Das Recht auf Freiheit zur Selbstverortung

Dr. Michael Groneberg ist Privatdozent am Departement für Philosophie an der Universität Fribourg/Schweiz und Lehr- und Forschungsrat an der Universität Lausanne. In seinem Artikel beschäftigt er sich mit den Rechten von Kindern und Eltern, über medizinische Eingriffe zu entscheiden. Außerdem erläutert er die drei begrifflichen Komponenten von Geschlecht, wobei er die psychische Geschlechtsidentität für besonders bedeutsam hält.


Dr. Michael Groneberg bei der öffentlichen Anhörung des Deutschen Ethikrates

Die Frage der Kinderrechte, der Grenzen der elterlichen Entscheidungsgewalt und der kindlichen Selbstbestimmung wurde in der ersten Einschätzung des Ethikrats in den Vordergrund gerückt, was zu begrüßen ist. Für die Beurteilung des gesetzlichen Schutzbedarfs intersexueller Kinder und die drängenden Fragen, die sich für die Eltern im Umgang mit ihrem Kind stellen, scheint mir zentral:

Begriffliche Klarheit: Das Geschlecht des Menschen ist seine Geschlechtsidentität
Um die Situation richtig einschätzen zu können, braucht es eine adäquate Beschreibung der geschlechtlichen Verfasstheit des Menschen. Der in vielen Disziplinen leider immer noch gebräuchliche Begriffsrahmen von “sex, gender and sexuality” ist zweifach irreführend. Erstens ist die Kategorie der Sexualität (Orientierung etc.) nicht nötig, um die geschlechtliche Beschaffenheit eines Menschen zu beschreiben. Zweitens wird für deren vollständige Beschreibung neben “sex”, also dem körperlichen, und “gender”, also dem sozial gelebten Geschlecht, die dritte Komponente der psychischen (subjektiven, erlebten) Geschlechtsidentität benötigt (kurz GI). Diese Gewissheit, ein Mädchen, ein Junge oder etwas anderes zu sein, entsteht nicht vor dem zweiten Lebensjahr, und bei manchen Intersexsyndromen ist mit längerer Dauer, späteren Veränderungen der GI (z.B. in der Pubertät) und mit Identitäten zu rechnen, die von männlich oder weiblich abweichen. Wichtig ist nun: Die GI eines Menschen ist, wie die Erfahrung zeigt, weder mit Sicherheit vorhersehbar noch programmierbar, auch nicht bei Eindeutigkeit der körperlichen Geschlechtsmerkmale (nicht-intersexuelle Transgender). Ihr Entstehen muss daher ergebnisoffen abgewartet werden, was die Wahl eines vorläufigen Erziehungsgeschlechts nicht ausschliesst. Das Kind braucht Zeit, seinen Ort im Geschlechtersystem zu finden, und sollte dabei unterstützt und nicht gedrängt werden. Außerdem erfordert das Wohlergehen einer Person, dass sie offen entsprechend ihrer GI leben kann (wobei das Schutzbedürfnis von Kindern zu berücksichtigen ist).

Ethik und Recht: Menschen- und Kinderrechte
Die GI eines Menschen ist damit für etwaige physische Anpassungen maßgeblich. Dies bedeutet:  Mit medizinischen Maßnahmen zur Anpaßung des Körpers an geschlechtliche Normen ist abzuwarten, bis die Person ihre GI ausgebildet hat, voraussichtlich bei ihr bleiben wird, selbst entscheiden kann (Einwilligungsfähigkeit) und bestmöglich informiert entscheidet, dass sie Körpermerkmale ihrer GI anpassen will. Außerdem ist es ein Menschenrecht, ohne Diskriminierung entsprechend der eigenen GI zu leben. Dies impliziert das Recht auf eine entsprechende soziale Identität und auf selbst bestimmte Maßnahmen zur eventuellen Anpassung körperlicher Geschlechtsmerkmale (inklusive Versicherungsschutz).

Zu fragen, wann Eingriffe vom Gesetzgeber zu verbieten sind, folgt der falschen Logik. Umgekehrt gilt: Kein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit des Kindes ist erlaubt, die Ausnahmen sind klar zu regeln. Die BRD erkennt die UN-Kinderrechtskonvention an, die auch die GI unter Schutz stellt und der Entscheidungsgewalt der Eltern eindeutige Grenzen setzt; der deutsche Gesetzgeber muss ihr daher folgen. Der Schutz der Ausbildung der GI sollte im Rahmen der Kinderrechte möglichst ins Grundgesetz aufgenommen werden, ebenso wie das Recht darauf, dieses Geschlecht, ob nun männlich, weiblich oder etwas anderes, diskriminierungsfrei zu leben.

 

Ein weiterer Artikel von Michael Groneberg erscheint heute Nachmittag.

Dr. Michael Groneberg ist Privatdozent am Institut für Philosophie an der Universität Fribourg/Schweiz, arbeitet an der Sektion für Philosophie der Universität Lausanne und beschäftigt sich dabei unter anderem mit Untersuchungen zu Themen des Selbstbezugs, der Sexualität und des Geschlechts. Weitere Informationen finden Sie hier.

Themenschwerpunkt: Lebensqualität, Medizinische Eingriffe, Personenstandsrecht

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Weitere Artikel: Das Recht auf Selbstverortung, Lebensqualität, gesellschaftliche Situation und Perspektiven, Wozu brauchen wir Geschlechter?, Jenseits von Mann und Frau – Anhörung des Deutschen Ethikrates zum Thema Intersexualität, Um was es wirklich geht,

Über Michael Groneberg

Michael Groneberg / Kathrin Zehnder (2008): "Intersex": Geschlechtsanpassung zum Wohl des Kindes?, Academic Press Fribourg.

3 Kommentare zu Das Recht auf Freiheit zur Selbstverortung

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag. Michael Groneberg bringt es auf den Punkt. Die Ausnahme ist zu definieren, nicht der Regelfall, denn im Regelfall wird ein Mensch, gleich wie er ist, sich selbst in sich erkennen. Das körperliche, hormonelle, gonadale intersexuelle Sein, entspricht dem Ziel der Psyche, das Zusammenbringen , das Annehmen in sich selbst ist die menschliche Krone. Auf sich vertrauen können, dass alles so sein soll, verbunden ist im Sinn der individuellen Lebensaufgabe. Ein intersexueller unversehrter Mensch funktioniert wunderbar, hat Freude am Leben, ist liebenswert und begehrenswert. Das Skalpell, das fremde Hormon trennt die Körperlichkeit, das Körpergefühl( darüber hat sich bisher noch niemand geäußert, wie es ist, seine natürlichen Hormone nicht mehr zu haben, sich immer weiter von seinem eigenen Körper zu entfremden, bis man sich nicht mehr spürt) von der Geschlechtidentität, von der Seele. Die Gewissheit, nicht gut genug für das System zu sein findet seine Bestätigung in der Zerstörung diese Seins. Jede OP in diesem intimen Bereich, die ich nicht ausdrücklich wünsche, beweist mir: Du bist ein Monster…. Da kannst du rudern, arbeiten, leisten soviel du willst, die Würde ist dir genommen.

    Beenden Sie dieses Elend, es unwürdig, Menschen so etwas anzutun.

  2. Reno sagt:

    Das Problem ist meines Erachtens in der von außen betrachteten Unvollkommenheit zu suchen. Wir sind als ehem. Pseudohermaphroditen eben nicht als solche eindeutig zu erkennen. Deswegen denken viele Menschen, wir sind in der Geschlechtsenwicklung gestört, das wollen die Ärzte korrigieren und uns so helfen. Im Kopf aber sind wir vollständige Hermaphroditen, das fühlt jedoch keiner und denkt sich, wenn er es spürt, dass wir dazu noch geistig gestört sind. Unsere Körper gehen aber niemand etwas an, ihr habt nicht das Recht, Hand an uns zu legen, bitte respektiert das. Ich wurde nicht operiert und habe mir früher echt immer gewünscht, dass ich ein “echter” Hermaphrodit wäre, damit ich es jedem stolz sagen kann. Als ich erfuhr, dass die auffälligeren von uns mit OP`s “behandelt” werden, war ich dermaßen geschockt, ich konnte es einfach nicht glauben. Wie kann man ihnen das nur antun? Ich dachte, die haben es gut, jeder weiß es, sie können es beweisen und sind besser dran als ich. Ich wollte auch so sein, auch ein richtiger Hermaphrodit, weil ich mich immer so fühlte. Ich weiß, dass niemand glaubt, dass das was ganz tolles ist, ihr sollt zuhören und Eure Herzen öffnen, damit ihr uns fühlen könnt. Verzeiht denen, die schrecklich wütend sind und nach den Schuldigen suchen, wir alle fragen uns, wer als Erstes auf diese so schreckliche Idee kam, das kann nur jemand ganz böses wie Hitler oder so gewesen sein, jemand, der eben gar keine Gefühle mehr hatte und Menschen als bloßen Kostenfaktor sah. Ich bin mehr als überzeugt, dass wir unserer Gesellschaft lebend und gesund eine große Bereicherung sein können und eine größere Freiheit für Jeden ermöglichen. Wir sind ein Teil dieser Welt, vielleicht hat sich die Natur ja etwas gedacht, als sie uns hervorbrachte, lasst es uns doch herausfinden und stürzen wir uns in das Abenteuer der Realität, schmeißen die Pläne der Vergangenheit weg und fangen an, zu vertrauen und zu achten. Wie Lucie sagt, zerstören die Behandlungen die Menschen, das nützt einfach niemanden, kostet zudem viel Geld und Kinder bis zur Geburt abtreiben zu dürfen, weil sie nicht ins System passen bedeutet einfach, dass das System geändert werden muss. Dem System tut das nicht mal weh. Wir werden ja sehen, ob ihr den MUT habt, uns nicht nur anzuhören, sondern auch zu fühlen. Menschen haben Angst vor dem Fremden und vor Veränderungen, aber vor uns müsst ihr keine Angst haben, wir sind genauso wie ihr, wir haben nur ein anderes Geschlecht, jeder von uns sein Eigenes. Ist das nicht aufregend, ist das nicht toll oder was!

  3. folke sagt:

    Zur Geburt eines Kindes bekommt man viele gute Wünsche und meistens auch Geschenke für spätere Jahre.
    Fussballschuhe, in die der Junge erst hineinwachsen muss oder Balletröckchen, die noch lange nicht passen.
    Manchmal werden diese Dinge nie gebraucht, weil die Kinder sich anders entwickeln.
    Der Sohn wird ein Sensibelchen und spielt lieber Klavier, während die Tochter mit einer Lederhose besser bedient ist, da sie beim Klettern in den Bäumen nicht so schnell zerreißt.

    Es liegt in der Natur des Menschen, gewisse Erwartungen zu haben.
    Die Natur der Kinder muss man jedoch abwarten und ihr Zeit geben sich zu entwickeln, auch wenn die elterlichen Vorstellungen nicht erfüllt werden.

    Ähnlich sehe ich es auch hier.
    Auch wenn ich mir das Beste für mein Kind wünsche:
    ich kann nur etwas fördern, was schon im Ansatz da ist.
    Aber etwas, das nicht vorhanden ist, kann ich nicht wirklich anerziehen.
    Mein Kind wäre nie authentisch und somit nie eine Einheit/in eins mit sich selbst.