Das Recht auf Selbstverortung

Im Interview spricht Lucie Veith, Vorsitzende von Intersexuelle Menschen e.V., über den Zwiespalt unter den Betroffenen, ob die Einführung eines dritten Geschlechts sinnvoll ist oder nicht. Sie stellt außerdem die Frage, warum Menschen überhaupt in eine bestimmte Kategorie eingeordnet werden müssen und fordert den sofortigen OP-Stopp für Gonadektomien.


Themenschwerpunkt: Aufklärung & Einwilligung, Medizinische Eingriffe, Personenstandsrecht, Vernetzung & Hilfe

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13 Kommentare zu Das Recht auf Selbstverortung

  1. Das “Recht auf Verortung” und darauf, sich als geschlechtliches Wesen erst einmal selbst wahrnehmen und definieren zu können, ohne dass jemand das vorwegnimmt oder in eine bestimmte Richtung drängt, scheint mir der zentrale Punkt, um den es geht. Ich würde es in wissenschaftlicher Terminologie ausdrücken als das Recht, seine eigene Geschlechtsidentität ungestört auszubilden bzw. zu entdecken und als den Rat an die Eltern, das Kind dabei ergebnisoffen zu unterstützen, ohne es zu drängen.

    • Ich hatte eigentlich gehofft, inzwischen wäre allen hier Beteiligten klar geworden, dass der zentrale Punkt die körperliche Unversehrtheit ist, und dass diese jetzt endlich für alle Kinder durchgesetzt werden muss und alle kosmetischen Genitaloperationen endlich gestoppt werden müssen. Weil die Selbstverständlichkeit, mit unversehrtem Körper und insbesondere mit unversehrten Lustorganen aufgewachsen zu sein, die allererste Voraussetzung dafür wäre, später vielleicht bei solchen schönen wissenschaftlichen Identitätsdiskussionen überhaupt mitmachen zu können/wollen.

      Weiter hatte ich gehofft, dass allen hier Beteiligten mittlerweile klar geworden wäre, dass diese scheinbare Selbstverständlichkeit für die überwiegende Mehrzahl der Menschen, um die es hier geht, eben alles andere als selbstverständlich war und ist, und dass alle Beteiligten in diesem Diskurs diese Realität stets vor Augen haben und gebührend berücksichtigen sollten.

  2. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit muss zweifellos endlich respektiert werden, und das ist aufgrund der gegenwärtig noch vorherrschenden medizinischen Praxis vorrangig. Es muss allerdings auch durchgesetzt werden gegen das Argument, die Geschlechtsanpassung diene dem Wohl des Kindes. Dem Kind zuzugestehen, die eigene Position im Geschlechtersystem zu finden, ist ausserdem wichtig beim weiteren Umgang mit dem Kind von seiten der Eltern.

  3. Reno sagt:

    Eine Umwandlung eines Neugeborenen von Frau zu Mann oder von Mann zu Frau würde niemand zulassen.
    Deshalb ist es unumgänglich, die Rahmenbedingungen von nur 2 Geschlechtern aufzustocken. Dann wären wir keine gestörten Frauen oder Männer mehr, sondern einfach beides, Hermaphroditen. So sind die Behandlungen, und nur so, ein Verbrechen. Das Gesetz verbietet so etwas bereits heute, nur die bisherige Uneindeutigkeit ermöglicht das. Das Personenstandsrecht muss von der Realität Kenntnis nehmen, erst dann kann man dem Kind, den Eltern und der Gesellschaft diese Gleichstellung schaffen. Es geht doch nicht nur um OP`s, auch um die meist von Lügen und Gewalttätigkeiten geprägte zwischenmenschliche Behandlung dieser Menschen, der Gipfel ist natürlich die operative Geschlechtszuweisung, das nur ein Teil dieser Folter ist. Dass diese extreme Art der Unterdrückung nicht funktioniert, ist seit vielen Jahren bekannt. Die Ärzte wollen jetzt staatliche Unterstützung, drohen mit Sorgerechtsentzug, plädieren für Psychiatrische oder Psychologische “Hilfe”, neue Studien und bessere Leitlinien. All das ist nur durch einen 3. Geschlechtseintrag zu verhindern.

    Desweiteren möchte ich noch anmerken, dass auch die normalen Frauen und Männer das Recht haben sollten, zu wissen, dass wir sehr viele sind, dass sie jederzeit einen Hermaphroditen gebären können. Die Wissenschaft versucht unaufhörlich, unser Dasein zu verhindern, die unsichtbarwerdung geht nicht nur auf ihre Kosten, wir tragen dazu bei, indem wir dies nicht anprangern. Viele von uns haben so viel Leid und Verachtung erfahren, dass sie nicht mehr offen dazu stehen können, das müssen wir aber, egal was es kostet. Sonst haben wir diesen Krieg verloren und die totale Vernichtung ist das Resultat.

    Die mit viel Selbstbewusstsein sind auch die, die die meiste Gewalt erfahren haben, das Selbstbewusstsein wird ihnen ausgetrieben, der Mensch muss gebrochen werden, um sich an einer Anpassung zu dem verordneten Geschlecht zu beteiligen. Dies geschieht durch Demütigung, Beleidigung als gestörter Mensch, Liebesentzug und das antrainieren von gewünschten Verhaltensweisen. Diesen Prozess haben die Stärksten von uns wohl kaum überlebt, da es unmenschlich ist. Die gebrochenen sind keine selbstbewussten Menschen mehr, sie sind Folteropfer, haben schwerste Traumata und leben in Angst.

    Dieser Krieg muss umfassend und sofort beendet werden, das beinhaltet, dass man die Gründe für die Behandlung zum Wohle des Kindes aufdeckt, die sind lediglich im Personenstand zu finden, der uns ausschließt. Die Ärzte nehmen dies als Grundlage für all ihr handeln, die Eltern ebenso. Die Herms werden in so eine unfreie Welt hineingeboren und haben sehr schlechte Chancen, manchmal einfach gar keine, um halbwegs unbeschadet dadurch zu kommen. Das System ist unerbittlich, wenn einem klar gemacht wird, man sei einfach das Letzte, was es überhaupt gibt, man hat dadurch auch nichts zu sagen, man zählt überhaupt nicht. Das Gesetz nimmt einem die menschliche Würde, jegliches Recht, man ist definitiv ohne Macht. Das Bild des Hermaphroditen ist so abscheulich, es ist ein Witz, ein abartiges, gestörtes, uneindeutiges Wesen. Das ist ein so großer Schock für jeden von uns, da es mit der Realität nichts gemein hat. Diese Lüge ist entstanden aus Furcht von den Menschen vor dem Unbekannten, das sie nicht verstehen können. Diese Zeiten sollten vorbei sein, wenn man die Menschen aufklärt, die Frage ist, ob das bezahlbar ist. Auch die Frage nach Entschädigungen ist zwar gerecht, jedoch mitunter kontraproduktiv. Wenn ich eine Entschädigung erhalten würde, gäbe ich alles gerne dafür aus, einen 3. Geschlechtseintrag vor Gericht einzufordern. Warum? Für die Kinder und für die Freiheit, das sollte für jeden von uns das einzigst wichtige sein. Was nützt Geld, wenn man jeden Tag aufs neue lügen muss?
    Die Anpassungen hatten meist die Kastrierung der Menschen zur Folge, kastrierte Menschen rebellieren nicht gegen das System, Anpassungen so so eher möglich, als wenn der Herm noch die Kraft hat, sich zu wehren. Um dieses Unrechtssystem, das an Unmenschlichkeit beispiellos ist, zu akzeptieren, um sich unterdrücken zu lassen, sahen die Ärzte es wohl als Hilfe für den Menschen an, wenn man ihn kastriert wie eine Katze oder einen reudigen Hund. So leidet es sich leichter. Es ist dann, da er bereits “verloren” hat eher anzunehmen, dass er sich fügt und das beste daraus macht oder sich eben zum Wohle aller umbringt.

  4. claudia sagt:

    „Es geht doch nicht nur um OP`s, auch um die meist von Lügen und Gewalttätigkeiten geprägte zwischenmenschliche Behandlung dieser Menschen, der Gipfel ist natürlich die operative Geschlechtszuweisung, das nur ein Teil dieser Folter ist.“
    Das entspricht auch meiner persönlichen Erfahrung.

    Wir sollten uns aber klar und unmissverständlich dazu bekennen, dass bei der Geburt ein Geschlecht nicht fest zugewiesen werden kann. Weder ein „weibliches“, „männliches“ noch ein „Drittes“.
    Sondern dass eine freie Entwicklung und Entfaltung der Person in jedem Falle zugelassen werden muss: Physisch, psychisch und geistig.
    Somit wäre die Medizin auf ihre „Kernkompetenz“ zurückverwiesen: Sich um die Gesundheit der Menschen zu kümmern.
    Damit stehen wir fest auf dem Boden von Grundgesetz Artikel 2.

    Den Zwang nur verändern, aber nicht abschaffen zu wollen halte ich für das politisch falsche Signal. Auch wenn es möglicherweise eher systemkonform ist.


    „…kastrierte Menschen rebellieren nicht gegen das System,…“
    Wobei ich hier aber die geistige Kastration für eher bestimmend halte. Dass nur eine Minderheit rebelliert und die Mehrheit sich resigniert verkriecht, das kenne ich auch aus anderen Zusammenhängen.

    • Reno sagt:

      Anarchie ist absolute Herrschaftslosigkeit, da ich ein Anarchist bin, käme ich nie im Traum darauf, dass ich jemanden etwas vorschreiben würde, never, okay.

      Nur mal so zum nachdenken, ab 01.01.2012 gibt es die Möglichkeit, als Hermaphrodit eingetragen zu sein, Ende Januar haben sich in der BRD GmbH schon 14 Erwachsene im neuen 3. Geschlecht eintragen lassen, berichtet die Tagesschau oder RTL aktuell.

      Jeder Mensch hätte fortan das Wissen, dass Hermaphroditen wirklich existieren. Eltern wüssten, egal was ihr Baby mal werden will, es darf ab jetzt leben wie es/er/sie will, wie es eben richtig ist.

      Das System wird sich selbst abschaffen, neue Krisen etc. Aber bis dahin muss das System von uns geändert werden, so wie es eben möglich ist. Das Geschlecht für alle abzuschaffen ist unrealistisch. Nur für die Kinder eine Zuweisung zu Mann oder Frau zu verhindern, löst das Problem noch nicht. Dann werden sie eben später gezwungen, sich zwischen 2 Geschlechtern entscheiden zu müssen, zwar selbst aber unter Zwang. Wenn sich der Mensch aber nicht entscheiden kann, wie ich mit bald 40 Jahren, ist das ein Problem. Ich weiß nicht, was von mir weiblich und was von mir männlich ist, ich kann es nicht trennen und weiß, dass es nicht möglich ist. Ich kann nur so leben oder mich umbringen, für mich ist eine Wahl ein Todesurteil, dem ich mich entziehe. Weißt Du, wieviele tot sind, weil sie das gleiche Problem wie ich hatten? Es geht mir nicht um Deine Thesen, sie sind gut für die Babys, aber nur, wenn es gleichzeitig die freie Wahl zwischen 3 Geschlechtern gibt. Ist denn das Leben eines 5, 10 oder 14jährigen Herms weniger wert, ich denke nicht und bin mir sicher, Du siehst das ganz genauso. Lasst die, die noch leben, auch wenn sie das Unglaubliche, das verrückteste Geschöpf dieses Planeten darstellen, frei wählen, bevor sie daran alle zugrunde gehen. Wieviele sind tot?

      • Reno sagt:

        Bitte liebe Ethikrat-Mitarbeiter, ich schrieb 2. Geschlecht, meinte aber ganz klar das 3. Geschlecht, bitte ausradieren, Danke sehr und Ihnen alles Gute.

        • Redaktion sagt:

          Die Redaktion hat in Ihrem Kommentar vom 07.08.2011 um 20:05 das “2. Geschlecht” durch “3. Geschlecht” getauscht.

  5. claudia sagt:

    Lieb Reno,
    wir sollten nicht Gegensätze aufbauschen, wo keine sind.

    Selbstzitat:
    - Die grosse Mehrheit wird sich erfahrungsgemäss niemals gegen den Eintrag entscheiden, für sie ändert sich also nichts gegenüber der bisherigen Regelung. (wichtig für die Durchsetzbarkeit)

    - Die Minderheit, die sich gegen den Eintrag entscheiden wird, geniesst den Vorteil, dass der Selbstentscheidung nicht durch medizynische Festlegungen vorgegriffen werden darf, weil damit das gesetzlich festgeschriebene Recht auf Selbstentscheidung verletzt würde.

    - die medizinische Diagnostik am Baby bliebe auf gesundheitsrelevante Dinge beschränkt.

    - Gegen eine Selbstentscheidung für ein drittes Geschlecht spricht nichts.

    BITTE DEN LETZTEN SATZ BEACHTEN

    Es geht darum dem Ethikrat eine pragmatische, unkomplizierte Vorlage an die Hand zu geben.
    Das können wir doch?


    Apropos: Weitergehende politische Diskussionen könnten wir gerne an einem anderem Ort führen. Ich bin auch ziemlich engagiert.
    Wenn ich mich ab und zu auf das Grundsetz berufe, dann weil wir es heute gegen die verteidigen müssen, die es geschaffen haben. So lange, bis wir etwas Besseres schaffen können.

    Erreichbar bin ich hier:
    http://zwitterforum.ath.cx/index.php

    • Reno sagt:

      Weitergehende politische Diskussionen…

      Ah jetzt verstehe ich, das ist Dein Denkfehler.

      Nein, nein, es geht hier um alle Hermaphroditen, es gibt auch Rechtsgelehrte, die genau zum Thema des 3. Geschlechts hier geschrieben haben. Wir stellen also eine Minderheit dar, um die kümmerst Du dich eben einen Sch… . Das hast Du deutlich zum Ausdruck gebracht. Es geht nur um die OP`s, darf ich raten, auch um Entschädigungen. Alles klaro.

      Ich will nicht mit Dir diskutieren, ob Deine Sicht auf die Dinge die einzigst Richtige ist, davon bist Du eh restlos überzeugt. Ich schreibe hier wegen denen, die so nicht leben können, es stellt vielleicht die größere Anzahl an Hermaphroditen dar, nicht die auffälligen, die operiert werden, sondern die unauffälligen, die am 2-Geschlechter-System scheitern, aber daran denkst Du nicht. Du willst nur, dass Dir jeder Recht gibt, da Du nicht am System rüttelst, darf das auch sonst niemand, es bringt Dir ja persönlich nichts. Du bist menschenverachtend, wenn Dir die egal sind, die nicht in Selbsthilfegruppen sind, weil sie nicht krank und auch nicht verstümmelt wurden.

      Das war mein Denkfehler, ich dachte glatt, Du würdest auch für sie hier kämpfen. Da du hier schreibst, an anderer Stelle gerne aber nicht hier, sehe ich das als Verarsche an. Ich kämpfe hier, an dieser Stelle, für alle, egal ob unauffällig oder nicht. Aber wie bereits zu Anfang die Beleidigungen zeigten, hast Du und Lucie für unauffällige gleich noch die beste Beleidigung parat, offensichtlich Transsexuelle. Nein, wir sind Hermaphroditen, und zwar Richtige.

    • Reno sagt:

      Liebe Claudia,

      kwhal sagte gerade:

      Den meisten intersexuell geborenen Kindern sieht man nicht an, daß sie intersexuell sind. Die Diskrepanz zwischen 1:2000 bei Geburt auffälligen Personen und 1:50 insgesamt irgendwie intersexuellen Personen bedeutet, daß von je 40 Zwittern nur einer bereits bei der Geburt klinisch als solcher auffällt.

      Die auffälligen sind eine Minderheit, nicht die unauffälligen. Das ist hier Dein Denkfehler, ich gehöre damit nur zu einer Minderheit in den Selbsthilfegruppen. Das hier ist ein Diskurs für Intersexuelle, ich bin mit AGS ein Hermaphrodit, und hier werden wir alle angehört, ob es Dir gefällt oder nicht. Ich sage nicht sorry, aber schäme mich für Dich.

      • Redaktion sagt:

        Die Redaktion bittet bei der Diskussion die Allgemeinen Nutzungsbedingungen zu beachten.

  6. skywalker sagt:

    Wer definiert dann die Kategorie “3. Geschlecht”? Wie soll das in der Praxis aussehen ohne medizinische Diagnose?
    Ich bin selber ein “CAH-Herm” und halte nichts von einem 3.Geschlecht.
    Der Geschlechtseintrag ist in der heutigen Gesellschaft obsolet, sollte dies jedoch politisch noch nicht umzusetzen sein kann ich auch mit einem provisorischen Geschlechtseintrag leben.
    Es ist nicht gut, Menschen in ein 3.Geschlecht zu zwingen, weil sie Herm sind. Es gibt auch genug Herms, die sich in die Gruppen von Mann oder Frau einordnen möchten, was wird aus denen?
    Ein 3. Geschlecht müsste bestenfalls für alle Menschen offen sein, die sich nicht in die Mann oder Frau Kategorie einordnen können, da wären dann auch Trans* miteingeschlossen.