Eine erste Einschätzung

Nach der öffentlichen Anhörung zur Situation von Menschen mit Intersexualität in Deutschland am 8. Juni 2011, erlaubt sich der Deutsche Ethikrat aus der Sicht der beteiligten Ratsmitglieder eine erste Einschätzung. Die beeindruckenden Schilderungen der persönlichen Erfahrungen der Betroffenen und der Angehörigen von Betroffenen werden eine wichtige Grundlage für die weitere Arbeit des Ethikrates sein.


Desweiteren hat nach dem Eindruck der beteiligten Ethikratsmitglieder die Anhörung vor allem folgendes ergeben: Ein zentraler Punkt ist das Recht der Betroffenen auf körperliche Unversehrtheit. Hier scheint es einen Konsens darüber zu geben, dass irreversible medizinische Eingriffe zur Geschlechtszuweisung so lange wie möglich hinausgeschoben werden müssen. Ob dies gesetzlich oder über ärztliche Richtlinien geregelt werden sollte, wird von den verschiedenen Debattenteilnehmern unterschiedlich beurteilt. Es wurde aber auch zu bedenken gegeben, dass es Einzelfälle geben kann, in denen irreversible Eingriffe aus dringenden gesundheitlichen Gründen früh, wenn das Kind noch nicht einwilligungsfähig ist, erforderlich sind und dann ausnahmsweise möglich sein müssen. Das alles macht es nötig, die Grenzen so klar wie möglich zu definieren, was schwierig ist und sorgfältiger Auseinandersetzung bedarf.

Eine weitere wichtige Frage im Zusammenhang mit medizinischen Eingriffen betrifft das grundrechtlich garantierte Elternrecht, dass das Recht umfasst, über medizinische Eingriffe zum Wohl des Kindes zu entscheiden, solange das Kind nicht selbst entscheidungsfähig ist. Medizinische Eingriffe zur Geschlechtszuweisung betreffen den Kern des Persönlichkeitsrechtes jedes Menschen, seine Geschlechtsidentität, sexuelle Empfindungsfähigkeit und seine Fortpflanzungsfähigkeit. Hier findet das Elternrecht seine Grenzen und auch dies spricht dafür, mit solchen Eingriffen so lange wie möglich zu warten, damit die betroffenen Intersexuellen selbst entscheiden können. Vorgeschlagen wurde in der Anhörung auch ein Moratorium, das Zeit für die Entscheidung ermöglicht und den Eltern erlaubt, ihr intersexuell geborenes Kind kennenzulernen. Bedenkenswert ist auch der Vorschlag einer weitestmöglichen Partizipation des Kindes d.h. die Einbeziehung des Kindes durch eine altersgerechte kontinuierliche Aufklärung, interdisziplinäre Beratung und Einbeziehung in alle Entscheidungen, und zwar jenseits der Frage seiner Entscheidungsfähigkeit.

Ein weiteres Thema für die Beratungen des Ethikrates wird das Personenstandsrecht sein, auch wenn dies von einzelnen Betroffenen in der Anhörung als sekundär, wenn auch nicht unwichtig, bezeichnet wurde. Gefordert wurde, dass das Personenstandsrecht es ermöglichen sollte, die Zuordnung zu einem Geschlecht bis zur Einwilligungsfähigkeit oder bis zur Volljährigkeit aufzuschieben. Die nach § 47 Personenstandsgesetz gegebene Möglichkeit, einen unrichtigen Geschlechtseintrag zu korrigieren, wurde nicht als ausreichend angesehen.

Wie die Einwilligungsfähigkeit bestimmt werden soll, ist eine nicht leicht zu beantwortende Frage. Aus verschiedenen Gründen ist z.B. die Pubertät womöglich ein schwieriger Zeitpunkt für eine autonome Entscheidung, da in dieser Zeit grundsätzliche Identitätsfindungsprozesse im Gange sind. Offen ist auch, wie die Frage für diejenigen gelöst werden kann, die intersexuell sind und sich auch im Erwachsenenalter weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen können oder wollen. Diese Personen dürften wegen des Diskriminierungsverbots und des Selbstbestimmungsrechts eigentlich nicht gezwungen werden, sich in die binären Kategorien männlich oder weiblich einzuordnen.

Die Betroffenen forderten auf der Anhörung eine Entschädigung für erlittene medizinische Eingriffe. Dagegen wurde zu bedenken gegeben, dass der Nachweis der schuldhaften Verletzung medizinischer Standards zu einem in den meisten Fällen lange zurückliegenden Zeitpunkt schwierig ist, zumal wenn es keine medizinischen Standards gab, deren Verletzung nachweisbar ist. Einige Teilnehmer konnten sich aber die Regelung einer Wiedergutmachung bzw. Kompensation über einen staatlichen Fonds vorstellen. Dagegen bezweifelten andere, ob ein staatlicher Fonds rechts- und finanzpolitisch durchsetzbar ist.

Einmütigkeit bestand in der Anhörung, dass die medizinische und psychologische Behandlung Intersexueller in interdisziplinär zusammengesetzten Zentren mit speziell ausgebildeten Fachkräften erfolgen muss. Von großer Bedeutung scheint dem Ethikrat außerdem der Bereich der regelmäßigen medizinischen Versorgung Intersexueller zu sein und auch der Bereich der Sozialversicherung intersexueller Menschen bedarf der Prüfung.
Insgesamt wurde zur Verbesserung der gegenwärtigen und künftigen Situation intersexueller Menschen in Deutschland von den meisten Teilnehmenden der Anhörung mehr Information, Aufklärung und Beratung sowie die staatliche Unterstützung der bestehenden Hilfen gefordert.

Die beschriebenen Punkte stellen einen vorläufigen Eindruck nach der Anhörung vom 8. Juni 2011 dar und sollen in der Stellungnahme behandelt werden. Fehlt Ihrer Meinung nach etwas Wesentliches oder sind wichtige Dinge bei Ihnen anders angekommen? Wir freuen uns über jede Ihrer Rückmeldungen, Korrekturen und Ergänzungen, die in die weitere Diskussion des Ethikrates mit einfließen werden.

Themenschwerpunkt: Allgemein, Aufklärung & Einwilligung, Medizinische Eingriffe, Personenstandsrecht

Schlagwörter: ,

Weitere Artikel: Gegensätzlichkeit und Vielfältigkeit, Jenseits von Mann und Frau – Anhörung des Deutschen Ethikrates zum Thema Intersexualität, Die öffentliche Anhörung zum Nachhören,

33 Kommentare zu Eine erste Einschätzung

  1. MichelReiter sagt:

    Ich finde diese erste Einschätzung ziemlich genial, weil quasi alle Kritikpunkte abgedeckt sind. Jedenfalls habe ich sie dem Jobcenter geschickt, weil es auch Erwachsene betrifft.

  2. Reno sagt:

    Wau, die fragen sich nicht mal, wer als erstes die Möglichkeit einer Geschlechtsumwandlung in seinem kranken Hirn ausgesponnen hat. Das geht doch logischerweise gar nicht, das ist einfach die Zerstörung von menschlichen Leben und eine Katastrophe für jedem Hermaphroditen. Ist denen das gar nicht klar oder wollen die es einfach dabei belassen, da sich kein Mann und keine Frau je beschwert hat, dass es keine Herms mehr gibt. Ethik bedeutet doch, dass die Rechte dann eingeschränkt sind, wenn sie das Wohl eines anderen gefährden, oder irre ich mich. Wir wollen nur leben und deshalb müssen die Rechte der Eltern, des Staates beschnitten werden, warum macht ihr das nicht einfach, bitte jetzt einfach machen.

  3. Liebe Mitglieder des Ethikrates,
     
    als Gruppe von Amnesty International Deutschland begrüßen wir die Ihre erste Einschätzung vom 15. Juni 2011, da sie im Kern auch unsere Position zu Intersexualität und Menschenrechten trifft.

    Dies bezieht sich insbesondere auf die folgenden Punkte: das Recht der Betroffenen auf körperliche Unversehrtheit und Gesundheit; das Hervorheben des Selbstbestimmungsrechts der Betroffenen gegenüber dem Elternrecht; das Recht auf Freiheit von Diskriminierung.
     
    Entscheidend dafür, inwiefern ihre finale Position allerdings tatsächlich mit den Menschenrechten auf Würde, Recht auf Selbstbestimmung sowie Recht auf Freiheit von Diskriminierung übereinstimmt, wird von Ihrer Positionierung zur Fragestellung danach abhängen, wann dennoch – außer in tatsächlich lebensnotwendigen Fällen – ein irreversibler Eingriff bei nicht einwilligungsfähigen oder uninformiert einwilligenden Intersexuellen stattfinden darf.
     
    Ergänzen würden wir Ihre vorläufige Position, die sich insbesondere auf nicht einwilligungsfähige Kinder bezieht, zudem um uninformiert einwilligende Betroffene. Denn die Praxis der chirurgisch-medikamentösen Geschlechtszuweisung kann bei nicht einwilligungsfähigen Kindern sowie bei uninformiert einwilligenden Betroffenen als Verletzung ihrer Menschenrechte aufgefasst werden.
     
    Mit freundlichen Grüßen,
    MERSI Hamburg, Amnesty International Deutschland

    • claudia sagt:

      >>ein irreversibler Eingriff<<
      Dass sich bestimmte Eingriffe im Sinne einer physischen Geschlechtsdichotomie nicht OP-technisch rückgängig machen lassen, ist ein sehr wichtiges Kriterium.
      Nicht übersehen sollte man aber, dass nicht nur operationstechnische Irreversibilität, sondern oft auch psychische Traumata das Leben geschlechtszurechtgewiesener Menschen bestimmen.
      Ein „Geschlecht“, das in der Kindheit autoritär mit Krankenhaus/Arzt, Schmerzen, demütigenden Untersuchungen verbunden wird, später ganz entspannt als „natürlich“ anzusehen: Das gelingt vielen Menschen nicht.
      Deswegen plädiere ich dafür, den Trennstrich nicht beim Kriterium „chirurgietechnisch reversibel/„chirurgietechnisch irreversibel" anzusetzen, sondern beim Kriterium: „Gesundheitsrelevant“/„Geschlechtskosmetischer Eingriff ohne medizinische Indikation“. (Das Zweite schliesst das Erste ein)

      Zweifellos ist es einfacher, sich bei Sexualpsychologen und sogar einigen Chiurgen für das erste Kriterium Zugeständnisse abzuholen.
      Man kann damit in einem Ausschnitt der Gesamtheit „Abweichungen von der physischen Geschlechtsnorm“ Leidensminderung erreichen, erklärt aber zugleich alle, bei denen ein „technisch reversibler“ Eingriff geplant ist, für „nicht schützenswert“.

  4. Viele Aspekte der hier geschilderten Punkte in der vorläufigen Einschätzung würden zu einer deutlichen Verbesserung der Situation intersexueller Menschen führen.

    Nicht erwähnt bleibt jedoch die Versorgung der großen Anzahl der unversorgten Opfer früherer Genitalnormierungen und Kastrationen. Auf dem Gebiet der Versorgung erwachsener intersexueller Menschen wird bis zum heutigen Tage so viel wie nichts getan. Die gesamte Versorgung wird auf die Zeit und das Engagement von ehrenamtlichen tätigen Opern dieser Behandlung geladen. Eine kleine Gruppe von Menschen, die sich eingearbeitet habt, sich zu Spezialisten in eigener Sache gemacht haben leisten unbezahlt und oft über die Belastungsgrenze hinaus Hilfsdienste . Es gibt keine evidenten Erkenntnisse, wie mit den kastrierten und normierten Menschen im Erwachsenenalter umzugehen ist, wie ihre Versorgung aufrecht zu erhalten ist. Fragen nach Versorgung im Alter, wie die Pflege der so zugerichteten Menschen mit lebensnotwendigen Hormonen und der Versorgung der Neovaginen xy-chromosonaler Menschen sicher gestellt werden können, wage ich hier kaum in die Diskussion zu bringen. Neben der Grundlagenforschung sind Hilfsprojekte und Forschungen zur Verbesserung der Lebenssituation intersexueller Menschen notwendig.

    Wichtig ist auch weitere Baustellen anzugehen: Zum Beispiel die Schaffung von Beratungsstellen, die auch Begleitung und Betreuung für intersexuelle Menschen gegenüber Gerichten, Versorgungsämtern, den Rentenversicherungsträgern, aber auch den Rechtsabteilungen der Krankenhäuser sicherstellen. Den Ratsmitgliedern liegt eine Ausarbeitung des Vereins Intersexuelle Menschen e.V. vor.

    Deutlich wird auch in diesem Dialog, dass die Lebensrealität intersexueller Menschen nur einer kleinen Gruppe von Medizinern und Psychologen bekannt zu sein scheint, obwohl die Stimmen von intersexuellen Menschen kaum zu überhören sind, mehrere Parallelberichte zu Staatenberichten wurden vorgelegt. Handlungshilfen werden dort genannt. Diese Berichte sind der Bundesregierung und Ihren Ministerien zugegangen. Ich habe sie selbst übergeben.

    Die VersMed V, in der die Beurteilung der Teilhabe am Leben festgeschrieben ist, wird regelmäßig falsch zu Ungunsten der intersexuellen Menschen ausgelegt. Dies führt dazu, dass jeder intersexuelle Mensch zunächst seinen Sachbearbeiter selbst über sein “SEIN” aufklären muss. Warum solche Fälle nicht zentral bearbeitet werden können, ist mir ein Rätsel. Auch eine soziale Grundversorgung herzustellen, ist unser Anliegen.

    Das Tabu um die Existenz intersexueller Menschen in ihren vielfältigen Varianzen in der Gesellschaft zu brechen und die Diskriminierungen und Benachteiligungen abzubauen, die körperliche und psychische Unversehrtheit sicher zu stellen, sollte sicher gestellt sein.

    Nicht veröffentlicht sind hier die verfassungsrechtliche Sicht, nicht die Haltung der Menschenrechte. Hier wäre sicher auch eine Stellungnahme des Deutschen Instituts für Menschenrechte, Berlin, eine gute Adresse für eine Expertise.

    Die erste Einschätzung lässt Hoffnung keimen. Danke.

  5. Dass der Deutsche Ethikrat als zentralen Punkt an erster Stelle das Recht der Betroffenen auf körperliche Unversehrtheit nennt und gleichzeitig auch die Grenzen der Elternrechte anspricht, ist ein Grund zu großer Hoffnung. Möge der Ethikrat diese wichtigen Grundsätze angesichts der tatsächlich nicht immer einfachen Details nie aus den Augen verlieren!

  6. Luise Weilheim sagt:

    Wie wohltuend, zu lesen, dass der Ethikrat die Einrichtung von interdisziplinär zusammengesetzten Zentren mit speziell ausgebildeten Fachkräften anmahnt. Als erwachsene Intersexuelle sehne ich mich oft genau danach. Es kann kräftezehrend sein, bei gesundheitlichen Problemen die Erfahrung zu machen, dass man dem behandelnden Arzt so vieles erklären muss. Ich liebe mein Leben und empfinde es als reich und ausgefüllt. Aber es ist oft auch sehr anstrengend, mit diesem Körper zu leben. Und da wäre es wunderbar, für manche Probleme Ansprechpartner zu haben, bei denen man das Gefühl hat, in kompetenten Händen zu sein, ganz gleich, ob es sich um gesundheitliche, sozialrechtliche oder andere Angelegenheiten. Vielen Dank für diese Empfehlung!

    • kwhal sagt:

      Zitat von vor zwei Jahren:

      In Zentren sitzen die Besten. Gemessen an Kriterien des Wissenschaftsbetriebes. Schneidige Männer mit kantigem Kinn und apartem Bart. Elegante Frauen mit modischer Frisur, gekonntem Makeup und tragen BH.* Jedes von ihnen ein Vorzeigeexemplar der unhinterfragbaren Zweigeschlechtlichkeit, ein Rollenvorbild für alle Patienten, brilliant, charmant und effektiv, wie im Fernsehen. Sie sagen was ihr Prof. vorgibt, sie glauben was in den Fachzeitschriften steht, sie veröffentlichen passend zum Trend, und forschen zielorientiert. Die Antworten sind so gut, da braucht es keine Fragen mehr. Dort wird jeder bestens behandelt, wer könnte daran zweifeln?

      *Normalerweise kennzeichnen Bindestrich-Doppelnamen Menschen als (a) Frauen und (b) verheiratet und (c) hetereosexuell. Allerdings können metrosexuell-bewegte Männer auch welche tragen, wenn man sie sonst für Barden oder Eisbären hielte.

  7. Redaktion sagt:

    Der an dieser Stelle veröffentlichte Kommentar wurde wegen eines Verstoßes gegen die Allgemeinen Nutzungsbedingungen gelöscht.

  8. Redaktion sagt:

    Der an dieser Stelle veröffentlichte Kommentar wurde wegen eines Verstoßes gegen die Allgemeinen Nutzungsbedingungen gelöscht.

  9. Redaktion sagt:

    Redaktionelle Anmerkung zu den Kommentaren von ETEKAR:

    Wir möchten uns zunächst einmal für Ihre aktive Teilnahme am Online-Diskurs bedanken.
    Jedoch müssen wir Sie mit Bezug auf die Nutzungsbedingungen darauf hinweisen, dass pauschalisierende Aussagen, die als beleidigend bzw. verleumderisch empfunden werden können, nicht gestattet sind. Sätze wie „Sämtliche Medizyner in der BRD, die sich an der medizynischen Mißhandlung von zweigeschlechtlichen Kindern seit 1945 beteiligt haben, waren entweder hochrangige medizynische Nazifunktionäre mit anschließenden medizynischen Direktorenposten in der BRD (…)“ sind daher aufgrund der unsachlichen Verallgemeinerung problematisch.

    Ihre sachbezogenen und dem Diskurs dienlichen Äußerungen werden sehr begrüßt. Allerdings beziehen sich Ihre Kommentare auf verschiedene Mediziner und Naturwissenschaftler (mit Verbindungen zum Nationalsozialismus und zu NS-Medizinverbrechen) aus unterschiedlichen Zusammenhängen und auf verschiedene Verbrechenskomplexe. Diese werden in einen assoziativen Zusammenhang mit Genitaloperationen an intersexuell geborenen Menschen gestellt. Wir bitten darum, mit solchen Aussagen vorsichtig zu sein. Die erste vollständige Operation dieser Art wurde unseres Wissens 1931 von Ludwig Levy-Lenz am Institut für Sexualwissenschaft in Berlin unter Felix Abraham vorgenommen. Angesichts der Rolle jüdischer Sexualwissenschaftler in dieser Sache ist besondere Vorsicht bei Nazi-Anwürfen dringend geboten.

    Intersexualität wurde zu dieser Zeit als pathologisch und Genitaloperationen wurden als lege artis angesehen. Humangenetiker, etwa am Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, interessierten sich für eine mögliche erbliche Entstehung von Intersexualität. Insofern ist es durchaus möglich, dass sich die genannten Pädiater an solchen Operationen beteiligten, Belege liegen uns dafür allerdings nicht vor. Dies ohne weiteres mit dem NS-Sterilisierungsprogramm, der „Euthanasie“ oder gar dem Judenmord in Zusammenhang zu bringen, ist problematisch. Dies bedeutet nicht, dass wir Ihre Anmerkungen über Mediziner, die zur Zeit des Nationalsozialismus Verbrechen begingen und auch im Nachkriegsdeutschland noch praktizierten, oder Ihre Ausführung und Infragestellung der gängigen medizinischen Praxis im Umgang mit intersexuellen Kindern in den 60er, 70er Jahren und auch danach grundsätzlich infrage stellen möchten.

    Der Online-Diskurs soll ein auf die Sache bezogener und in keine Richtung diskriminierender Diskurs sein. Daher bitten wir Sie, zukünftig auf solche und ähnliche Aussagen zu verzichten.
    Wir hoffen, dass Sie sich auch in Zukunft an diesem Diskurs beteiligen.

    Zu den im Text genannten Personen:
    Hans Naujoks (1892-1959), Gynäkologe; 1929 ao. Professor in Marburg, 1933 Eintritt in die NSDAP, auch Mitglied der SA, Förderndes Mitglied der SS, NSV, NS-Dozenten-, -Lehrer- und Ärztebund; Mitarbeit im Rassenpolitischen Amt der NSDAP; unterzeichnete im November 1933 das „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“; 1934 o. Professor in Köln; ermächtigt zur Vornahme von Strahlensterilisierungen nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das er nachdrücklich befürwortete; 1936 Schriftleiter der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie; 1939 Mitherausgeber der Zeitschrift „Geburtshilfe und Frauenheilkunde“; 1945/46 Lehrstuhl in Marburg, 1947 Frankfurt a.M.; 1951 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie; 1957 Großes Bundesverdienstkreuz. – Das unvollständig nachgewiesene Zitat bezieht sich wahrscheinlich auf den Sammelband von Johannes Schottky (Hg.), Rasse und Krankheit“, 1937.

    Otto Flößner (1895-1948), Physiologe; 1933 Privatdozent der Universität Berlin, Eintritt in die NSDAP, NSV, NS-Dozenten- und -Lehrerbund; 1934 ao. Professor; 1936 Leiter der Abteilung Ernährungsphysiologie im Reichsgesundheitsamt; 1944 im Wissenschaftlichen Beirat des Bevollmächtigten für das Gesundheitswesen Karl Brandt. War an groß angelegten Versuchen zur „Ersatzernährung“ für KZ-Häftlinge beteiligt.

    Carl Bennholdt-Thomsen (1903-1971), Pädiater; HJ-Arzt, 1935 NS-Dozentenbund, 1937 NSDAP, 1940 an die Deutsche Kinderklinik Prag, 1942 ao. Professor, 1943 o. Professor Universität Prag; 1945 auf einen Lehrstuhl nach Hamburg berufen; 1947 Direktor der Universitätskinderklinik Köln-Marienburg.

    Hans Kleinschmidt (1885-1977), Pädiater. 1931 Professor und Direktor der Universitätskinderklinik Köln-Lindenthal. Begrüßte den Nationalsozialismus. 1935 Mitherausgeber der Zeitschriften „Kinderärztliche Praxis“ und „Monatsschrift für Kinderheilkunde“; 1937 Eintritt in die NSDAP; 1944 im Wissenschaftlichen Beirat des Bevollmächtigten für das Gesundheitswesen Karl Brandt.

    Karl Heinz Schäfer (1911-1985), Pädiater, 1945 o. Professor und Direktor der Kinderklinik Hamburg-Eppendorf.

    Adolf Butenandt (1903-1995), Biochemiker und Hormonspezialist; 1931 Leiter der biochemischen Abteilung des Chemischen Instituts der Universität Göttingen; 1933 o. Professor TH Danzig; unterzeichnete im November 1933 das „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“; 1936 trotz Aufnahmesperre Eintritt in die NSDAP, Mitglied in der DAF und im NS-Lehrerbund; 1936 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biochemie; 1939 Nobelpreis; Zusammenarbeit mit dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie (und damit indirekte Kontakte zu Josef Mengeles Forschungen zur Bluteiweißzusammensetzung); sein Mitarbeiter Gerhard Ruhenstroth führte (wohl mit seinem Wissen) ein unethisches Menschenexperiment mit epilepsiekranken Kindern aus der „Euthanasie“-Anstalt Brandenburg-Görden durch; Mitarbeit an geheimen Luftwaffenprojekten; 1944 im Wissenschaftlichen Beirat des Bevollmächtigten für das Gesundheitswesen Karl Brandt. 1945 o. Professor für Physiologische Chemie in Tübingen; 1956 Direktor des Max-Planck-Instituts für Biochemie; 1960-72 Präsident der Max-Planck-Gesellschaft.“

  10. MichelReiter sagt:

    Der Sohn von Adolf Butenandt, Otfried Butenandt, war für meine Behandlung in München federführend. Man kooperierte mit Milupa. Ich kann die Herleitung zur NS-Zeit nachvollziehen und kenne auch deren Argumentation. Eine sachliche Aufarbeitung fand auch in dem historischen Buch XX0XY ungelöst von Ulrike Klöppel nicht statt.

    Gleichwohl reicht es nicht, in der Vergangenheit zu verharren, aus Geschichte kann gelernt werden und es muss Zukunft möglich sein. Möge der Ethikrat hierzu in seiner Stellungnahme an die Bundesregierung einen Beitrag leisten.

  11. Redaktion sagt:

    Der an dieser Stelle veröffentlichte Kommentar wurde wegen eines Verstoßes gegen die Allgemeinen Nutzungsbedingungen gelöscht.

  12. ETEKAR sagt:

    Nationalsozialistische Rassenhygiene (Die Kurzfassung für den vorherigen Beitrag: “Gleicht Euch nicht dieser Welt an!”

    “Nicht fort sollst Du Dich pflanzen, sondern hinauf”, dieses ist die von den Nazimedizynern vorgegebene Marschrute für die systematische Auslöschung von zweigeschlechtlichen Menschen gewesen, die gezielt sowie staatlich finanziert und organisiert auf jeden Fall bis heute wissentlich fortgeführt wurde. Wie einem Zitat zu entnehmen ist, wußten die verantwortlichen MedizynerInnen ganz genau, dass zweigeschlechtliche Kinder sich ohne chirurgische Interventionen seelisch und körperlich bestens entwickeln:

    “Die frühe Zuordnung der weiblichen Rolle war unseres Erachtens bei unserer Patien von maßgeblicher Bedeutung dafür, daß sich die Entwicklung als Mädchen ohne große Störungen vollzogen hat, obwohl das ambisexuelle Genitale erst im 14. Lebensjahr durch eine Clitorplastik korrgiert wurde.” (Fotos mit Blick ins Genitale und das nackte an die Wand geklatschte Kind an einer Meßlatte, wie so oft bei den medizynischen Beiträgen anbei, deshalb verzichte ich hier auf den Literaturnachweis, kann aber versichern, dass ich im Besitz des Beitrages bin, der sich auf Seite 64 und 65 befindet.)

    Die Verbrechen wider die Menschlichkeit an zweigeschlechtlichen Kindern dienten niemals dem Wohl der Kinder und sollten dieses auch zu keinem Zeitpunkt, sondern es ging stets um Prestige, Macht, Geld und Sadismus von MedizynernInnen an wehrlosen Kindern und Säuglingen!

  13. folke sagt:

    „ I have a dream …“

    Ich hatte einen Traum …

    … von einem Diskurs zwischen Behandlern, Betroffenen und vielen Mitmenschen …
    … von regem Austausch …
    … von Miteinander …
    … von Verständnis …
    … von Akzeptanz …
    … von neuen Wegen …
    … von einem Aufhorchen in der Gesellschaft …
    … von Öffnung …
    … von Änderungen in den Gesetzestexten …
    … von freien Entscheidungen der Kinder …
    … von weniger Leiden …
    … von Gerechtigkeit …
    … von aufgeklärten Schülern und Lehrern, Nachbarn …
    … von glücklichen Familien und unbeschwerten Kindern …

    Manche Träume brauchen einfach ihre Zeit ,
    andere Träume werden niemals Wirklichkeit.
    Trotzdem sollte man nicht ruh`n,
    es gibt noch einiges zu tun!

    Und ich hege nach der ersten Einschätzung des Ethikrates, große Hoffnung, dass sich einige Träume erfüllen lassen.

  14. Markus Bauer sagt:

    Seit mindestens 1995 klagen auch in Deutschland zahllose Betroffene von Genitalverstümmelungen im Kinder- und Jugendalter sowie als Erwachsene unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu ebensolchen Verstümmelungen Genötigte das ihnen angetane Unrecht öffentlich in schriftlichen Äußerungen an und fordern Gerechtigkeit.

    Viele dieser Stimmen, welche die Debatte zum Teil seit Beginn prägten, und ohne die es den Ethikrat-Diskurs gar nie gegeben hätte, können oder wollen es aus nahe liegenden Gründen nicht über sich bringen, überhaupt am Ethikrat-Diskurs teilzunehmen oder dasselbe schon wieder und noch einmal schmerzhaft zu erzählen.

    Ein Diskurs zum Thema im Jahre 2011, der diese Stimmen und Zeugnisse nicht gebührend zu Wort kommen lässt und mit einbezieht, sondern die Debatte zum x-ten Mal „von Null“ starten will, kann kein objektives Bild vermitteln, weil zwangsläufig viele wichtige und zentrale Stimmen und Akteur_innen darin fehlen.

    Viele, die sich andernorts prägnant geäußert hatten, blieben dem Ethikrat-Diskurs fern, zum Beispiel weil sie – nicht zuletzt in Folge des ihnen Angetanen – sich inzwischen selbst das Leben nahmen (z.B. Name von der Redaktion gelöscht) oder sonst keine Kraft oder Lust mehr dazu aufbringen können, weil sie – nicht zuletzt wegen ihrer öffentlichen Auftritte – gerade ihren Arbeitsplatz verloren, mit sozialen Notlagen und/oder schweren Gesundheitsproblemen zu kämpfen haben, und aus vielen anderen Gründen mehr (Namen von der Redaktion gelöscht u.v.a.m.)

    Andere, die zwar am Diskurs mit Kommentaren teilnehmen, bringen es trotzdem nicht oder nur ansatzweise über sich, die immer gleichen Geschichten und Fakten noch ein weiteres Mal zu bezeugen, zum Beispiel weil ein potentiell retraumatisierendes (erneutes) Fokussieren darauf sich schlecht mit den Anforderungen von Arbeitsleben, Alltag, Familie vereinbaren lässt, und aus vielen anderen Gründen mehr (u.a. Michel Reiter, Luise Weilheim, Ins A. Kromminga).

    Eine sporadisch aufdatierte Linkliste zu online verfügbaren Texten Betroffener findet sich hier:
    http://zwischengeschlecht.org/post/3.-Zwangsoperierte-Zwitter-%C3%BCber-sich-selbst-und-ihr-Leben

    In Kürze folgt eine Chronologie mit Quellenangaben und Auszüge relevanter Texte von Betroffenen in der Hoffnung, dass es dem Deutschen Ethikrat ernst ist mit einer objektiven Stellungnahme, die alle Stimmen und Zeugnisse gebührend beachtet und niemanden ausschließt.

    • MichelReiter sagt:

      Ich freue mich die Namen von Name von der Redaktion gelöscht bis Name von der Redaktion gelöscht zu lesen, ich habe mich öfters gefragt, wie es ihnen wohl geht. Und es stimmt, man kann nicht immer bei Null anfangen. Deshalb habe ich mein Webprojekt und wünschte mir mehr Webseiten von intersexuellen Individuen. Getan hat sich auch einiges, zum Beispiel findet im Oktober die erste Intertagung in Berlin statt: http://www.intersexualite.de/index.php/aktuell/ Ich werde darüber referien, wie man andere Realitäten kreiert.

    • Redaktion sagt:

      Aufgrund des Wunsches einiger namentlich genannter Personen in den obigen Kommentaren, mussten die Namen aus diesen Kommentaren gelöscht werden, um so die Privatsphäre dieser Menschen zu schützen. Die Stellen sind gekennzeichnet durch “Name(n) von der Redaktion gelöscht“. Wir bitten um Verständnis.

      • claudia sagt:

        Das ging ja flott, die alle zu fragen. Dann habe ich auch einen Fehler gemacht: Es tut mir leid, dass Redaktion jetzt noch mal bei jemand, die öffentlich bekannt ist, anfragen muss…

  15. @ Redaktion : Bitte nehmen Sie die Namen aus dem Artikel. Hier werden Menschen namentlich genannt, die u. U. dies nicht wollen oder sich nicht(mehr) wehren können. Ich weiß nicht, wer Herr Bauer ist und wie er an diese Namen gekommen ist, vor allem weiß ich nicht wer ihm erlaubt hat, hier Menschen öffentlich vor zu führen. Das sind auch nicht alles Menschen des öffentlichen Lebens. Hier werden Persönlichkeitsrechte verletzt.

    Wenn intersexuelle Menschen, und um die geht es hier ja wohl, etwas mit zuteilen haben, dann würden sie sich melden . niemand muss sich hier “outen”.

    @ Markus Bauer : Sie überschreiten mit dem Eintrag Grenzen. Unter den von Ihnen genannten sind Menschen, die ihre innere und äußere Ruhe wiederfinden wollen. Welches Spiel spielen Sie hier?

    • Markus Bauer sagt:

      @ Lucie Veith: Wie Sie oben nachlesen können, beziehe ich mich auf „öffentliche schriftliche Äußerungen“ der genannten Autor_innen, was wie angekündigt jedesmal mit Quellenangaben belegt sein wird (die online verfügbaren Texte sind zudem bereits via den angegebenen Link belegt).

      Mein Anliegen hier ist Offenlegung und Würdigung der bekannten Fakten zwecks Beendigung einer unwürdigen und menschenrechtswidrigen medizinischen Praxis. Welches ist das Ihre?

  16. Markus Bauer sagt:

    1996-2000: Heike Bödeker, AGGPG, Michel Reiter
    (Chronologie fehlender Stimmen Betroffener 1)

    Heike Bödeker: Biografische Fußnote

    Bödeker, Heike: „Intersexualität (Hermaphroditismus) – Eine Fingerübung in Compliance? ‚Dazwischen‘, ‚beides‘ oder ‚weder noch‘?“
    In: Zeitschrift für feministische Theorie und Praxis, 1998, Heft 49/50, S. 99-107, hier: Anmerkung 5

    (Heike Bödeker war ab 1995 die wohl erste Betroffene in Deutschland, die sich öffentlich äußerte und die Praxis der kosmetischgen Genitaloperationen fundiert kritisierte. 1996 Mitbegründerin der AGGPG zusammen mit Michel Reiter. Die meisten ihrer oft englischsprachigen Zeugnisse sind mittlerweile online nicht mehr erhältlich. Zugänglich blieb jedoch folgende biografische Fußnote inkl. einen kritischen Anmerkung zu 150 Jahre Zwitter-Instrumentalisierung. Weiter belegt der kurze Text, dass immer wieder „Patienten“ sich durchaus gegen ihre „Behandlung“ sträubten, ihre Rechte jedoch mit Füßen getreten wurden und werden.)

    „Mir gegenüber wurden auch niemals irgendwelche „Heilsversprechen“ getätigt, Ärzte redeten ausschließlich mit meinen damaligen Erziehungsberechtigten, und selbst die hatten es nie nötig, mit mir offen zu reden, geschweige denn meine verzweifelten Proteste ernst zu nehmen. Ich war als Person tatsächlich nicht existent, meine Gefühle und Gedanken galten nichts, meinen Körper hatten sie sich angeeignet. Und daß ich keine Chance hatte, „Gesundheitsnormen“, die mir gegenüber zudem nie explizit erfüllt wurden, zu erfüllen, machte mir alleine klar, daß ständig an mir „nachgebessert“ werden sollte und daß ich trotzdem auf herzlich wenig Akzeptant stieß. Meine Genitalien ebenso wie meine ganze Person wurden zwar „als“ etwas deklariert, waren aber dennoch nie „gültig“. In meinem Erleben ist Intersexualität in erster Linie ein Vorwand, um gequält, verstümmelt, entstellt, vergewaltigt zu werden. Angesichts von Diskursen über „dritte“ Geschlechter kann ich nicht anders als zu fühlen, daß deren Proponenten offensichtlich nicht wissen, wonach sie fragen. Abgesehen davon, daß „was politisch zu Zeiten von Ulrich, Kraft-Ebbing und Hirschfeld schon als ‚emanzipatorischer Kurzschluß‘“ (Lindemann 1993) erschien, heutzutage noch weniger als der Weisheit letzter Schluß erscheinen mag.“

    Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie (AGGPG):
    „Genitalverstümmelungen in Deutschland in der Kinder- und Jugendgynäkologie“ (1996)

    Relevante Auszüge: http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2010/07/09/Genitalverst%C3%BCmmelungen-in-der-Kinder-und-Jugendmedizyn
    Ganzer Text: http://blog.zwischengeschlecht.info/pages/Genitalverstuemmelungen-AGGPG-%281996%29

    (Die von Heike Spreitzer und Michel Reiter 1996 begründete AGGPG lieferte als eine der weltweit ersten Betroffenen-Lobby-Organisationen eine fundierte Kritik der medizinisch nicht notwendigen, uneingewilligten Intersex-Genitaloperationen als westliche Form der Genitalverstümmelung. Diese Kritik konnte bisher von keinem Mediziner begründet widerlegt werden wurde seither von vielen Fachleuten und Menschenrechtsorganisationen aus aller Welt wieder und wieder bekräftigt. Ein Diskurs zum Thema „Intersexualität“ 15 Jahre später, der dieser begründeten Kritik immer noch nicht gebührend Rechnung trägt, kann weder objektiv noch ernst zu nehmen sein.)

    „Geschichte der Genitalverstümmelung

    Genitalverstümmelungen in westlichen Ländern durch Chirurgen haben Tradition. So entfernte im 17. Jahrhundert der Chirurg Dionis auf Veranlassung der Ehemänner Frauen die Klitoris, um „pflichtbewußte“ Frauen aus ihnen zu machen, 1864 empfahl ein berühmter Chirurg, die Klitoris zu schützen und zu diesem Zweck die Schamlippen zusammenzunähen, 1900 empfahl D. Pouillet, die empfindlichen Teile mit Silbernitrat zu verätzen, damit sie nicht weiter „Hand an sich legten“, desweiteren wurden Frauen durch Amputation oder Ausbrennen der Klitoris von der Masturbation „geheilt“ (geschichtlicher Hintergrund aus Schüler / Bode, 1992 und Walker, 1993).
    Bereits 1937 wird in diesem Zusammenhang von der Behandlung „genitaler Abnormalitäten“ (Young, 1937) geschrieben.

    Kindergynäkologie

    [...] 1963 legte Dewhurst im Buch „Gynecological Disorders of Infants and Children“ seine Erfahrung mit „Mißbildungsbehandlungen“ bei Mädchen dar [...].
    Es kann angenommen werden, daß seit der Eroberung des Frauenkörpers durch die Medizin Genitalverstümmelungen mit wechselnden Argumenten durchgeführt werden.“

    Michel Reiter: „Genitale Korrekturen an intersexuellen Menschen: ‚It‘s easier to make a hole than to build a pole‘“ (1998)
    In: kassiber Nr. 34 – Februar 1998
    Online: http://www.nadir.org/nadir/initiativ/kombo/k_34isar.htm

    (Ein umfassender Text, der konkret auf Erfahrungen mit kosmetischen Genitaloperationen an Kindern eingeht. Die darin geschilderten Folgeschäden inkl. erhöhtem Suizidrisiko konnten auch von den Netzwerkstudien nicht widerlegt werden, sondern wurden im Gegenteil bekräftigt – auch wenn in den publizierten Ergebnissen der Netzwerkstudien solche unangenehmen Resultate stets beschönigend verkürzt werden. Michel Reiter bietet zusätzlich eine belegte historische Herleitung der Parallelen zwischen Intersex-Verstümmelungen und der weiblichen Genitalverstümmelung.)

    „Medizinische Intervention ohne Zustimmung

    Heute werden etwa 90 Prozent aller ehemals Intersexuellen zu Frauen korrigiert und gesellschaftlich zumeist auch als solche wiedererkannt, bei etwa 30 Prozent der sogenannten genitalen Fehl- und Mißbildungen wird chirurgisch interveniert. [...] Sofern sich eine Chromosomenvariation bereits pränatal feststellen ließ, wird im Rahmen der medizinischen Indikation zu einem Abort geraten. [...] Eine Erwägung, das Kind bis zum entscheidungsfähigen Alter zu belassen, wie es auf die Welt gekommen ist, findet nicht statt. Eltern werden nicht über Intersexualität informiert, sondern nur über befundene Abweichungen. So wird ausschließlich im diagnostischen Krankheitsbild und oftmals in nicht verständlicher Sprache referiert. Kontakte zu kritischen Gruppen intersexueller Erwachsener werden nicht angeboten. Eltern haben somit keine autonome Entscheidungsmöglichkeit. [...]

    Erfahrungen Zugewiesener

    Niemand kontrolliert MedizinerInnen bei ihren Eingriffen. Somit kann keine repräsentative Aussage getroffen werden, ob und in welchem Ausmaß Folgeschäden aus den ‚Behandlungen‘ entstehen. [...] Unserer Recherchen ergaben, daß etwa 60 Prozent der Intersexuellen Suizidversuche vorgenommen haben. Viele bewegen sich unerkannt im Rahmen des zugewiesenen Geschlechtes. Allen ist gemeinsam, daß sie am Rande des Erträglichen leben. Eine nicht unerhebliche Anzahl (ca. 20 Prozent) hat erfolgreichen Suizid begonnen. Sehr wenige arbeiten politisch zur Thematik.[...]

    Organisierte Intersexuelle stellen fest: durch geschlechtliche Zwangszuweisungen an nicht einwilligungsfähigen intersexuellen Kindern entsteht ein erheblich höherer psychischer Schaden, als dies durch Ablehnung seitens der Bevölkerung jemals möglich sein wird, ganz abgesehen von physisch irreparablen Schäden. Menschen besitzen ab Geburt zwar keine ausgeprägte Identität, aber eine Integrität und ein Gefühl für Intaktheit.

    Als extrem einschneidend in ihrem Leben als Erwachsene beschreiben alle sich zum Thema Äußernde die genitalen Korrekturen, welche die Möglichkeiten einer erfüllten Sexualität für alle Zeiten versagen, und zwar unabhängig davon, ob eine Reduktion oder eine Totalamputation des Lustorgans erfolgte. Weiterhin wird als äußerst belastend die erlebte Isolation sowie Unkenntnis der Umwelt und damit Unmöglichkeit, sich offen zur Thematik auszutauschen, formuliert. Nahezu alle fühlen sich im ‚falschen‘, da konstruierten Körper. Etwa 15 Prozent der Zugewiesenen wünschen sich eine Revision. Diese Personen werden zumeist fälschlicherweise als Transsexuelle deklariert. [...]“

    Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie (AGGPG):
    „Vernichtung intersexueller Menschen in westlichen Kulturen“ (1998)

    Relevante Auszüge: http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2010/08/10/Verstuemmelungen-Folgeschaeden-AGGPG-1998
    Ganzer Text: http://blog.zwischengeschlecht.info/pages/%22Vernichtung-intersexueller-Menschen-in-westlichen-Kulturen%22-Flugblatt-AGGPG-(1998)

    (Hier wird – im Gegensatz zum Ethikrat-Diskurs – souverän das ganze Spektrum kosmetischer Genitaloperationen betrachtet, d.h. auch die „maskulinisierenden Eingriffe“, und nicht lediglich die „feminiserenden“. Explizit benannt wird auch die wohl häufigste „Diagnose“ für medizinisch nicht notwendige Genitaloperationen an Kindern, nämlich „Hypospadie“. Die Traumatisierungen durch die Verstümmelungen nicht nur beim Opfer selbst, sondern indirekt auch bei weiteren Familienmitgliedern werden angesprochen, ebenso der im Ethikrat-Diskurs weitgehend tabuisierte Kontext zu anderen historischen Formen von Vernichtungs und Auslöschung. 2011 belegt der Text zusätzlich die sprichwörtliche Unbelehrbarkeit der verantwortlichen Mediziner: Die abschließende Forderungsliste ist auch 13 Jahre später unverändert brandaktuell und Bestandteil der Forderungen praktisch aller heutigen Betroffenen-Organisationen.)

    „[...] Seit über 50 Jahren widmet sich die Medizin der Aufgabe, diese Vielfalt auszulöschen und soziokulturell unsichtbar werden zu lassen. Intersexen stehen vor einer prekären Situation, denn sie werden am Leben gelassen, ihre Besonderheiten jedoch vernichtet.

    Medizinische Klassifikation

    [...] Die Ausprägung des Lustorgans, beim weiblichen Geschlecht als Klitoris definiert und beim männlichen als Penis, kann zwischen diesen beiden Längenextremen liegen. Ebenso können Harnröhrenausgänge zwischen der Spitze des Penis und den Hoden enden und die Vagina in der Harnröhre am Penis münden. [...] Die Medizin kreierte hieraus etwa 13 Syndrome. [...] Oft gebrauchte Begriffe sind: Klitorishypertrophie, Micropenis, Hypospadien, uneindeutige Genitalien, frühe genitale Korrektur.

    Genitale Verstümmelung

    Abhängig vom definierten Geschlecht werden möglichst zwischen der 6. Lebenswoche und dem 15. Lebensmonat diverse chirurgische Zuweisungen vorgenommen: Phallusreduktion (60-70% des Gewebes werden entfernt) oder Penisaufbauplastiken, Kastrationen, Konstruktion von Neovaginen, Hodenimplantaten, Harnröhrenverlegungen. Ist das erreichte Ergebnis nicht zufriedenstellend, wird nachkorrigiert. Es sind uns bis zu 16 Operationen an einem Kind bekannt. [...] Die Behandlungsdauer richtet sich nach dessen Beginn und ist selten vor dem 17. Lebensjahr beendet. Hormonelle Ersatzgabe soll ebenso wie weitergehende klinische Untersuchungen lebenslang erfolgen.

    Folgeschäden

    Eltern erleben eine Cotraumatisierung, da sie zum einen unter erheblichen Streß gesetzt werden, medizinische Anweisungen zu befolgen, zum anderen schädliche Folgen der medizinisch nicht notwendigen Behandlung an ihrem Kind miterleben. Die hieraus resultierende Destruktivität überträgt sich auf das Kind. Für intersexuelle Kinder sind folglich Eingriffe und Reaktionen der Bezugspersonen extrem traumatisierend, denn neben massiven Integritätsverletzungen kommen strikte Tabuiserungsanweisungen, Reduktion zum Objekt und gesamtpersonelle Ablehnung seitens der Eltern hinzu. Lebenslange physische und psychische Schädigungen sind die Folge. Sozialer Unbill, welchen es offiziell zu vermeiden galt, wird dadurch noch verstärkt. Unseres Wissens zufolge unternehmen 80% der Intersexen Suizidversuche, hiervon 25% erfolgreich. [...]

    Wir fordern:

    • Menschenrechte für Intersexuelle
    • das Recht auf Selbstbestimmung und vollständige Aufklärung
    • Beendigung chirurgischer Eingriffe vor Einwilligungsfähigkeit
    • psychologisches Betreuungsangebot für alle Familienangehörigen
    • außerklinische Beratungsstellen und Kontaktvermittlung zu kritischen Gruppen“

    Michel Reiter (Interview):
    „Was hätten Sie denn gerne, einen Jungen oder ein Mädchen?“

    In: arranca #14, Januar 1998
    Online: http://arranca.org/ausgabe/14/was-haetten-sie-denn-gerne-einen-jungen-oder-ein-maedchen

    (Auch hier wird – im Gegensatz zum Ethikrat-Diskurs – souverän das ganze Spektrum kosmetischer Genitaloperationen konkretisiert, diesmal inkl. der Fälle, bei denen die Mediziner nicht „das Geschlecht“ des „Patienten“ in Frage stellen, sondern „nur“ „Genitalfehl- und -mißbildungen“ als solche. Und aufgezeigt, dass auch bei „maskulinisierenden Hypospadie-Operationen“ von den Operateuren & Co. das sexuelle Empfinden jedesmal mutwillig aufs Spiel gesetzt wird. Weitere im Ethikrat-Diskurs ausgeblendete Themen sind Zwangsfertilisierungen sowie Traumatisierungen durch den Verlust des Gefühls der körperlichen und seelischen Integrität, deren Folgen für betroffene Kinder mit Folter vergleichbar sind. Und nicht zuletzt liefert der Ethikrat-Diskurs mit dem Beitrag von Prof. Westenfelder gleich die Probe aufs Exempel, dass verantwortliche Mediziner sich nicht schämen, wie im Interview wie prophezeit als „Argumente“ auch 2011 noch unbeirrt dieselben alten Trugschlüsse aufzutischen.)

    „Medizinische Eingriffe – Im Sinne des Kindes, gewollt durch die Eltern oder ärztliche Willkür?

    Zunächst stellt sich die Frage, wer ist schuld, oder wer zwingt wen. Von Ärzten wird gern behauptet, daß Eltern die Ärzte zwingen [...] Der Arzt sagt natürlich, dieses Kind ist mißgebildet und dem kann man helfen. [...]

    Bei der Feminisierung ist besonders der Fall interessant, wenn gesagt wird, daß dieses Kind schwanger werden kann, weil Gebärmutter und Eierstöcke vorhanden sind. Das ist aber nicht empirisch belegt, es gibt sogar Hinweise, daß diese Schwangerschaften äußerst schlecht gehalten werden. [...] Es gibt ein Zitat, das heißt: „Das Ziel ist, eine sexuell funktionierende Person zu erschaffen.“ Und was „sexuell funktionierend“ ist, das steht dann an anderer Stelle, das hat aber mit sexuellem Lustempfinden nichts zu tun. Hauptsache, penetriert werden zu können, das ist die weibliche Zuweisung. [...]

    Bei der Maskulinisierung spielt das zukünftige Lustempfinden auch keine Rolle, weil dabei im Stehen pissen zu können das erste Kriterium ist. Und um das zu erreichen, werden z.B. Harnröhren verlegt. Ich kenne einen Fall von 21 Operationen, danach war der Penis völlig vernarbt und nicht mehr erektionsfähig, aber im Stehen pissen war möglich.

    Die Ergebnisse der Operationen bei einer Feminisierung wie bei einer Maskulinisierung sind katastrophal, wobei sich Ärzte natürlich rühmen, daß sie diese Operationen mit Hilfe der Mikrochirurgie jetzt besser durchführen können. In 15 Jahren werden wir wieder hören, daß sie damals, 1997, leider Fehler gemacht haben, so wie wir das heute auch hören, daß sie damals – 1960 – Fehler gemacht haben.

    Die Medizin kennt auch noch Mißbildungen der Genitalien, da wird das Geschlecht nicht in Frage gestellt, aber das Genital. [...]

    Traumatische Folgeschäden durch gewaltsame Herstellung medizinischer Eindeutigkeit

    Ich kann für mich sprechen, für meinen Jahrgang und ich kann für die sprechen, die sich offen dazu äußern, das sind in den USA etwa 150 und in Deutschland zwei.

    Bei uns wurden die Traumata durch verschiedene Faktoren ausgelöst, wobei der operative Eingriff das stärkste Schockerlebnis verursacht. Hinzu kommen eine Reihe von Nachfolgeuntersuchungen, die auch bei einer sensibilitätserhaltenden Operation nicht ausbleiben, bei denen der Arzt ständig die Auswirkungen der Hormonbehandlung begutachtet. [...] Wir sprechen bei all dem von Folter.

    Ich für meinen Fall habe in 14 Jahren 200 gynäkologische Untersuchungen und 300 Hormonbehandlungen erlebt. Außerdem wurde ich bougiert, d.h. mir wurde eine Vagina eingesetzt, die auch ständig gedehnt werden mußte. [...] Der Mensch bleibt auf der Strecke, ein Wesen ohne das Gefühl von physischer und psychischer Integrität.

    Für mich stellt sich nicht unbedingt die Geschlechterfrage. [...] Das ist der Bereich, den ich manchmal versuche zu erklären, eine geschlechtliche Zwangszuweisung kann kein Geschlechtsempfinden erzeugen. Insofern kann von einer Zuweisung nur abgeraten werden, es funktioniert nicht.

    Ich denke, daß ein neugeborenes Kind zwar noch keine Identität, aber bereits ein Gefühl von physischer und psychischer Integrität besitzt. Ein operativer Eingriff zerstört jedoch das Gefühl für Integrität und Intaktheit, besonders wenn er in so frühen Wochen und Monaten vorgenommen wird, wie das in dem Hermaphroditenbereich oft der Fall ist. Und ich bin mir nicht sicher, ob diese Integritätszerstörung jemals wieder aufhebbar ist.

    [...] Ich habe schon früher, bevor ich wußte, daß ich umgebaut wurde, gespürt, daß sie mir Lebensenergie geraubt haben – irreversibel. Es gibt ein abgrundtiefes Gefühl, auf einer zutiefst denkbaren Ebene zerstört worden zu sein.

    Das sagen aber auch Leute, die gefoltert wurden. Ich weiß nicht, ob man das allein an den Genitalien festmachen kann, oder ob es einfach nur um die Massivität der Eingriffe geht.

    „Michel Reiter, Intersexuell – Ein Leben jenseits der Geschlechter“
    Portrait von Oliver Tolmein

    In: ZEIT-Magazin v. 28.01.1999, S.12-15
    Online: http://www.das-verordnete-geschlecht.de/portrait.htm

    („Für die Kinder kämpfen wir“, lautet der Titel eines Gedichts von Michel Reiter. Reiter war wohl der erste Betroffene in Deutschland, der seine persönliche Geschichte inkl. Auszügen aus der Krankenakte kompromisslos öffentlich machte und ganz konkret in der Öffentlichkeit für eine Beendigung der kosmetischen Genitaloperationen kämpfte – Aktionen, die für traumatisierte Betroffene schier übermenschlichen Mut und Kraft erfordern, und die ihm in dieser Form bis heute niemand nachmachte. Solche Schritte können – wie auch andere Betroffene berichten – für die Akteure selbst zwar einerseits befreiend wirken, aber andrerseits auch ungeheuer zermürbend bis zum seelischen Zusammenbruch. Umso mehr Anerkennung verdienen alle Betroffenen, die solches auf sich nehmen, damit es ihre ungeborenen Leidensgenoss_innen dereinst besser haben sollen.)

    „Ein Kind, nackt, vor eine Wand gestellt, im Hintergrund ein grobes Raster aus Quadraten. Von der Seite aufgenommen. Von vorne. Das Kind liegt, die Beine gespreizt. Die Vagina wird ins Bild gerückt. Nahaufnahme. Der Arzt, der das Blatt mit den Bildern in die Krankenakte packt, ist zufrieden. [...] „Betrifft: Kind Birgit Reiter” schreibt er im Arztbrief an seinen „sehr geehrten” Herrn Kollegen: „Sehr vitales, prächtig gediehenes Mädel, welches außer der Blutentnahme nichts fürchtet.” Der Chirurg kann stolz sein: Daß er das Kind als „prächtig gediehenes Mädel” weiterreichen kann ist das Ergebnis seiner jahrelangen Behandlung. [...]

    Und damit das Kind, dessen Geschlecht nach der Geburt nicht eindeutig zuzuordnen ist, wenigstens für den Rest seines Lebens unzweifelhaft als Mädchen und Frau durchgeht, legen die Ärzte im „Dr. von Haunerschen Kinderspital” schließlich bei dem vierjährigen Kind Hand und Skalpell an: „Neueinpflanzung der Vagina. und Klitoridektomie.” steht im Krankenblatt. Der zu kleine Penis wird als zu große Klitoris entfernt, eine Vagina wird chirurgisch geschaffen. [...] Über Jahre hinweg muss nachgebessert und kontrolliert werden. [...] Nach zwölf Jahren intensiver Behandlung bilanzieren die Medizin-Männer: „Die Scheide ist mit zwei Fingern passierbar. Das anatomische Ergebnis dürfte nicht bei der Kohabitation hinderlich sein, eher eine fehlerhafte psychosexuelle Einstellung.” Dagegen sind die Ärzte machtlos: Die Patientin, der sie die Attribute einer Frau verliehen haben, die sie für den Vollzug des Beischlaf zurechtoperiert haben, fügt sich nicht in ihre Rolle. In den Krankenblätter häuft sich die Kritik: „Die Kooperationsbereitschaft von Birgit ist im Augenblick mangelhaft”; „Die Therapie wurde von der etwas aggressiven und nicht leicht zu führenden Patientin nicht regelmäßig durchgeführt”; „wie erwartet ist die Patientin zur vereinbarten Kontrolluntersuchung nicht erschienen”.

    [...] Michel Reiter geht nervös zwischen den Gruppen hin und her: Es ist die erste öffentliche Aktion, mit der Intersexuelle gegen die operativen Geschlechtszuweisungen protestieren. Anlass ist das „3. Berliner Symposion für Kinder- und Jugendgynäkolgie”, zu dem Endokrinologen, Chirurgen und Gynäkologen aus ganz Europa angereist sind. „Was soll ich bloß machen, wenn mir die Ärzte hier begegnen, die mich in München behandelt haben?” hat sich Michel Reiter schon Tage vorher gefragt. [...]

    Fast zwei Jahre lang hat er auf Veranstaltungen, Diskussionsrunden, in politischen Gruppen und bei Menschenrechtsorganisationen sein Anliegen vorgetragen. [...] „Mich wundert es nicht, dass sich so wenig Intersexuelle bewegen” kommentiert Michel Reiter und blättert in dem Aktenstapel, der neben dem überladenen Holzregal in seinem kleinen Arbeitszimmer liegt, „wenn sie so von Ärzten und Angehörigen kontrolliert werden, wie ich lange Zeit, dann können sie nicht kritisch reden. Viele sind auch tot. Manche psychiatrisiert. Ein paar kann ich vielleicht in der Transsexuellen und Lesbenszene entdecken, die sich dort als Vereinzelte eine Nische gesucht haben. Ein paar sind auch verheiratet und wollen nicht an ihre Vergangenheit erinnert werden.” [...]

    Im Oktober 1996 kommt es zu einem Ernstfall: Michel Reiter erfährt, dass in einer Klinik im nordrhein-westfälischen Herne ein intersexuelles Kind operiert und zum Mädchen gemacht werden soll. Er versucht Kontakt mit den Eltern aufzunehmen und redet stundenlang mit ihnen. Andere versuchen mit dem Arzt zu sprechen. Michel Reiter und seine Mitstreiter mobilisieren die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, die gerade eine Kampagne gegen Beschneidung in Ländern der Dritten Welt führt. Was an ägyptischen und afrikanischen Mädchen nicht gemacht werden soll, muss auch bei Kindern in Deutschland verboten sein, fordert er. Die Eltern denken nach, und entscheiden sich dann doch für den Eingriff. [...] Michel Reiter denkt an seine Eltern, mit denen er längst jeden Kontakt abgebrochen hat, die er verantwortlich macht, für das Elend, das er durchlitten hat. Der Arzt versteht die Aufregung nicht. Die Kritik, hier werde ein Kind „sexuell verstümmelt” will er nicht gelten lassen und verweist auf die heutigen, ausgefeilten Operationsmethoden [...].

    Vor der Charité ist die Situation unterdessen heikel geworden. Die Kinder- und Jugendgynäkologen, die Chirurgen und Hormonforscher werden gleich Mittagspause haben. [...] Michel Reiter hat sich mit ein paar Dutzend anderen aufgemacht: Er will die Mediziner direkt mit seiner Kritik an ihrem Tun konfrontieren. Der Weg durch die Gänge des Krankenhauses ist lang und verwinkelt. Michel Reiter ist sichtlich nervös. Jetzt kann er das erste mal denen entgegentreten, die ihm die Möglichkeit genommen haben sich in seinem Körper zu entwickeln. Der Sicherheitsdienst hat Wachen postiert. Im fahlen Licht haben sie sich aufgebaut und lassen niemanden vorbei. Die Ärzte stehen in sicherer Distanz im Tageslicht im Foyer und schauen zu wie einer sich versucht sich an dem Wachtposten vorbeizudrängen, wie einer anderen das Megaphon entrissen wird. Sie stehen auf der sicheren Seite. Die Kritik kommt nicht an sie heran. Aber sie können sie auch nicht übersehen.“

    Michel Reiter:
    „Medizinische Intervention als Folter“ – Vortrag am Kongreß der european federation of sexology (efs), 30.06.2000

    In: Gigi Nr. 9, Oktober / November 2000, S. 15
    Online: http://www.gigi-online.de/intervention9.html

    (Wohl das erste Mal, dass in Deutschland ein Zwangsoperierter seinen Peinigern öffentlich die Meinung ins Gesicht sagte – kaum überraschend verließ die Hälfte der Mediziner schon vor dem Vortrag fluchtartig den Saal und begründete damit eine unwürdige Tradition, die an der Jahresversammlung 2007 des Netzwerk DSD/Intersexualität in Bochum ihre unrühmliche Fortsetzung fand. Ausgehend von seiner persönlichen Biographie schaffte es Michel Reiter, über seinen individuellen „Fall“ hinaus die Eliminierung der Zwitter als Gattung mittels medizinisch nicht notwendiger Genitaloperationen in einen größeren Zusammenhang zu stellen, und schreckte auch vor dem Aufzeigen notwendiger Konsequenzen nicht zurück.)

    „[...] In die medizinischen Akten wird der Befund eingehen: „Frisches, schlankes Mädchen, das im Alter von 11 Jahren jetzt genau die durchschnittliche Größe und das durchschnittliche Gewicht aufweist.“ [...]

    Der Mensch, von dem hier die Rede ist, steht heute vor Ihnen. Nach 14 Jahren Verzögerung, analog der Dauer jener sogenannten Behandlungen, hat er gelernt, sich zu artikulieren. Die medizinischen Texte sind bekannt und ihr Inhalt ist indiskutabel, da ein entmenschlichter, pathologischer Blick per se keine Erkenntnis zuläßt. [...]

    Selbstredend wird der behandelnde Arzt kritische Auskünfte von seinen Probanden nicht erhalten, so daß das Märchen funktionierender Eingriffe aufrecht erhalten bleibt. Menschen wie ich stehen jedoch auch nicht mehr für vorgeblich notwendige „follow-ups“ zur Verfügung. Ihre Patientenkarrieren sind längst beendet [...].

    Als Mensch, der trotz (oder wegen) massiver medizinischer Interventionen immer Außenseiter war, einen Monsterstatus gut kennt, dem Haß und Ekel entgegengebracht wurden, der stets für unwert erklärt, dem Einsamkeit zum Lebensprinzip wurde und um ähnliche Biographien Anderer weiß, kann ich Ihnen hier abschließend folgendes mitteilen:

    Eine Assimilation Intersexueller in eines der beiden Geschlechter funktioniert nicht. [...] Wir werden auf die Strafbarkeit der medizinischen Eingriffe zu Normierungszwecken bestehen. Wir werden Schadensersatzforderungen einreichen, um auch bereits verstümmelten Erwachsenen eine Lebensperspektive zu geben. Wir werden auf die Gleichheit vor dem Gesetz verweisen und eine andere, den postmodernen Gegebenheiten adäquate Ethik einfordern [...].“

    • claudia sagt:

      “Heute werden etwa 90 Prozent aller ehemals Intersexuellen zu Frauen korrigiert …”
      Ist die Zahl noch aktuell?
      Die Tendenz geht schon seit längerer Zeit in Richtung Virilisierungeseingriffe: Behandlung des Genitales mit Dihydrotestosteron, Harnröhrenplastik(“Hypospadie.OP”), “Penisaufrichtung”, Hodensackplastik als Komplettservicepaket.

      Der alte Satz “It is easier to make a hole than to build a pole” gilt als überholt, die Medizin habe Fortschritte gemacht und könne mehr Männchen bauen als zu Moneys Zeit.
      Systemgerecht gelten ja auch statt der “Moneyschen Gendertheorie” eher biologistische Identitätsthesen als “wissenschaftliche Grundlage”.

      Damit sind Feminsierungen ausser Bei AGS seltener geworden. Deswegen sagen ja auch manche Kliniken: “Die kritisierten Operationen führen wir nicht mehr durch.” Das bezieht sich auf die Kritik an Feminisierungseingriffen beim Karyotyp 46,XY (“kontrachromosomal”).


      Im nicht mehr existierenden Forum des Netzwerkes IS meldete sich mal eine Mutter: Man habe nach einigen Untersuchungen den Eltern gesagt, ihre Tochter sei ein Sohn und es müsse Einiges dran repariert werden, damit er wie richtiger Junge werde. (siehe obenstehendes “Servicepack Boy”).
      Sie schrieb, sie sei unsicher, ob ihr Kind nicht später fragen würde: “Warum musstet ihr das tun? Konntet Ihr mich nicht so lassen?”
      Ausserdem habe man das Kind schon ständig mit dem Mädchennamen angesprochen und niemand könne sagen, wie das Kind damit zurecht kommt, wenn man das plötzlich ändert. Die natürliche Sensiblität einer Mutter für das Empfinden und Wohlergehen ihre Kindes eben.

      Etwas später meldete sie sich noch mal, hatte mittlerweile alle mütterlichen Bedenken beiseite gewischt. Eine urologische Chirurgin hatte ihr “Fallbeispiele” vorgestellt: in allen Fällen seien Arzt&Eltern mit dem Ergebnis sehr zufrieden gewesen. Die Eingriffe seien zwar sehr schmerzhaft, aber wenn das vor dem 2. Lebensjahr gemacht würde, dann bleibe keine Erinnerung daran zurück. (das beruht darauf, dass ein Kind nicht zusammenhängend referieren kann, was es vor dem 2. Lebensjahr erlebt hat. Nicht, dass kein Trauma vorhanden wäre)
      Die Antwort der Kinder lag noch nicht vor.
      Es liegen aber Antworten von Erwachsenen vor, z.B. von Name von der Redaktion gelöscht und Name von der Redaktion gelöscht (später Name von der Redaktion gelöscht) Diese Antworten scheinen mir auch hier wohl eher unbeliebt zu sein, wenn ich mir das Gesamtspektrum der Diskussionen anschaue.

      • Markus Bauer sagt:

        Bibliografische Anmerkungen zu den „auch hier wohl eher unbeliebten Antworten“ der zwei von der Redaktion gelöschten erwachsenen Betroffenen, die sich beide wiederholt öffentlich und deutlich gegen ihnen aufgezwungene “Virilisierungseingriffe” äußerten:

        ——————–

        Sophia Siedlberg ist eine Betroffene und OII-Sprecher_in aus England mit „5-alpha-Reduktase-Mangel“ [1], die als Kind operativ in die männliche Richtung gedrängt wurde, die männliche Zuweisung jedoch zurückwies und sich mindestens einmal sogar handgreiflich gegen einen Zwangsbehandler zur Wehr setzte [2]. Sie bezeichnet die ihr aufgezwungenen „Maskulinisierungs“OPs als Genitalverstümmelungen und kämpft dezidiert gegen JEGLICHE Genitalverstümmelungen an Kindern [3]. Insbesondere wehrt sie sich gegen Bagatellisierungen der maskulinisierenden Genitalverstümmelungen im Vergleich zu den feminisierenden, die sie beide als Menschenrechtsverletzungen denunziert. [4]

        [1] I as someone with 5 alpha
        http://www.intersexualite.org/070908.html

        [2] „So my thumping you is not ladylike eh? Make your mind up, you want me to be a man don’t you? Oh sorry I hit you! And sorry to confuse you like that“ My response once to a doctor like that in real life.
        http://www.intersexualite.org/Sophia.html –> „Glass House“

        [3] I am very clear about my position, as a victim of childhood genital mutilation myself, I am opposed to all forms of infant genital mutilation and do not, will not and cannot accept any notion of a pecking order that decrees that some children are worthy of being protected from being mutilated while others are not. That is bigotry against intersex people, plain and simple.
        http://www.intersexualite.org/FGM-IGM.html

        [4] The problem is the human rights aspect of all this. Well forcibly feminizing a child was a human rights violation (which it is). But forcibly masculinising a child is not. (Because it is good to be a guy, hey yes, nice ship called the Titanic, nice city Called Srebrenica, oh sure!)
        http://www.intersexualite.org/Litigation.html

        ——————–

        Heike Bödeker war wie erwähnt die wohl erste Betroffene, die in Deutschland kosmetische Genitaloperationen an Kindern als „Genitalverstümmelung“ denunzierte, worunter sie explizit gleichermaßen „Klitoris- rsp. Penisplastiken“ verstand. [1] Sie selber war mit „Gemischter Gonadendysgenesie“ diagnostiziert worden, wurde ab 5 Jahren männlich zugewiesen sowie „maskulinisierend“ behandelt, wogegen sie sich allerdings ebenfalls zur Wehr setzte und schließlich mit 14 weitere Behandlung erfolgreich verweigerte [2]. Sie schrieb bekanntlich später: „In meinem Erleben ist Intersexualität in erster Linie ein Vorwand, um gequält, verstümmelt, entstellt, vergewaltigt zu werden.“ [3] Und hielt fest: „Aber eine Welt, in der meine körperliche Unversehrtheit stets auf dem Spiel stand und in der meine Genitalien etwas waren, das auszubeuten andere sich das Recht herausnehmen konnten, war eine Welt ohne Liebe.“ [4]

        [1] Heike Susanne Spreitzer & Andrea Dumke-Maréchal: „‚Enough. Whitemen are stupid.‘ Inter-Sex / Trans-Gender – Zwischenlösungen und alternative Lebensentwürfe“. In: Helma Alter (Hrsg.): 10. Transidentitas-Fachtagung 1995. Dokumentation, S. 43-55, hier: S. 45

        [2] I have been diagnosed mixed gonadal dysgenesis (MGD) [...] It is said to not necessarily correlate w/ „ambiguos“ genitalia (depending on the functional integrity of gonads), yet w/ me it did. My original assignment was female, though I was reassigned male shortly before my 5th birthday in 1968, which needless to say, I never accepted [...]
        Heike Bödeker: Portrait of the Artist as a Young Herm. In: Intersex Voices (1998)

        [3] Bödeker, Heike: „Intersexualität (Hermaphroditismus) – Eine Fingerübung in Compliance? ‚Dazwischen‘, ‚beides‘ oder ‚weder noch‘?“
        In: Zeitschrift für feministische Theorie und Praxis, 1998, Heft 49/50, S. 99-107, hier: Anmerkung 5

        [4] But a world in which my bodly integrity constantly was
        at stake, and in which my genitals were something people took upon
        themselves to exploit, was a world w/out love.
        http://www.isna.org/node/80 –> Heike Boedeker (a world w/out love)

  17. Simon Zobel sagt:

    So weit, so gut…

    Nebenbei: ich dachte, das wäre hier eine Diskussionsplattform gewesen und keine günstige Plattform für Selbstvermarktung, Werbung für “erste deutsche Inter*Tagungen” und Nebenanfragen zwecks Ausstellungen, etc…

    Sonst stelle ich hier morgen auch meine Aktivitäten ein.
    (persönliche Meinung)

  18. Markus Bauer sagt:

    (Chronologie fehlender Stimmen Betroffener 2)

    2000-2011: Helen Guhde, Ernst Bilke, Elisabeth Müller, Barbara Thomas, Ins A. Kromminga, Katrin Ann Kunze, Raphael „Garou“ L., Luise Weilheim, Karim „Dusty“ Merah, Andrea Cremer

    —————————————–

    HELEN GUHDE

    (War 1997 Mitbegründerin der Selbsthilfegruppe XY-Frauen. Wie praktisch alle ihre Leidensgenoss_innen mit „Kompletter Androgenresistenz (CAIS)“ wurde sie „prophylaktisch“ kastriert und schildert die langwierigen negativen Folgen, sowie eindrücklich die destruktive Dynamik, die dadurch entsteht, wenn Eltern die Betroffenen auf Geheiß der Mediziner anlügen (müssen). Wie manche, die nicht schon im Kleinkindesalter und „nur“ an den hormonproduzierenden Organen zwangsoperiert wurden, jedoch nicht am Lustorgan, spricht sie von einer vergleichsweise „glücklichen Lage“ und von einer Verpflichtung, durch öffentliche Aufklärung künftiges Leid infolge medizinisch nicht notwendiger Genitaloperationen zu verhindern zu versuchen.)

    Helen Guhde:
    Vortrag Intersexualität, gehalten im Rahmen der 45. Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für Endokrinologie in Magdeburg am 7. März 2001
    Online: http://www.xy-frauen.de/Links%20%2B%20Literatur/vortrag%20magdeburg.htm

    „Guten Tag, ich bin Helen Guhde, und ich spreche hier als Betroffene. Ich bin Medizinerin wie Sie, aber dank – ich sage ganz bewußt: dank meiner eigenen Betroffenheit spüre ich, wie wenig weitreichend der rein medizinische Ansatz ist, wenn es um einen derart empfindlichen Themenkreis wie die Intersexualität geht.
    Darum spreche ich heute hier nicht als Ärztin, sondern als Mensch.

    [...] Wiederum bin ich in der glücklichen Lage, daß mir persönlich sehr häßliche Erlebnisse und drastische Erfahrungen erspart geblieben sind, und dafür bin ich ausgesprochen dankbar. [...] Warum engagiere ich mich öffentlich, wenn ich zufrieden zu Hause bleiben könnte, warum stehe ich zum Beispiel heute hier und spreche zu Ihnen? Ich will es Ihnen sagen: Hinschauen ist Pflicht! Es ist eine innere Verpflichtung mir selbst gegenüber, und es ist eine im weitesten Sinne soziale Verpflichtung.“

    Helen Guhde:
    „Körper – Gefühl. Leben in einer intersexuellen Realität“
    In: „(K)ein Geschlecht oder viele? Transgender in politischer Perspektive“, Berlin 2002, S. 45-52.

    „Eine entscheidende Erfahrung war für mich allerdings der Verlust des Vertrauens in meine Eltern: Obwohl sie über die Diagnose informiert waren, hatten sie mir über viele Jahre hinweg trotz meiner wiederholten Nachfragen, wann denn nun z.B. die Schambehaarung wachsen und die Monatsblutungen beginnen würde, nicht die Wahrheit gesagt. Meine ältere Schwester wusste zum Zeitpunkt meiner Aufklärung seit einigen Jahren über meine Diagnose Bescheid – sie selbst ist auch eine XY-Frau. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Ärzte-Odyssee und zwei operative Eingriffe hinter sich. Auch mein zweieinhalb Jahre älterer Bruder war über unsere körperliche Besonderheit informiert. Beide hatten von unseren Eltern das ärztlicherseits verordnete Tabu auferlegt bekommen, mit mir oder anderen Personen über dieses Thema zu sprechen. Die Absicht der Ärzte und meiner Eltern war es, wie sie mir später erklärten, mir und meiner Schwester eine unbeeinträchtigte Pubertät zu ermöglichen und uns vor dem zu erwartenden Unverständnis der Außenwelt und ihrem Unvermögen, mit dieser besonderen Diagnose und Körperlichkeit umzugehen, zu schützen.“ (47)

    „Bis auf die Tatsache, keine eigenen Kinder empfangen, austragen und gebären zu können, habe ich die Realität, eine XY-Frau zu sein, nicht als körperliche Beeinträchtigung wahrgenommen. Doch durch die operative Entfernung der nach medizinischer Einschätzung „entartungswürdigen“ Hoden stellten sich bei mir bis dahin ungekannte körperlich-seelische Probleme ein: Durch die Hormonersatztherapie verweiblichte sich mein Körper für mich ungewohnt und ungewollt wie in einer zweiten Pubertät. Hinzu kamen – durch die zunächst zyklische Einnahme der Präparate – mir bis dahin unbekannte z.T. depressiv-aggressive Stimmungsschwankungen. Es hat mich Jahre und sehr viel Mut, Ausprobieren und Arbeit gekostet, dieses Manipulation meiner ursprünglichen Balance wieder in den Griff zu bekommen, sodass ich heute – aber leider noch nicht sehr lange – wieder ein gutes Körpergefühl habe.“ (50)

    „Aus der heutigen Perspektive, im Kontakt insbesondere mit meiner Schwester und anderen intersexuellen Menschen und FreundInnen, wird mir immer wieder sehr bewusst, wie viele Momente sich in meinem Leben bezüglich der Intersexualität doch relativ glücklich gefügt haben. Die meisten intersexuellen Menschen, die ich kenne, haben ganz andere Erfahrungen gemacht: Psychische und physische Folgen von Operationen, Geheimhaltung, Intimitätsverletzungen durch unbeholfene ÄrztInnen, strikte Erwartungen an Geschlechterrollen in der Familie und im sozialen Umfeld etc. gehören dazu. Das Bewusstsein solcher Erfahrungen im Unterschied zu meinen eigenen ließ in mir das Bedürfnis wachsen, die Öffentlichkeit breitflächig über Intersexualität aus der Sicht intersexueller ExpertInnen zu informieren und andere Menschen mit dieser körperlichen Besonderheit aufzuspüren.“ (50 f.)

    —————————————–

    ERNST BILKE

    (Steht als Betroffener von „maskulinisierenden Korrekturoperationen“ wegen „Hyospadie“ für eine Gruppe, die im Ethikrat-Diskurs bisher schmählich unterschlagen wurde, obwohl sie heute zahlenmäßig wohl längst die größte Untergruppe aller von kosmetischen Genitaloperationen im Kleinkindesalter Bedrohten stellt. Zudem sind bei „Hypospadiekorrekturen“ obendrein die Komplikationsraten und „Nachbesserungsoperationen“ – entgegen der Versprechungen der Mediziner gegenüber den Eltern – wohl am häufigsten von allen „Genitalkorrekturen“. Auch Ernst Bilke schildert eine „unendliche OP-Geschichte“, die typischerweise erst aufhörte, als er alt genug war, sich weiteren „Nachbesserungen“ erfolgreich zu verweigern. Ebenfalls eindrücklich schildert Bilke die – ebenfalls entgegen ärztlichen Beteuerungen – traumatischen Folgen der frühkindlichen Operationen, vor denen die Opfer auch nach jahrelanger Therapiearbeit kaum je ganz frei werden. Außerdem unterstreicht eine Anekdote über Bilkes Mutter, was der Ethikrat offensichtlich große Mühe hat zu akzeptieren, dass nämlich Verbindungen zwischen aufgezwungenen kosmetischen Genitaloperationen an Kindern einerseits und dem „Dritten Reich“ mit seinen Gräueltaten andrerseits für viele Betroffene und auch ihr familiäres Umfeld durchaus nahe liegen.)

    »Schwierigkeiten, meinen Platz zu finden.«
    Ernst, 45, Journalist, und Bettina Bilke, 41, Altenpflegerin, Baden-Württemberg
    In: Ulla Fröhling: Leben zwischen den Geschlechtern. Intersexualität – Erfahrungen in einem Tabubereich, Berlin 2003, S. 90-105.

    „Ernst Bilke wurde 1958 mit Hypospadie geboren, einem ungewöhnlichen Verlauf der Harnröhre.“ (90)

    „Man kann davon ausgehen, daß in Berlin pro Jahr 50 Babys mit Hypospadie geboren werden, und in der Bundesrepublik etwa 100 000 Männer damit leben. Ernst Bilke wünscht sich Kontakt mit anderen Betroffenen. Wissen und Erfahrungen weiterzugeben, Einsamkeit aufzuheben, das ist sein Ziel. Er hofft, dem einen oder anderen unnötige Schmerzen, Demütigungen oder auch Operationen zu ersparen. In Baden-Württemberg, wo Ernst Bilke lebt, kommen jährlich schätzungsweise 170 Babys mit Hypospadie zur Welt. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichte Ernst sein Angebot. Bisher meldeten sich nur wenige.

    [...] Einen großen Teil seines Wissens über den Umgang mit und den Wandel der Einstellungen zu Hypospadie hat Ernst Bilke aus einem Ordner, den er im Nachlaß seiner Mutter fand. »Meine Mutter hat alles gesammelt«, sagt er und holt den Ordner (…).“ (91 f.)

    „»Diesen Ordner habe ich erst 1998 in die Finger gekriegt«, sagt er dann und blättert auf, [...]. 1961, mit drei Jahren, wurde Ernst Bilke zum ersten Mal operiert – in Basel, weil deutsche Chirurgen die erforderlichen Techniken nicht beherrschten. Begutachtungen, Einschätzungen, Prüfungen durch Kinderärzte, Amtsärzte, das Gesundheitsamt und sogar durch den Regierungspräsidenten Freiburgs [...]. Die deutschen Ärzte hatten vorgeschlagen, operativ ein Mädchen herzustellen. Es war für sie das technisch Machbare.“ [...] In knappen Worten, fast reserviert referiert Ernst Bilke, wie über sein Geschlecht verhandelt wurde: [...] Über seine Gefühle dazu, wehrt er ab, könne er sich nicht äußern, sie seien ihm nicht zugänglich.“ (92 f.)

    „In einem Alter, wo Kinder Schamgefühle entwickeln und ihre Intimität schützen möchten, war Ernst gezwungen, immer wieder die Hose runterzulassen vor unbekannten Ärzten. »Unangenehm und beschämend« fand er das. Und es hatte Folgen. Ernst: »Es kam zu einer starken Entfremdung vom eigenen Körper. Das wurde von außen verwaltet. Das war gar nicht mein Teil.« [...] In einer Psychoanalyse hat er die Folgen der Entfremdung bearbeitet und sich dabei seinen verwalteten Körper zurückerobert.“ (93 f.)

    „An die erste Serie von Operationen, als das Problem des Urinierens einigermaßen gelöst wurde, erinnert Ernst sich kaum. Aber er ist überzeugt, daß damals seine Fragen begannen: »Wenn man mich erst operieren muß, damit ich ein Bub werde, was bin ich dann? Bin ich kein richtiger Junge?«“ (94)

    „Die zweite Serie von Operationen begann 1969. Ernst war elf, an diese Phase erinnert er sich besser.“ (95)

    „Details erfuhr er erst nach dem Tode seiner Mutter. [...] Eine weitere Behandlungsreihe in Basel war umstritten, es sei ohnehin besser, die bisherige Entwicklung rückgängig zu machen, hieß es im Gutachten. Die nachträgliche »Korrektur« zum Mädchen sei billiger und mit weniger Operationen zu bewerkstelligen. So mußte Ernsts Mutter die Auslandsbehandlung selbst finanzieren.“ (96)

    „Die Wut ist gut versteckt
    Ernst erfuhr, daß es darum ging, normal pinkeln zu können. Aber warum so viele Operationen, das funktionierte doch schon? Daß auch Geschlechtsverkehr ermöglicht werden sollte, sagte man ihm nicht. Irgendwann wehrte er sich, wollte keine weitere Operation. Zum Bedauern seines Arztes, der »das Ergebnis gerne vervollkommnet« hätte. Fremdbestimmt. So empfand sich Ernst.“ (97)

    „Als junges Mädchen war Ernst Bilkes Mutter BDM-Führerin und Flakhelferin [...]. Bei Kriegsende war sie 21. Über diesen Teil ihres Lebens konnte sie mit ihm reden. Doch immer wenn Ernst als Erwachsener versuchte, mit ihr über seine Operationen zu sprechen, landete sie beim Thema Drittes Reich. Einen sehr engen Zusammenhang muß es für sie zwischen beiden gegeben haben.“ (98 f.)

    „1985 beginnt er eine Analyse, bleibt zehn Jahre dabei. Die erste Zeit war nicht einfach, sagt er. Die Erinnerungen. Die Alpträume. Immer wiederkehrende Bilder. Auch von OP-Erlebnissen. Szenen, die er nicht einordnen kann. Er nimmt Kontakt auf mit dem Krankenhaus in Basel. Vom Oberarzt kommt eine Einladung zum Tag der offenen Tür.
    Soll ich wirklich dahin gehen, fragt er sich lange. Er geht. Da steht er nun, in dem Krankenhaus, wo er in Kindertagen operiert wurde. Er erkennt es wieder. Es sieht wirklich aus wie in seiner Erinnerung. [...]
    Ernst Bilke: »Plötzlich konnte ich manche Erinnerungen einordnen. Wenn ich früher hingekommen wäre, hätte ich das nicht so mühsam aufarbeiten müssen.« [...]
    Wenn er die Wahrheit früher gewußt hätte, glaubt Ernst Bilke, dann hätte er ein stabiles Selbstbewußtsein ausbilden können.“ (101 f.)

    —————————————–

    ELISABETH MÜLLER

    (Mit 24 Jahren gonadektomiert. 1997 Gründungsmitglied XY-Frauen. 2001 zusammen mit Michel Reiter Protagonist_in im Film „Das verordnete Geschlecht“. Redete seither kontinuierlich öffentlich Klartext über die Notwendigkeit, Zwitter sichtbar zu machen, über „gestörte Mediziner“ und das Unrecht der kosmetischen Genitaloperationen, aber auch darüber, wie schwer es ist, Jahrzehnte langes Schweigen zu brechen. Dutzende Auftritte in Presse, Funk und Fernsehen. Von Beruf Organistin und Chorleiterin – seit neuestem selbstständig. Seither keine Medienauftritte mehr.)

    „Gestatten, Elisabeth Müller, Hermaphrodit“
    Schenefelder Tageblatt 18.4.2011
    Online: http://www.schenefelder-tageblatt.de/nachrichten/home/top-thema/article//gestatten-elisabeth-mueller-hermaphrodit.html

    „Einmal pro Jahr musste Müller ins Hamburger Universitätskrankenhaus in Eppendorf (UKE). Sie wurde untersucht, abgetastet. Für die Heranwachsende eine fürchterliche Prozedur. [...] «Ein widerliches Pack», sagt Müller. Sie hasst Mediziner. Nachdem die funktionierenden Hoden wegen angeblich drohender Krebsgefahr entfernt wurden, begann für die Schenefelderin ein körperliches Martyrium. Die Operation und die anschließende Behandlung mit körperfremden weiblichen Hormonen machten sie krank. «Ich litt unter schweren Depressionen, Stoffwechselproblemen. Ich bekam Östrogene, das führt zu Osteoporose. Ich war chronisch krank.» Nach der Kastration fällt sie in ein Loch. Aus ihrem Tief befreit sie sich selbst. Nach sieben Jahren setzt sie die Östrogene einfach ab und nimmt männliche Hormone. Körperlich geht es ihr besser. Seelisch nicht. [...] «Gott erschuf den Mann, die Frau und mich, und er hat mich so für gut befunden.»“

    „Interview mit einem Zwitter“
    advaitaJournal 14/2006
    Online: http://www.ranva.de/pdf/Interview-Elisabeth.pdf

    „Zwitter wird im allgemeinen als häßliches Wort gesehen. Ich möchte es mir gerne als urteilsfreie Benennung zurückerobern. [...] Zwitter sind von Gott so geschaffen wie sie sind und werden dennoch, und zwar von Mitmenschen entweder zu einem Mann oder zu einer Frau gemacht. [...] Das bedeutet medizinische Eingriffe zum Teil schlimmster Art. Seit den 50er Jahren, als die ersten Nazi-Ärzte wieder Fuß faßten im System, wurde die „verschämte Klientel“ der Zwitter allen möglichen Versuchen und medizinischen Operationen unterzogen, um sie normgerecht in das jeweils „adäquate“ Geschlecht umzuwandeln. Im Klartext heißt das, sie wurden durch manchmal lebensgefährliche, in jedem Fall schmerzhafte und verstümmelnde Eingriffe zu einem passenden Bild zurechtgestutzt.

    [...] Aber als ich 24 war, sagten die Ärzte zu mir, daß die Hoden raus müßten wegen Krebsgefahr. Heute weiß ich, daß das bestenfalls eine Vermutung war [...]. Die Operation hat mich sehr traurig und auch wütend gemacht. [...]

    Totschweigen benutzt man ja wirklich schnell als Begriff, aber was das ist, kann nur derjenige wissen, der totgeschwiegen wird. Totschweigen ist Töten, dahinter steckt eine massive Gewalt. Jeder Zwitter, der totgeschwiegen wurde, trägt eine unheilbare Wunde in sich. [...] Mein Gefühl ist, daß ich mich damals mit Musik gerettet habe. Dort war ich ganz und heil – ich spürte meine Seele. [...]

    Ich erinnere mich noch genau an einen Moment, in dem ich mit anderen Kommilitonen in der Mensa saß und mir plötzlich ganz blümerant wurde. In dieser Stimmung ging ich nach Hause in meine Studentenbude, ließ mich aufs Bett fallen und weinte, weinte, weinte … es war wie eine Befreiung von einer lange getragenen Last. Etwas hat sich gelöst, ich war berührt von mir selbst … ES überkam mich … ich weiß nicht, was … aber es ging etwas los …
    Bald nach diesem Ereignis war ich nicht mehr bereit und willens, mit der Lüge weiterzuleben. Und so begann ich, mich mitzuteilen. Die ersten Gespräche fanden unter höllischem Tränenfluß statt – kann man sich ja vorstellen, wenn ein „toter“ Mensch anfängt zu sprechen. Das ist ja anfangs ganz scheußlich. [...] Ich hatte mich so lange als Stück Dreck gefühlt oder einfach als gar nichts, als etwas völlig Indiskutables. So war es sehr schmerzhaft und auch angstbesetzt, über mein Zwitterdasein zu sprechen.

    [...] Hermaphroditen wie ich müssen anfangen zu sprechen: »Ich bin Zwitter, ich bin weder Mann noch Frau!« [...] Das Zwittersein muß ins Bewußtsein dringen.

    [...] Etwas hieb- und stichfest auf den Punkt bringen, das kann sehr förderlich sein.
    Doch um das tun zu können, müssen wir aus der Opfer-Täter-Rolle aussteigen. meine Erfahrung ist, daß Konfrontation mit dem, was ist und die Zerstörung dessen, was vorbei ist, erst möglich ist, wenn wir bereit sind, die Rollen zu verlassen.

    „Ein Zwitter ist nicht per se krank“
    Deutschlandradio Kultur 20.3.2006
    Online: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/481110/

    „Diese geschlechtsverändernden Operationen sind kriminelle Akte. Also das ist so, die Besonderheit eines intersexuellen Menschen wird vernichtet und das ist Sozialmord ganz eindeutig. [...] Und die Ärzte üben Verbrechen an uns aus mit ihren Behandlungen – „Behandlungen“ in Anführungsstrichen. Die Störungen, die sie uns unterjubeln. Es fragt sich, wer stört wen. Die Ärzte stören sich an unseren Körpern, warum? Und deswegen reden sie von Störungen der Geschlechtsentwicklung, auch die Psycholog[en]. Wen stören wir? Ich störe keinen Menschen. Ich rede den ganzen Tag darüber. In meinem ganzen beruflichen Umfeld sage ich, ich bin Zwitter. Keiner stört sich daran, nur Ärzte und Politiker. [...]

    Man hört so wenig, weil die meisten Angst haben und sich schämen. Denn keiner möchte ein Katastrophenfallmensch sein, wie ich anfangs schon sagte. Das ist einfach schlecht auszuhalten. Das kostet unheimliche Kraft. Alle reden davon, 80 Prozent ihrer Kraft geht drauf, um überhaupt als Mensch zu existieren. Dass dann überhaupt noch jemand ein berufliches Auskommen hat, ist eigentlich schon ein halbes Wunder bei manchen.

    [...] In meinem Umfeld habe ich keine großen Wünsche. Die haben alle keine Probleme. Ich wünsche mir nur Ärzte, die uns endlich in Ruhe lassen. Es gibt kaum Behandlungsbedarf bei Zwittern. Jeder Mensch kann krank werden, ob Mann, ob Frau und ob Zwitter. Aber ein Zwitter ist nicht per se krank. Und er ist auch nicht gestört. Die Ärzte sind gestört mit ihrer Einstellung. Sie haben eine Einstellungsstörung. Wir haben keine Störung der Geschlechtsentwicklung. Aber Ärzte haben eine Einstellungsstörung.“

    —————————————–

    BARBARA THOMAS

    (Langjährige Aktivistin seit 1995, aktiv bei XY-Frauen und in der weltersten Selbsthilfegruppe AISSG UK in Großbritannien. Zusammen mit ISNA-Gründerin Cheryl Chase (Pseudonym für Bo Laurent) als einzige (konsultative) Betroffenenvertreter_innen unter 50 Medizinern an der „DSD“-„Chicago Consensus Conference“ im Oktober 2005. Betroffene mit „Partieller Androgenresistenz (PAIS)“, die Hoden im Bauchraum wurden ihr mit 14 entfernt, doch als große Ausnahme entging Barbara Thomas einer chirurgischen „Korrektur“ ihrer vergrößerten Klitoris, worüber sie dankbar ist, und schildert offen, wie bei ihrem selbstbewusstem Umgang ihrerseits damit auch ihre Sexualpartner nicht besonders verwundert darauf reagieren. Barbara Thomas wurde ebenfalls von den Medizinern im Dunkeln gelassen und schildert eindrücklich die langjährigen, verheerenden Folgen solcher „gutgemeinter Lügen“, weist auf die seelischen Schäden hin durch das dauernde begafft und fotografiert werden und unterstreicht die Wichtigkeit des Zugangs zu Selbsthilfegruppen.)

    Barbara Thomas:
    „Intersex Interventionen – Stellungnahme einer Betroffenen“. Vortrag, gehalten am Symposium „Intersexualität bei Kindern“, Martin Luther Universität Halle, 05.-06.03.2004.
In: Rainer Finke; Sven Olaf Höhne: „Intersexualität bei Kindern“, Bremen 2008, S. 144-151

    „Ich heiße Barbara Thomas, bin vor 47 Jahren in Nordirland geboren und habe eine partielle Androgenresistenz, sprich PAIS, welche mit 14 Jahren diagnostiziert wurde, aber erst mit 35 habe ich die volle Wahrheit erfahren. Die einzige chirurgische Intervention war eine Gonadektomie mit 14. [...] [M]eine Betroffenengeneration hat häufig sehr leidvolle Erfahrungen mit der Medizin gemacht und wünscht sich, dass es zukünftigen Generationen besser ergehen möge.“ (144)

    „Manche Menschen meinen, es sei besser, wenn Betroffene nie die Wahrheit erfahren. Ich halte Verschleierung, Verheimlichung und Lügen für den falschen Weg. Alle Betroffenen, die ich kenne, denen die Wahrheit verschwiegen wurde, ahnten oder wussten, dass etwas nicht stimmt. Ein Grund für Geheimhaltung ist die Sorge, ein Mensch nimmt sich vielleicht aus Verzweiflung das Leben. Was Menschen in Selbstmord treibt, ist jedoch meistens Isolation und verdrängte Konflikte. [...]

    Ich wurde mit 14 nicht aufgeklärt, bekam ein Märchen von unterentwickelten Eierstöcken und Gebärmutter und von Hormonschwankungen aufgetischt. Aber als ich OP-fertig für die „innere Untersuchung“ die mir angekündigt worden war, in die Radiologieabteilung geschoben wurde, war für mich als 14-jährige der logische Schluss, dass ich Krebs habe und dass niemand den Mut hatte, mir das zu sagen. [...] Ich habe zu lange mit der Angst, bald zu sterben gelebt. Als ich mit 35 die wahre Diagnose bekam, fiel mir ein Zentnergewicht vom Herzen. [...] Ich trauere über die Lebenszeit, die der sinnlose Kummer geschluckt hat. Lügen zerstört in Beziehungen unendlich viel. [...]

    Kinder und Teenager, die von Scharen von Medizinstudenten nackt begafft oder photographiert werden, erleiden einen seelischen Schaden. Das ist zutiefst traumatisch und entwürdigend und sollte unbedingt unterbleiben. In GB ist das jetzt gesetzlich verboten. [...]“ (147)

    „Ich würde Klitoromegalie aus ästhetischen Gründen bei einem Kind nicht operieren. Was ist so schlimm dran, wenn an dieser Körperstelle ein paar Gramm mehr Haut sind, die im Erwachsenenalter ihre Funktion gut erfüllen? [...] [I]ch bin sehr dankbar, dass ich zu den wenigen Frauen meiner Generation mit Klitoromegalie gehöre, die nicht operiert wurden. Meiner Erfahrung nach reagieren Sexualpartner über eine vergrößerte Klitoris nicht besonders verwundert, wenn man selbstbewusst sagt: Das ist bei mir halt so, anstatt zu meinen sich dafür entschuldigen zu müssen. Wenn eine erwachsene Person sich für eine Korrektur entscheidet ist das ihre Sache; eine Aufschiebung bedeutet auch, in den Genuss von verbesserten chirurgischen Techniken zu kommen.

    [...] Ich kenne eine Reihe von Menschen, die als Kinder immer wieder operiert wurden, weil die Ergebnisse unbefriedigend waren oder die ihre Kindheitsgenitaloperationen als schreckliche Verstümmelung sehen [...]. Was das für ein Leiden bedeutet, ist schwer vorstellbar. [...]

    Obwohl unveränderbare Genitalchirurgie oder eine falsche Geschlechtzuweisung ein ganzes Menschenleben zerstören können, berichten viele Eltern mit Kindern mit uneindeutigen Genitalien im Westen, dass Ärzte sie regelrecht unter Druck setzten, ihr Kind korrigieren zu lassen, auch wenn sie das nicht wollen, oder sich erst informieren wollten. [...]“ (148)

    „Es ist sehr schwer zu vermitteln, welche einschneidende Rolle auf dem Weg zur Aussöhnung mit einer IS Diagnose die Selbsthilfegruppe spielt. [...] Das Kennenlernen der Website oder der Gruppe wird beschrieben wie Entlassung aus dem Gefängnis, Durchbruch aus der Dunkelheit ins Licht, sogar wie Auferstehung vom Tod. [...]“ (149 f.)

    —————————————–

    INS A. KROMMINGA

    (Künstler_in und Sprecher_in von IVIM / OII Deutschland, zahlreiche Medienauftritte. Berichtet auf seiner Homepage, wie er_sie als Kind den Medizinern glücklicherweise entging, später trotz Lügen, Verheimlichungen, rücksichtslosen Untersuchungen, Nacktfotos und schmerzhafter Gonadektomie wenigstens eine „Genitalkorrektur“ abwenden konnte, lange unter dem unausgesprochenen Schweigegebot litt, sich niemandem anvertrauen konnte, und wie schließlich eine Begegnung mit Michel Reiter sein_ihr Leben veränderte.)

    Ins A. Kromminga:
    „Eine Geschichte (2001)“
    [Unautorisierte Teilübersetzung M. B.]
    Englischer Originaltitel: „A Story (2001)“
    Online: http://genderfreenation.de/gfn/astory03.html

    „Als ich 1970 geboren wurde, schien niemand mein Geschlecht in Frage gestellt zu haben, und ich wurde als Mädchen erzogen. Heute erinnere ich mich, später Bilder von mir als Baby betrachtet zu haben, nackt und bereit zum Wickeln, und wie ich mich wunderte, dass niemand Anstoß nahm an meiner sichtbaren Klitoris zwischen meinen Schamlippen. Ich war damals etwa dreizehn oder vierzehn Jahre alt, noch unbesorgt und ziemlich angetan von meiner großen Klitoris, die sich aufrichtete und wuchs, wenn ich mich selber befriedigte. [...]

    Mit vierzehn fand ich heraus, dass es nicht „normal“ war für ein Mädchen, eine große Klitoris zu haben, die sich verhielt wie ein Penis. [...] Mit 16 Jahren entdeckte mein Onkel meine Gesichtsbehaarung, die ich unter meiner Pagenfrisur zu verstecken versuchte: „Mein Gott, du hast ja einen Bart!“ Ich begann mich zu rasieren, heimlich mit dem Rasierzeug meines Großvaters. [...]

    Mit siebzehn sagte ich meiner Mutter, ich sollte wohl einmal zu ihrem Gynäkologen gehen, da ich immer noch keine Periode bekam. [...]

    Der Arzt schaute mein Genitale an, steckte seinen Finger in meine Vagina und drückte auf meine Gonaden, die mir wehtaten, wenn ich auf dem Bauch lag. Er berührte meine rudimentären Brüste und mein Kinn, tastete nach Stoppeln. Dass er mein Gesicht berührte, versetzte mich am meisten in Panik, und was folgte, war wie in einem Alptraum. Er sagte mir, ich hätte eigentlich ein Junge werden sollen, aber etwas sei während meiner Entwicklung schief gelaufen und er müsse mich zu einem Spezialisten schicken.

    Wieder zu Hause, erzählte ich meiner Mutter und meinem Großvater nichts von meiner Klitoris oder meinem Bart [...]

    Der Spezialist war eine Humangenetikerin an der Universität. Sie fragte freundlich, wie es mir gehe, und bat mich dann, alle meine Kleider auszuziehen um Fotos von mir anzufertigen.

    Entgeistert tat ich wie geheißen, fühlte mich sowieso sehr unbehaglich, und nun wurde ich noch nackt fotografiert. Ich glaube, es war eine Maßwand hinter mir. Sie machte sogar Aufnahmen von meinen Händen, ich wollte nur noch verschwinden. Aber dann gewöhnte ich mich an dieses unwirkliche Gefühl zu meinem Körper und versteckte es hinten in meinem Kopf.

    [...] Sie erzählte etwas von Strahlen, die manchmal die genetische Beschaffenheit von Zellen verändern könnten [...] und dass eines meiner Chromosomen „gebrochen“ sei [...].

    Dies war die Antwort, kein Wort mehr davon, dass ich ein „Junge sei“ (oder über meinen XY-Karyotyp), das ließen sie absichtlich aus, wie ich zwölf Jahre später herausfand [...]. Sie hatten entschieden, ich sei zu empfindlich (um die Wahrheit zu erfahren). In meiner Krankenakte steht [...], die Patientin sei zufrieden gewesen mit dieser Antwort. In Wahrheit hatte es mir einfach die Sprache verschlagen [...].

    Die Ärztin fragte mich dann, ob ich eine psychologische Beratung wolle in einer anderen Stadt in einer Klinik, die spezialisiert war auf sexuelle Krankheiten und Abnormalitäten.

    In den Krankenakte steht: „Die Patientin ist nicht der Ansicht, dass psychologische Beratung notwendig ist und sie will sich lieber darauf konzentrieren, ihr Kunststudium aufzunehmen.“ Das mögen meine Worte gewesen sein, aber was ich dachte, war, warum sollte ich einen Psychiater benötigen, mit meinem Hirn ist alles in Ordnung, aber ich bin einfach ein Monster, und niemand kann mir helfen.

    Oh, etwas konnten sie doch für mich tun, damit ich besser als Frau durchginge. Zuerst müssten diese „Eierstöcke“ entfernt werden, da sie sonst in den nächsten Jahren von Krebs befallen würden. Und Krebs, das wusste ich [vom Schicksal meiner Großmutter], war tödlich.
    (Später fand ich heraus, [...] meine Hoden [...] waren völlig in Ordnung und [...] perfekt tauglich für einen Hermaphroditen!)
    Anschließend würde ich eine Hormonbehandlung bekommen, die meinen Körper verweiblichte. (Dass diese für den Rest meines Lebens notwendig sein würde zur Verhinderung von Osteoporose erwähnten sie nicht.) [...]

    Ich bekam ein Einzelzimmer im Spital und wurde am Vorabend der Operation vom Professor höchstpersönlich begutachtet. [...] [N]ach der Untersuchung meiner Genitalien saß ich an seinem Schreibtisch, auf dem er meine Akte vor sich hatte. Vielleicht war er einen Moment aus dem Zimmer, vielleicht erspähte ich das Wort auch einfach, als ich versuchte, die von mir aus auf dem Kopf stehende Akte zu entziffern.

    Männlicher Pseudohermaphrodit.

    [...] Ich war sehr verwirrt, konnte es kaum erwarten, den Begriff in der öffentlichen Bücherei nachzuschlagen, da ich nicht einmal einen Moment daran dachte, den Arzt direkt zu fragen. [...]

    Ich erinnere mich, wie er mich fragte, ob ich auch eine Klitorisreduktion wolle. Selbstverständlich nicht, sagte ich kopfschüttelnd. Er fragte mich zweimal, und ich sagte, wenn sie nicht von Krebs befallen ist, bleibt sie. (Gottseidank hatte er mich wenigstens gefragt, nach allem, was ich im letzten Jahr erfahren habe!)

    Schmerzen, Narben, drei Wochen im Spital, mehr Wochen draussen, zurück in der Schule vornübergebeugt laufend, weil es weh tat, eine der Narben entzündete sich, ich musste Blutklumpen aus meinem Körper pressen. [...]

    Nach dem und den vierteljährlichen Arztbesuchen um das Rezept für Östrogen abzuholen konzentrierte ich mich auf mein Kunststudium.

    [...] Mit 29 kam alles mit voller Kraft zurück. Ich konnte mich nicht mehr länger selbst belügen. [...] Ich hatte 2 Tage lang einen Zusammenbruch, weinte ununterbrochen.

    Und fuhr immer noch fort, meine Familie und meine Freunde anzulügen. Jetzt log ich sie wirklich an [...]. Wenn ich mit meinen Freunden redete und daran dachte, es ihnen zu erzählen, durchfuhr mich eine unerträgliche Angst. Lieber würde ich sterben, als es jemandem zu erzählen.

    Dies dauerte etwa fünf Monate, bis ein Freund eine Anzeige in der Lokalzeitung erwähnte, worin ein Zwitter gewitzte Gesprächspartner suchte [...]. Ich errötete, als ich das Wort Zwitter las, doch in derselben Nacht begann ich dieser Person einen Brief zu schreiben, und darin zum ersten Mal darüber redete, was ich dachte, dass ich sei, und dazu den Ausdruck „Pseudo“-Hermaphrodit benutzte.

    Eine E-Mail kam zurück, wir verabredeten uns in einer Bar, und dies veränderte mein Leben.

    Durch [Michel Reiter] lernte ich nochmals eine andere Seite dieser Münze kennen. Und ich wurde wütend.

    Nicht um meiner selbst Willen, sondern für die, die nach mir kommen, Leute, Babys, Menschen, die weder männlich noch weiblich sind, begann ich langsam aus meinem Versteck herauszukommen. Dies ist nun (2001) ein Jahr her und ich habe immer noch einen weiten Weg vor mir, auch um zu verheilen. [...]“

    —————————————–

    KATRIN ANN KUNZE

    (1997 Gründungsmitglied von XY-Frauen, 2004 Gründungsmitglied Intersexuelle Menschen e.V., langjährige Tätigkeit im Vorstand. Von Beruf freischaffende Texter_in, verfasste einen erheblichen Teil der Webpräsenz von XY-Frauen und der Inhalte von Intersexuelle Menschen e.V. und für die seinerzeitige Öffentlichkeitsarbeit. Teilnahme an der Demo zum 1. Prozesstag von Chrisitane Völling am 12.12.2007 vor dem Landgericht Köln, hielt dort ein Schild mit der Aufschrift „Wir fordern: Umfassende Information gegen Manipulation“. Zahlreiche Medienauftritte, berichtete schonungslos über die Folgen von Gonadektomie und Schweigegeboten, insbesondere über die fatalen Auswirkungen der daraus resultierenden Zerstörung innerfamiliären Vertrauens und ihre über Jahrzehnte wiederkehrenden Selbstmordgedanken – besonders eindrücklich 2007 im Film „Die Katze wäre eher ein Vogel“. Schied 2009 aus eigenem Entschluss aus dem Leben.)

    Die Zeit 40/2000
„Der Zwang der Geschlechter“ von Martin Spiewak
Online: http://www.zeit.de/2000/40/Der_Zwang_der_Geschlechter

    „Irgendwann wird sie es mit ihrer Mutter besprechen. Nicht sofort, nicht gleich morgen. Aber bald. „Ich spüre das kommen.“ Nun, da Katrin Ann Kunze ihre Geschichte selbst einem Fremden erzählt hat. Jetzt nach mehr als zwei Jahrzehnten.

    Damals im Urlaub, sie war 16 Jahre alt, hatten die Eltern ihr gesagt: „Du bist anders als andere Mädchen.“ Eierstöcke habe sie keine, auch die Gebärmutter fehle, eigene Kinder werde sie niemals bekommen. Stattdessen hätten die Ärzte männliche Gonaden bei ihr gefunden.

    Plötzlich machte alles einen Sinn. Die ständigen Sitzungen auf dem gynäkologischen Stuhl. Die Gespräche der Mutter mit dem Arzt, während Katrin vor der Tür warten musste. [...] Gleichzeitig bekam Katrin von ihren Eltern eingeschärft, mit niemandem darüber zu sprechen [...]. Nicht mit ihren Geschwistern, die noch zu jung seien. Nicht mit den Verwandten, die damit nicht umgehen könnten. Nicht mit zukünftigen Partnern, die sie sonst vielleicht nicht mehr liebten. Und auch die Eltern selbst meiden bis heute das Gespräch.

    [...] Bis heute bedeckt ein Tabu das Thema, unter dem viele Betroffene zu ersticken drohen. Katrin Ann Kunze hielt sich lange an das Schweigegebot. „Ich habe die Sache ganz tief in mir vergraben und ständig daran vorbeigelebt“, sagt sie. [...] Irgendwann aber begann das Geheimnis zu schmerzen.

    Ess- und Schlafstörungen wechselten sich ab, immer wieder überfielen sie Depressionen. Und tief in ihr quälte sie die Vorstellung, keine vollwertige Frau zu sein – eher „so eine Art Alien“. Heute, nach mehreren Therapien, ist die nun 40-Jährige endlich eins mit sich und hat gelernt, darüber zu reden. [...]“

    „Die Legende vom besonderen Kind“
Online: http://blog.zwischengeschlecht.info/pages/Die-Legende-vom-besonderen-Kind

    „Als ich zur Welt kam, war ich erst einmal ein ganz normales Mädchen. Ich war jahrelang der Meinung, daß meinen Eltern der traditionell männliche Erstgeborene lieber gewesen wäre, und sei es nur, weil ich in eine patriarchalisch strukturierte Großfamilie hineingeboren wurde. Meine Eltern verneinen das, und ich glaube ihnen. Daß sie aber tatsächlich erfolgreich einen Sohn gezeugt hatten, der bloß keiner werden wollte, wußte damals noch niemand. Das kam erst später ans Licht, auf Umwegen.

    [...] Aber liebten sie mich als die, die ich war. Als das, was ich war? War ich genug, wie ich war? War ich es wirklich wert, geliebt zu werden? Wer war ich denn?

    Nicht, daß ich mir diese Frage je gestellt hätte. Das kam auch erst später. Doch ich träumte oft davon, plötzlich tot zu sein und umgeben von Blumen im Sarg aufgebahrt zu liegen. Dabei genoß ich die Vorstellung, wie alle um mich weinten, und wie „es“ ihnen ordentlich leid täte.
    Was genau ihnen leid tun sollte, hätte ich auf Nachfrage wahrscheinlich gar nicht sagen können. Ich fühlte mich irgendwie nicht sicher. Irgendwas war faul. Oder eben besonders. Merkwürdig ist, daß wir uns da offensichtlich einig waren, meine Eltern und ich, denn ich trug das Etikett „besonderes Kind“. Nur … warum?

    Als die Sache herauskam und meine Besonderheit evident wurde, war ich, wie schon erwähnt, bereits über zehn Jahre alt. [...] Natürlich wurde der Befund uns Kindern nicht mitgeteilt. [...] So weit, so gut. Es ist nachvollziehbar, daß Eltern, wenn sie keine fruchtbaren Impulse von Medizinern und anderen Ratgebern erhalten, so entscheiden. Und es ist ganz sicher eine vorsichtige und liebevolle Entscheidung.
    Doch auch solche Elternliebe macht blind. Die Vorzeichen dieser dem elterlichen Wunsch nach „unbeschwerten“ Zeit des Heranwachsens waren folgende: Die Last der Wahrheit ruhte allein auf den Schultern meiner Eltern. Sie trugen dieses Gewicht an meiner Stelle, wo es schwerer und schwerer wurde, je mehr ich heranwuchs. Und es belastete sie. Mir dagegen fehlte ein Stück meiner eigenen Lebenswahrheit, ein Teil meiner selbst, ohne den ich mich natürlich nicht zu mir hin, sondern nur von mir weg entwickeln konnte. Die unbeschwerte Leichtigkeit meines Seins war eine Farce.

    [...] Weil wir nicht miteinander redeten, wurde die Sache an sich im Laufe der Zeit unaussprechlich. [...] Als ich die Wahrheit dann mit 16 Jahren erfahren durfte, fehlte mir jegliche innere Reife, um sie zu verarbeiten. Denn die fehlende Konfrontation mit der eigenen Besonderheit hatte mich nicht nur geschont. Sie hatte auch eine innere Entwicklung verhindert, die ich als „besonderes Kind“ nun in einem Sprung hätte nachholen müssen, um mit der eigenen Besonderheit leben zu können. Natürlich war das unmöglich. Der einzige zur Verfügung stehende Weg war die Verdrängung …“

    der Freitag, 25.10.2002
    „Sieben Geschlechter hat der Mensch. Ein Gespräch mit Katrin Ann Kunze“ von Christian Fuchs und Andrea Roedig
    Online: http://www.freitag.de/2002/44/02441701.php

    „Ich selbst hatte Glück, bei mir wurden nach der Pubertät nur die Gonaden entfernt, da sich diese Embryonalhoden angeblich krankhaft hätten verändern können. Die Gonadektomie ist auch heute noch gängige Praxis, obwohl entsprechende Risikostatistiken überhaupt nicht vorliegen. [...]

    Dumm war eben nur, dass ich nicht Bescheid wusste. Arzt und Eltern waren sich einig, mich erst nach der Pubertät aufzuklären, wenn ich reif genug wäre, diese Information zu verkraften. Und obwohl ich immer ein ziemlich kesses Kind war mit einer großen Klappe, habe ich bei diesem Punkt auch nie nachgefragt. Die Art, wie da mit mir umgegangen wurde, hat mir offensichtlich das Stillhalten nahe gelegt.

    [...] Ich selbst habe meinen Eltern zuliebe konsequent den Mund gehalten, denen das Reden offensichtlich Mühe machte und die darüber hinaus Schwierigkeiten mit der erweiterten, sehr konservativ geprägten Familie aus dem Weg gehen wollten. Außerdem sollte ja auch meine Schwester Zeit haben, sich unbeschwert zu entwickeln. In diesem Punkt habe ich mich der damaligen Meinung meiner Eltern angeschlossen. Heute sehen wir das alle etwas anders. In der Rückschau mussten wir feststellen, dass in unseren familiären Beziehungen immer etwas fehlte, weil um bestimmte Dinge herum geredet wurde. [...]“

    —————————————–

    RAPHAEL „GAROU“ L.

    (Der legendäre Begründer des Hermaphrodit-Forums musste manchmal wochenlang erniedrigende und teils sehr schmerzhafte Untersuchungen über sich ergehen lassen, ohne dass er je erfuhr warum. Wurde mit 17 ohne Einwilligung gonadektomiert, konnte sich aber einer bereits angesetzten „Genitalreduktion“ entziehen. Trat mehrfach im Fernsehen auf und betreibt eine biografische Homepage.)

    Raphael „Garou“ L.:
    „Über mich“
    Online: http://hermaphroditos.de/uebermich.htm

    „Meine körperliche „Besonderheit“ fiel im Säugling und Kleinkindalter noch keinem großartig auf. Und so wuchs ich zunächst als „Mädchen“ auf.

    Als ich jedoch in die Pubertät kam veränderte sich einiges an und in mir recht drastisch. Meiner Mutter fiel auf dass ich mit 14 Jahren noch nicht meine Regelblutung hatte und ebenso kein Wachstum der Brüste zu erkennen war. Sie wurde dadurch vermutlich nervös.[...]

    Meine Mutter brachte mich also mit 14 zu einem Gynäkologen um mich untersuchen zu lassen. Das Ergebnis versetzte diesen älteren Herren in sichtliche Aufregung und er bat meine Mutter mich nach draussen zu bringen, um sich anschließend mit ihr unter vier Augen zu unterhalten. [...]

    Als ich gerade 17 Jahre war, sagten meine Eltern, dass sie mit mir in die Friedrich Schiller Universität nach Jena fahren werden, um mich dort gründlich untersuchen zu lassen, ich hätte eine sehr seltene „Krankheit“, aber es sei nichts schlimmes und ich würde wieder gesund werden. Ich sollte dort für 8 Tage stationär aufgenommen werden. In Jena angekommen nahm man mir Blut ab und einen Tag später wurde mir unter Vollnarkose durch einen kleinen Schnitt im Nabel eine Sonde in meinen Körper geschoben, um meine Innereien zu untersuchen. Auch dort erfuhr ich trotz bohrender Fragen meinerseits nichts genaues über meine sogenannte „seltene Krankheit“. [...] Ich hatte nur einen Wunsch, endlich die volle Wahrheit zu erfahren.

    Professor Carol teilte mir am Tage der Entlassung mit, dass ich mich einer Operation unterziehen muss. [...] Es sei nichts schlimmes oder beunruhigendes, müsse aber gemacht werden. Ich hatte keine Wahl und mußte mich fügen. Schliesslich wollte ich ja wieder „gesund“ werden, was immer ich auch für eine komische Krankheit haben sollte.

    [...] [I]ch wußte immer noch nicht warum genau ich in diese Klinik mußte. [...] Bereits am ersten Tage nach der stationären Aufnahme fingen die Untersuchungen an, täglich das volle Programm. Blutentnahme, Ultraschall, Nieren röntgen, wobei man da eine Flüssigkeit injiziert bekommt von der einem schrecklich heiss wird, ein sehr unangenehmes Gefühl, und immer wieder Untersuchungen an meinem Körper, bei denen manchmal bis zu 10 Ärzte, oder solche die es werden wollen, mit anwesend waren, eine unbeschreibliche Erniedrigung !!!! Ich schämte mich so sehr und musste da völlig nackt auf diesem verfluchten Stuhl vor denen liegen und mir auf meinem Bauch und Unterleib herumdrücken lassen. Dies lief genau zwei Wochen so ab! Dann waren die Untersuchungen abgeschlossen. Das schlimmste Erlebnis dabei war die Blasenspiegelung, auf die ich jetzt aus persönlichen Gründen nicht näher eingehen mag. Ich fühlte mich aber mittlerweile wie nichts anderes als eine Laborratte !

    Zwei Tage vor der Operation wurde ich aus meinem Zimmer geholt und in einen grossen Raum gebracht wo mich eine Schwester fotografieren sollte. Nackt !!! Zu Studienzwecken, so die Antwort auf meine Verständnislosigkeit ! Ich musste beide Arme über dem Kopf verschränken damit man die unbehaarten Achselhöhlen fotografieren konnte. Unterhalb der Gürtellinie wurde auch alles abgelichtet und ich wünschte mir ein großes Loch im Erdboden in das ich hätte versinken können. Nachdem ich diese Prozedur dann endlich überstanden hatte, sollte ich beim Professor erscheinen und mit ihm über den Ablauf der Operation sprechen. Ich war voller Spannung und erhoffte mir nun endlich Antworten auf all meine Fragen ! Doch weit gefehlt, ich bekam nur mitgeteilt dass die Operation sehr wichtig sei und dass mir etwas entfernt wird, was später einmal zu Problemen führen könnte. Ich sah ihn ratlos an und hakte stur nach. Er sagte das ich einen „Gendefekt“ hätte, der nun operativ behoben werden müßte.

    Damit mußte ich mich also zufrieden geben. Ich hatte diese Geheimniskrämerei so satt und ich wurde allmählich wütend. Ich ahnte instinktiv was die mit mir vorhatten und das Verhalten der Professoren zeigte mir, dass es etwas war, was ich wohl niemals erfahren sollte. Ich begann zu erahnen das ich Hoden besaß und die wollte man mir wegnehmen. Was aber sollte mit meinem kleinen „Freund“ passieren ??? Nehmen die mir IHN weg ??? Diese Frage schoss mir durch den Kopf und ich bekam regelrechte Panikattacken. Aber es kam was kommen mußte und ich konnte es nicht aufhalten. [...]

    Als ich erwachte hatte ich schreckliches Halsweh und einen sehr trockenen Mund. Ich fühlte mich jämmerlich und war nicht in der Lage mich zu bewegen. Mein erster Gedanke war: „Nun hast Du es endlich geschafft. Es ist vorbei“ und „ER“ war noch da! Dass ich von nun an aber erst wirklich androgyn (geschlechtslos) war, wurde mir erst Jahre später bewußt. Meiner Meinung und Vorstellung nach mußte man die Hoden entfernen, damit sie meinen inneren weiblichen Geschlechtsorganen nicht schaden, dies dachte ich ! Dass ich keinerlei weibliche Geschlechtsorgane besaß wusste ich ja zu diesem Zeitpunkt nicht ! Mir wurden nach der Operation täglich Spritzen in die Oberschenkel verabreicht und ich bekam hochdosiert weibliche Hormone zugeführt. Stete Gewichtszunahme war die Folge. Ich staunte darüber nicht wenig. Aber ich war heilfroh, denn mein kleiner „Freund“ blieb mir erhalten, ich wusste noch nicht das dieser in einer späteren OP reduziert werden sollte, welche ich aber Gott sei Dank „schwänzte“. Denn obgleich ich weder Kinder bekommen, noch zeugen kann (zumindest jetzt nicht mehr), Lust und sexuelles Verlangen empfinde ich ebenso wie jeder andere Mensch. [...]

    Ich nahm zu und immer weiter zu, hatte ständig Hunger und sah bald aus wie ein aufgedunsener Hefeteig. [...] Ich wurde nun schon seit mehr als 4 Jahren mit einer Hormonsubstitution auf Spritzenbasis behandelt. [...] Ich bekam Akne davon und mein ganzer Rücken war bereits offen und voller kleiner Narben. Ich bestand darauf das Mittel abzusetzen. [...] Ich wurde nie vor eine Wahl gestellt. Über mein Schicksal wurde über meinen Kopf hinweg Entschieden. Es war wie ein Schlag ins Gesicht. [...]

    Oktober 2003
    Eben komme ich nach Hause, habe alle Befunde meines Endokrinologen in der Tasche und muß das erst mal alles verdauen. Die Hormonspiegelanalyse brachte zum Vorschein, dass meine Testosteronwerte zu hoch sind für jemanden dem man die Hoden entfernte. Der Professor sagte dass das Hodengewebe, welches offensichtlich noch in meinem Körper verblieb, daran Schuld habe. Ist das zu fassen ? Da wird man schon verstümmelt und dann wird auch noch gepfuscht ! Für mich Anlaß genug sofort die Östrogentherapie abzubrechen.

    September 2005
    Nun wird es bald ein Jahr das ich von weiblichen Östrogen auf das männliche Geschlechtshormon Testosteron umgestiegen bin. Da die, noch von mir selbst produzierte Menge, nicht ausreicht um den Bedarf meines Körpers zu decken. Es ist sicher wahnwitzig und völlig beschränkt, ja irre, wie viele meinen die Hormone zu injizieren die mein Körper einst von Natur aus selbst in ausreichender Menge produzierte. Doch diese natürliche Versorgung wurde mir ja geraubt. Aber über Sinn und Logik habe ich längst aufgehört nachzudenken.

    Besäße ich noch meine Hoden wäre die Welt für mich in Ordnung, ich verabscheue diese Hormonersatztherapie. [...]

    —————————————–

    LUISE WEILHEIM

    (Kommentatorin im Online-Diskurs. Berichtete in Ulla Fröhlings bahnbrechendem Sachbuch von 2003 über ihr Leiden an der ausbleibenden Pubertät, unterschiedlich dosierte Informationen, Gonadektomie, erniedrigende Nachfotografien und Peepshow für Studenten, und wie ihre kleine Schwester Jahrzehnte lang besser über ihre Besonderheit Bescheid wusste als sie selber.)

    »Weiblichkeit habe ich mir erkämpft.«
    Luise Weilheim, 38, Redakteurin und Therapeutin, Bayern
    In: Ulla Fröhling: „Leben zwischen den Geschlechtern. Intersexualität – Erfahrungen in einem Tabubereich“, Berlin 2003, S. 51-66.

    „Jahrelang führte sie der erste Gang nach Schulschluß vor den Badezimmerspiegel: Zeigt sich ein Schamhaar, wächst die Brust? Nein. Sie schämte sich und hatte das Gefühl, ihre Geschwister schämten sich ihrer.“ (52)

    „Der Arzt informiert Mutter und Tochter in getrennten Gesprächen. Sehr viel später wird sich herausstellen daß er die Informationen unterschiedlich dosiert hat. Luise erfährt von der Hormonstörung. Die Mutter von den XY-Chromosomen.“ (54)

    „Die Mutter ist voller Angst: Für ihre Tochter bricht sicher die Welt zusammen, denkt sie, weil sie keine Kinder bekommen kann. Wird sie sich umbringen? Mitnichten. Als völlig euphorisch beschreibt Luise ihre Gefühle von damals. Das mit den Kindern spielt keine große Rolle. Aber endlich gibt es einen körperlichen Grund für ihr Anderssein. Sie hat keine Schuld. [...]

    „Wegen des Entartungsrisikos, so hatte man ihr gesagt, müßten ihre rudimentären Gonaden entfernt werden. Ein Satz, den viele Frauen mit XY-Chromosomen zu hören bekommen. Luise übersetzt ihn sich so: Ihre winzigen Eierstöcke könnten Krebs entwickeln. Logisch, daß sie die Gefahr gebannt sehen will, zumal sie ohnehin keine Kinder bekommen kann. Was ihre Gonaden, ihre Keimdrüsen, aber wirklich enthielten, erfuhr sie vor drei Jahren. Da hielt Luise zum ersten Mal ihre Krankenakte in den Händen. Ein Foto der kleinen Organe war auch dabei. Und die histologische Diagnose »atrophische Hoden und Nebenhoden«. Falls sie funktionsfähig waren, besaßen sie die Fähigkeit, geringe Mengen Östrogene zu entwickeln. Nach ihrer Entfernung wurden diese komplett substituiert. Mehr noch: Luise wie vielen anderen XY-Frauen wurden auch Gestagene verordnet. Üblicherweise lösen diese die monatlichen Blutungen zum Abtransport der Gebärmutterschleimhaut aus, die sich im Laufe des Zyklus aufbaut. Luise und viele andere intersexuelle Frauen haben keine Gebärmutter. Gestagene bekommen sie trotzdem. Nicht nur mir erscheint das absurd.“ (55)

    „»Aber was ich ganz schrecklich fand, war das Fotografiert-Werden. Man mußte in den Keller, ein Raum mit Neonlicht. Von vorne, die Arme auseinander, die Arme nach oben, dann von hinten, von der Seite …« [...]

    Für Lehrzwecke, habe der Professor gesagt. Luise konnte sich nicht wehren. Beim ersten Mal war sie 17, beim zweiten Mal 20 Jahre alt. Ob die Bilder veröffentlicht wurden, weiß sie nicht. Vor kurzem hat sie nachgefragt und eine abwehrende Antwort bekommen. So fotografiert worden zu sein, das hat sie lange beschäftigt. Luise: »Es war das erste Mal, daß ein Mann mit nackt gesehen hat. Es war das erste Mal, daß ein Mann meine Brust berührt hat. Ich weiß noch, daß das erotische Gefühle bei mir auslöste.« Sie schweigt. Dann fügt sie hinzu: »Ich wünsche mir oft, das hätte anders sein können.«“ (59)

    „Das Schlimmste waren – wieder einmal – ungebetene Besucher. Luise erinnert sich: »Man hatte mich da hingelegt, Beine hoch, wie auf einem Gynäkologenstuhl lag ich auf meinem Bett. Dann kommt eine Schar von Männern rein, Medizinstudenten, die gucken sich das an.« War sie darauf vorbereitet? Nein.
    Luise lag in einem Doppelzimmer. Die andere Patientin, sie war schon in den Wechseljahren, erlebte alles mit, auch die Peepshow für die Studenten. Es scheint unfaßbar, daß solche Szenarien wirklich stattfanden, noch stattfinden. Später, Luise hatte ein wenig geschlafen, hörte sie beim Aufwachen ein Telefonat ihrer Nachbarin: »Bei mir im Zimmer ist ein ganz armes Ding. Die hat keine Scheide und ist auch keine richtige Frau.«“ (61)

    „Parallel ließ sie sich – nach fast 20 Jahren – ihre medizinischen Akten aus der Klinik kommen. Da las sie es zum ersten Mal: XY-Chromosomen. [...] Die Familie soll es erfahren. Zuerst die Schwester. Nie im Leben hätte Luise mit deren Reaktion gerechnet: »Das weiß ich doch«, sagt die Schwester völlig gelassen, »hast du das nicht gewußt?« Es stellt sich heraus, daß ihre Schwester seit vielen Jahren über ein Spezialwissen im Bereich Intersexualität verfügt. Sobald die Mutter der Familie die ärztliche Diagnose mitgeteilt hatte, begann die Schwester, Bibliotheken zu durchforsten, Bücher darüber zu lesen. [...] »Diese kleine Schwester, mit der ich auch über intimste Dinge gesprochen habe. Aber darüber nicht.« Eine Mauer in der eigenen Familie. Wie war die entstanden? Offenbar begriff niemand, daß Luise nur Teilinformationen erhalten hatte. Ihr Schweigen deutete die Familie als Wunsch, nicht darüber zu sprechen, und respektierte ihn. Die Depressionen erlebten alle mit, sie weinten gemeinsam. Aber über den Grund sprachen sie nie. Wie in einer Seifenblase kommt sich Luise im nachhinein vor.“ (64 f.)

    —————————————–

    KARIM „DUSTY“ MERAH

    (Musste als Kind 15 kosmetische Operationen über sich ergehen lassen. Trat 2008 in Spiegel TV auf und berichtet auf seiner Homepage über sein erschütterndes Schicksal. Sagt, Entschädigung für Verstümmelte durch den Staat werde kommen, aber er werde es nicht mehr erleben.)

    Karim „Dusty“ Merah:
„Über mich“
    Online: http://www.dusty51.de.tl

    „Ich bin am 27.03.1951 in einem kleinen Nest in der Oberlausitz zur Welt gekommen. Als Junge geboren und als Mädchen aufgewachsen. Man gab mir den Namen: Karin…

    Meinen Eltern war es nicht klar, das ich ein Junge bin. Meine erste Operation hatte ich mit drei Jahren. Da wurde mir der erste Hoden entfernt. Ich hatte zwei Schamlippen, in dem je ein Hoden lag. Ein verkrüppelter Eierstock, der später entfernt wurde. Der letzte Hoden und das Glied (das wie eine vergrößerte Klitoris aus sah) wurde mir mit 13 Jahren entfernt. [...] Ich hatte sehr viele Operationen in weibliche Richtung. Ich war für die Ärzte ein gutes Versuchsobjekt [...]. Wie können Menschen sich erdreisten, anderen Menschen so etwas an zu tun. [...]

    2000 habe ich dann endlich eine Genanalyse machen lassen und es hat sich heraus gestellt, das ich tatsächlich ein Mann bin. Ich habe 47 XXY… Ich bin ein „echter Hermaphrodit“, da ich auch einen verkrüppelten Eierstock hatte. Es war wie ein Schlag ins Gesicht. [...]

    Meine Jugendzeit, verbrachte ich zum größten Teil in verschiedenen Krankenhäusern, wo man mich nach und nach kastrierte und mich zur Frau umarbeitet. Über 15 Operationen musste ich über mich ergehen lassen. Hatte zum Teil furchtbare Schmerzen. Von den vielen Operationen im Unterleib, hat sich innen drin „wildes Fleisch“ gebildet (wie die Ärzte sagten). Das muss natürlich ausgekratzt werden und das kam immer wieder, bis es sich zu einer Krebsgeschwulst gebildet hatte. Da habe ich Kobaltbestrahlungen bekommen und bin dabei verbrannt worden, weil die Schwestern nicht gleich ausgemacht haben. Und die ganzen Hormonzugaben (Östrogene) die ich bekommen habe. Meine Eltern hatten mich die erste Zeit richtig verwöhnt, ich hatte alles bekommen, damit ich die Schmerzen vergesse. Aber das wurde mit der Zeit immer weniger, bis es ganze aufhörte.
    Schreibe bald weiter, es tut weh…

    [...] Ich habe mein ganzes Leben dran zu kauen, was ich bin oder was ich war. Ich leide unter schweren physischen Störungen und spiele immer wieder mit dem Gedanken, meinen „verfluchten“ Leben ein Ende zu bereiten. Hätte ich nicht im Intersexuellen-Forum Menschen gefunden, die so sind wie ich und auch ein schweres Schicksal hinter sich haben, hätte ich das alles garnicht mehr geschafft. [...] Ich bin Nacht für Nacht munter und grübele, kann nicht mehr schlafen. Wie soll das alles nur enden? [...]

    In der letzten Zeit habe ich nur noch Depressionen. Je älter ich werde, desto schlimmer werden sie. Mich macht das Alleinsein fertig. Da ich immer noch keinen Menschen (Frau) gefunden habe, der mein Leben mit mir teilen möchte. Ich glaube, das wir Intersexuelle doch irgendwie von der Gesellschaft geschnitten werden. Es ist traurig das alles miterleben zu müssen. Und ich mache die Gesellschaft verantwortlich, dass wir zwangsoperiert worden sind. Eigentlich müßte der Staat (Deutschland) uns für die Verkrüppelung unserer Körper, Schadensersatz leisten. Irgendwann wird das auch passieren, aber das werde ich nicht mehr erleben.“

    —————————————–

    ANDREA CREMER

    (War als Kind „maskulinisierend“ behandelt worden, was sie später zurückwies. Nahm wiederholt öffentlich und gegenüber Medizinern Stellung gegen kosmetische Eingriffe und hilft Betroffenen, adäquate Ersatzhormone auf Kassenrezept und/oder eine Personenstandsänderung nach § 47 durchzusetzen.)

    Andrea Cremer
    Soester Anzeiger 22.11.2008
    „Frau und Mann zugleich“
Online: http://blog.zwischengeschlecht.info/public/Andrea_Cremer_22-11-08.jpg

    „»Die Ärzte und Eltern entscheiden häufig über den Kopf des Kindes hinweg. Die Diagnosen werden den Betroffenen verschwiegen. Das empfinde ich als großes Unrecht. Es muss endlich Schluss sein mit den Zwangsoperationen. Man sollte warten, bis die Kinder groß genug sind, um selbst zu sagen, was sie wollen.« Und: »Wir sind Versuchskaninchen. Man klärt uns oft nicht auf.«

    Viele Betroffene tragen nach Meinung der gelernten Industriekauffrau durch voreilige chirurgische Eingriffe, sowie hohe und falsche Hormondosen gravierende Schäden an Körper und Seele davon. Oft werde das Skalpell angesetzt, um den Körper der Norm anzupassen.

    Andrea Cremer [...] ist gesundheitlich schwer angeschlagen und bei jedem kleinen Schritt auf Gehhilfen angewiesen. Ihr droht der Rollstuhl.

    [...] »Hätte man mich in Ruhe gelassen, wäre ich gesund«, meint sie. Sie ist überzeugt, dass ihr viele Qualen erspart geblieben wären. Nun geht sie an die Öffentlichkeit und bietet ihre Hilfe an. Denn ihr ist klar, dass sich Intersexuelle oft verschließen, dass sie sich verkriechen, weil sie sich schämen und sich scheuen, sich zu erkennen zu geben.

    Es gab Zeiten, da fühlte sich Andrea Cremer als Monster. Nach langer Odyssee mit vielen Tiefen und Torturen hat sie einen Weg abgesteckt, den sie beherzt geht. Sie hat zu sich gefunden. [...]
    »Es fällt mir schwer, über meine Situation zu sprechen«, sagt sie, doch es ist ihr wichtig, den Mund aufzumachen. Sie spricht über ihr Schicksal, sie lässt nicht nach herauszustellen: »Wir sind kein Kuriosum. Wir sind normale Menschen.«“

  19. Markus Bauer sagt:

    (Chronologie fehlender Stimmen Betroffener 3)

    AUSGEWÄHLTE BIBLIOGRAFIE UND FILMOGRAFIE

    Es gibt eine Vielzahl öffentlich zugänglicher Quellen, in denen Betroffene von kosmetischen Genitaloperationen im Kindes- und Jugendalter ungeschminkt über das ihnen angetane Unrecht berichten, und ohne deren adäquate Berücksichtigung eine objektive Bestandesaufnahme nicht möglich ist. (Die nachfolgende Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.)

    1. DEUTSCHSPRACHIGE BÜCHER

    Ulla Fröhling:
    „Leben zwischen den Geschlechtern. Intersexualität – Erfahrungen in einem Tabubereich“, Berlin 2003
    (9 ausführliche Originalportraits Betroffener)

    Hanny Lightfoot-Klein:
    “Der Beschneidungsskandal”, Berlin 2003
    (Kapitel 3 über “Intersex-Chirurgie”, S. 49-58, enthält 2 Berichte von Betroffenen)

    Claudia Lang:
    “Intersexualität. Menschen zwischen den Geschlechtern”, Frankfurt/M 2006
    (Originalinterviews mit 16 Betroffenen und umfangreiche Berücksichtigung weiterer Berichte)

    Christiane Völling (mit Jutta Dombrowe):
    “Ich war Mann und Frau. Mein Leben als Intersexuelle”, Köln 2010
    (Autobiografie)

    Kathrin Zehnder:
    “Zwitter beim Namen nennen. Intersexualität zwischen Pathologie, Selbstbestimmung und leiblicher Erfahrung”, Bielefeld 2010
    (Dissertation mit Dokumentation einer Vielzahl von Internetzeugnissen Betroffener)

    2. DEUTSCHSPRACHIGE ONLINE-VERZEICHNISSE

    Persönliche Geschichten auf XY-Frauen.de:
    http://xy-frauen.de/pers%F6nliche%20geschichten.htm

    Linkliste zu Zeugnissen Betroffener auf Zwischengeschlecht.org:
    http://zwischengeschlecht.org/post/3.-Zwangsoperierte-Zwitter-%C3%BCber-sich-selbst-und-ihr-Leben

    Chronik der Texte auf aggpg.de (via archive.org):
    http://web.archive.org/web/20011218030046/http://home.t-online.de/home/AGGPG/chron.htm

    Chronik der Texte auf postgender.de (via archive.org):
    http://web.archive.org/web/20040825233535/http://www.postgender.de/postgender/chronik_text.html

    3. ENGLISCHSPRACHIGE BÜCHER

    Alice Domurat Dreger (Hrsg.):
    “Intersex in the Age of Ethics”, Hagerstown 1999
    (Enthält nebst Fachtexten zahlreiche Berichte Betroffener)

    Marcus de María Arana (Hrsg.):
    “A Human Rights Investigation into the Medical “Normalization” of Intersex People – A Report of a Hearing of the San Francisco Human Rights Commission”, San Francisco 2005
    (Vielzahl von Statements Betroffener aus aller Welt)
    Online: http://www.isna.org/files/SFHRC_Intersex_Report.pdf

    Katrina Karkazis:
    “Fixing Sex. Interswex, Medical Authority and Lived Experience”, Durham and London 2008
    (Enthält eine Vielzahl von Zitaten von Betroffenen)

    4. DEUTSCHSPRACHIGE DOKUMENTARFILME

    N.N.:
    “Intersexed” (1997)
    (Heike Bödeker und Michel Reiter erzählen)

    Oliver Tolmein und Bertram Rotermund:
    “Das Verordnete Geschlecht” (2001)
    Homepage: http://www.das-verordnete-geschlecht.de/
    (Portraits von Michel Reiter und Elisabeth Müller)

    Elisabeth Scharang:
    “Tintenfischalarm” (2006)
    Presseheft: http://verleih.polyfilm.at/tintenfischalarm/tintenfischalarm_PRESSEHEFT.doc
    (Portrait von Alex Jürgen)

    Melanie Jilg:
    “Die Katze wäre eher ein Vogel” (2007)
    Homepage: http://www.die-katze-ist-kein-vogel.de
    (Interviews mit 4 Betroffenen, darunter Katrin Ann Kunze und Christiane Völling)

    Norbert und Heike Güldenpfennig:
    “Weder Mann noch Frau! Leben als Zwitter” (2010)
    (TV-Dokumentation mit Raphael “Garou” L., Elisabeth Müller, Claudia und Frances Kreuzer)

  20. Simon Zobel sagt:

    Letzte Woche hatte ich mit Ärzten zu tun, die bereits sehr differenziert mit dem Thema Geschlecht umgehen, die die Feinstrukturen von Geschlecht betrachten, wenig invasiv vorgehen, Auge in Auge beraten…
    Es gibt sie.

    Freilich gibt es auch (noch) die anderen, wie wir hier feststellen durften. Im Wettbewerb der Kliniken und Institutionen, scheint es, werden wir Intersexuelle erstere unterstützen und weiterempfehlen müssen, Organisationen aufbauen, die auch eine gewisse Kontrolle ausüben, Bildungsaufgaben wahrnehmen und sich auch vermehrt und differenziert in die gesellschaftliche Diskurse (nicht nur um Geschlecht) einmischen. Raus aus der anklagenden Opferrolle und rein in aktive Forderung und Mitgestaltung zur Ablösung des alten Paradigmas…

    Der Deutsche Ethikrat hat nun die Chance, Mut zu beweisen.
    Nicht zuletzt: Unsere Zukunft sind die Kinder. Um die geht es jetzt…

    http://www.youtube.com/watch?v=Z78aaeJR8no

  21. Markus Bauer sagt:

    Einige weitere Stimmen und Perspektiven, die im bisherigen Diskursverlauf entweder gar nicht oder nicht angemessen berücksichtigt wurden:

    1. Diagnose “Hypospadie” als wohl häufigster Anlass für kosmetische Genitaloperationen an Kindern und Minderjährigen, vgl. z.B.:

    “Prof. Martin Westenfelder gehört zu den Genitalchirurgen mit der größten Erfahrung weltweit: knapp 4.000 Hypospadien, über 140 Epispadien und 160 Feminisierungsoperationen bei intersexuellen Differenzierungsstörungen.” (Helios Krefeld)

    Zur langjährigen Kritik von Betroffenen zur Unterschlagung vgl. z.B.:
    Katrina Karkazis: “Fixing Sex. Interswex, Medical Authority and Lived Experience”, Durham and London 2008, S. 143 f.

    2. Parallelen zur weiblichen Genitalverstümmelung, vgl. u.a.:

    Nancy Ehrenreich & Mark Barr, Intersex Surgery, Female Genital Cutting,
    and the Selective Condemnation of “Cultural Practices,” 40 HARV. C.R.-C.L. L. REV. 71,
    71 (2005)

    Hanny Lightfoot-Klein:
    “Der Beschneidungsskandal”, Berlin 2003
    (Vgl. speziell das Vorwort von Dr. Sabine Müller und Kapitel 3 über “Intersex-Chirurgie”)

    Liste deutschsprachige Onlinepublikationen:
    http://zwischengeschlecht.org/post/Westliche-Form-der-Genitalverstuemmelung

    3. Parallelen zu sexualisierter Gewalt an Kindern, speziell in Bezug auf resultierende psychische Traumata:

    Tamara Alexander: “Der medizinische Umgang mit Intersexuellen Kindern: Eine Analogie zum sexuellen Kindesmißbrauch” (1997)
    Online: http://blog.zwischengeschlecht.info/pages/Intersex-Analogie-Kindesmissbrauch-Tamara-Alexander-1997

    4. Stimme der Partner Betroffener:

    Partner erwachsener Betroffener haben einen mitunter besseren und konkreteren Einblick in die Problematik als die meisten “Experten”. Das einzige mir aufgefallene Beispiel im Diskurs ist ziemlich selbsterklärend: http://diskurs.ethikrat.org/2011/07/fakten-mythos-meinungen-zu-intersexuellem-leben/#comment-550

    5. Die Stimme der Geschwister Betroffener:

    Unter den Schweigegeboten und der Geheimhaltung leiden auch sie.

    6. Einbezug der Diskussion zur Strafbarkeit der Knabenbeschneidung, vgl. u.a.:

    Stehr, Maximilian; Putzke, Holm; Dietz, Hans-Georg: “Zirkumzision bei nicht einwilligungsfähigen Jungen: Strafrechtliche Konsequenzen auch bei religiöser Begründung”, Deutsches Ärzteblatt 2008; 105(34-35): A-1778 / B-1535 / C-1503
    Online: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=61273

    Kern, Bernd-Rüdiger / Köhler, Knut: „Beschneidung in Deutschland: Religionsfreiheit oder Körperverletzung?“, Ärzteblatt Sachsen 3/2006, S. 104f
    Online: http://www.kindesmisshandlung.de/mediapool/32/328527/data/FGM-AeB-Sachsen-2006.pdf

    7. Die Stimme von Eltern, die in Operationen einwilligten und es später bereuen:

    Davon gibt es eine ganze Menge!

    8. Umfassende historische Aufarbeitung der Verstümmelungen (ohne Ausblendung der Gräueltaten im “Dritten Reich”)