil sie Angst haben, das sie niemand mehr medizinisch behandelt und es ist sowieso so schwer aufgeklärte Hilfe zu bekommen. So übernehme ich das gerne:

    1. Wir reden hier durchgängig nur von den Rechten der Kinder. Warum?
    Sowohl in der Selbsthilfe wie in der Beratung begegnen uns immer wieder Menschen, die nicht im Kindesalter sondern sich im Alter zwischen 16 und 45 Jahren sich in ärztliche Hände begeben, nichts von ihrer intersexuellen Konstitution wissen, dann diagnostiziert werden, zum Teil abenteuerliche Begründungen für medizinische Eingriffe ( bis zum Entfernen von Gonaden )erhalten, und weder über sich selbst noch über Alternativen aufgeklärt werden. Hierbei handelt es sich nicht um Uraltfälle sondern aus den Jahren 2005 und 2010. Diese Menschen erhalten dann gegengeschlechtliche Hormontherapien, über die sie auch nicht aufgeklärt werden, und erfahren meist durch Zufall von anderen Medizinern über ihr SEIN. Da im Falle einer Gonadektonie ( dem Entfernen von Ovarien, Testis oder anderem Keimgewebe) die Behandlung nicht abgeschlossen ist, sondern dann geht diese Behandlung ja weiter mit fremden Hormonen( diese sich irrsinniger Weise nicht an dem orientiert, was die eigenen Keindrüsen produziert haben, sondern sich danach richtet welche Geschlechtlichkeit aus dem Personenstand hervorgeht) ist dies als Teil der Gonadektomie zu sehen. Weder zur ersten und nicht zum zweiten Behandlungsteil kommt es zu einer freien informierten Einwilligung. Ein Mensch, der sich an einen Arzt wendet, vertraut, weil der Arzt der Fachmensch ist mit einer besonderen Verantwortung, auch für intersexuellen Menschen. Diese Verantwortung gilt es einzufordern und zu die Einhaltung zu kontrollieren. Dies ist Aufgabe des Staates, die Rechtsordnung auch für intersexuelle Erwachsene herzustellen. Das alte System hat versagt, es gilt eine neue Ordnung zu schaffen. Nicht nur für Kinder.

    Der 2. Punkt den ich hier stellvertretend benennen möchte :die Nichtversorgung der erwachsenen intersexuellen Menschen. Allein das off-label-us-Verfahren ist eine Demütigung ohne Beispiel. Eine xy-chromosonale intersexuelle Person im weiblichen Personenstand, die wegen eines vermeintlichen Entartungsrisikos gonadektomiert wurde, und hierbei kann es sich nur um Hoden oder hodenähnliches Gewebe gehandelt haben, und das Hormon substituieren möchte, welches der Körper selbst produziert hat, ist gezwungen, sich dieses Hormon von der Krankenkasse genehmigen zu lassen. Dort wird dann eine Prüfung eines med. Gutachters herangezogen, der dann sehr oft entscheidet: keine Kostenübernahme. Empfehlung : Begeben sie sich in die Mühlen des Transsexuellengesetzes.

    Intersexuellen Menschen werden auch im Erwachsenenalter Benachteiligungen zugemutet, die das Maas weit übersteigen.

    Geschrieben für M. + U.

  7. Bitte löschen sie die erste “Sendung” – Irrtum. Vielen Dank!

    • Redaktion sagt:

      Guten Tag Lucie Veith,
      wir haben Ihren ersten Kommentar auf Ihren Wunsch hin gelöscht.