Behandlung, Indikation und Einwilligung

Nachdem Michael Wunder Experten, Betroffene und das Publikum auf der öffentlichen Anhörung begrüßt hatte, gaben die Experten Prof. Dr. Hertha Richter-Appelt, Prof. Dr. med. Paul-Martin Holterhus und Dr. iur. Sonja Rothärmel sowie die Betroffenen Lucie Veith, die sich im Verein Intersexuelle Menschen engagiert, und Diana Hartmann wie auch die Vertreterinnen von Elterninitiativen Julia Marie Kriegler und Biance Claße ihre Stellungnahmen zum Thema medizinische Behandlung, Indikation und Einwilligung zum Besten. Nach den Redebeiträgen der Sprecher folgten die Befragungen durch den Ethikrat und das Publikum.

Hier finden Sie die Stellungnahme von Prof. Dr. Hertha Richter-Appelt, Stellvertretende Direktorin des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, die bei ihrem Redebeitrag grundsätzliche Aspekte zum Thema Intersexualität ansprach.

Eine Übersicht über alle Redebeiträge sowie die Audiomitschnitte finden Sie hier.

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Themenschwerpunkt: Allgemein, Aufklärung & Einwilligung, Medizinische Eingriffe, Vernetzung & Hilfe

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7 Kommentare zu Behandlung, Indikation und Einwilligung

  1. An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf die Forderungen der Betroffenen Menschen erinnern:
    1. Unterlassen irreversibler chirurgischer und medikamentöser Eingriffe in das Geschlecht, so lange ihnen keine lebensbedrohliche Indikation zugrunde liegt.

    2. Kosmetische Eingriffe nur mit ausdrücklichem Einverständnis des Betroffenen selbst unter vollständiger zu dokumentierender, schriftlicher Aufklärung.

    3. Die behandelnden Mediziner haben den Betroffenen unaufgefordert bei Entlassung eine vollständige Kopie der dortigen Krankenakte auszuhändigen.

    4. Die behandelnden Mediziner haben, insbesondere bei Organentfernungen, den Patienten über alle gegenwärtigen und zukünftigen Risiken des Eingriffs aufzuklären.

    5. Insbesondere ist Medizinern die Verpflichtung aufzuerlegen, die aus dem Eingriff resultierende Medikamententherapien hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und ihrer Risiken schriftlich gegenüber dem Betroffenen zu erklären.

    6. Ausbildung von auf Intersexualität spezialisierten Fachkräften in allen Disziplinen.

    7. Bildung von Beratungsteams für Eltern bei Fällen von Intersexualität, bestehend aus Medizinern, Psychologen und Betroffenen.

    8. Flächendeckende Einrichtung und Betrieb von Beratungsstellen, die mit Betroffenen besetzt sein sollten.

    9. Besondere finanzielle und strukturelle Förderung geeigneter Selbsthilfegruppen.

    10. Einarbeitung des Begriffes der Intersexualität in das Recht.

    Notwendige Hilfsprogramme für Betroffene

    1. Einrichtung eines Hilfs- und Entschädigungs-Fonds für Betroffene (nach dem Vorbild der Entschädigung für die Opfer der kanad. „residential schools“).

    2. Generelle Aufstockung der Rentenbeiträge aller Betroffenen auf das durchschnittliche mittlere Rentenbeitrags-Niveau. Intersexuellen wird durch Traumatisierung und Hormonbehandlung Zeit für ihr berufliches Fortkommen genommen.

    3. Rentenrechtliche Regelung für intersexuelle Menschen allgemein, und spezielle Regelung für von geschlechtszuweisenden Maßnahmen Betroffener.

    4. Einrichtung eines Präventions- und Rehabilitationsplanes und eines entsprechenden Zentrums zur unter Umständen möglichen Wiederherstellung der körperlichen Gesundheit.

    5. Befreiung von Zuschlägen in den Krankenversicherungsbeiträgen und jeglicher Zuzahlungen.

    6. Zugang zu einer diskriminierungsfreien medizinischen Versorgung, die den individuellen Erfordernissen des Geschlechts entsprechen.

    7. Aufnahme der durch die medizinischen Zwangsbehandlungen erworbenen Gesundheitsschäden in die Versorgungmedizinischen Grundsätze.

    8. Besondere Bildungs- und Weiterbildungsmaßnahmen zum Zweck des Ausgleichs der durch die geschlechtlich bedingten Zwangsmaßnahmen erlittenen Benachteiligungen an der Teilhabe am Leben.

    9. Schaffung einer Stelle, besetzt mit einem intersexuell klassifizierten Menschen, bei der Bundesstelle für Antidiskriminierung.

  2. Reno sagt:

    Behandlung, Indikation und Einwilligung

    1. Behandlung
    Klärt die Menschen sanft auf, dass wir kein Mythos sind sondern existente Menschen durch eine neu geschaffene Gesetzesgrundlage mit dem 3. Geschlecht des Hermaphroditen, Gleichstellung mit Mann und Frau.

    2, Indikation
    Das Heilverfahren bei der Krankheit der Massen auf Unbekanntes wirkt sich mit der Abwertung z. B. von Minderheiten und deren Diskriminierung aus und kann nur mit Respekt, Läuterung und Einsicht behandelt werden.

    3. Einwilligung
    Die Menschheit haben offenbar bereits entschieden, dass Hermaphroditen der Vergangenheit angehören, wirklich. Wenn sie erfahren, dass jedes Paar einen Hermaphroditen zur Welt bringen kann, der kein medizinischer Notfall ist, kann sich was ändern. Es geht aber um die Einwilligung der Menschheit, dass wir als gesunde Menschen unterschiedlichen Geschlechts hier leben dürfen. Auch sollten Hermaphroditen weiterhin geboren werden, sie sollten unbehandelt und frei sein wie jeder andere Mensch. Fragen wir die Menschheit doch, nicht die Ärzte, sondern die Bevölkerung, ob sie hierzu ihre Einwilligung gibt, oder will, dass wir dem Druck erliegen und aussterben. Sind sie für Veränderungen bereit, bei dieser Wahl?

  3. kwhal sagt:

    Ich sehe ein neu zu schaffendes 3. Geschlecht nicht als umfassende Lösung aller Probleme, sondern es birgt weiteres Diskriminierungspotenzial, erstens sind die Zwitter untereinander sehr unterschiedlich, zweitens gibt es dann wieder Menschen, bei denen fraglich ist, ob sie drittes Geschlecht oder man respektive drittes Geschlecht oder Frau sind, so dass drittens erst recht das Bedürfnis von Ärzten und Psychologen oder Eltern bestehen könnte, Kinder in eben eines der dann drei Geschlechter zwangsanzupassen.

    • Reno sagt:

      Das stimmt ja alles, wir sind jedoch so, ohne 3. Geschlechtseintrag, das perfekte Opfer für Diskriminierung, da wir eben keine rechtliche Eintragung haben. Wir sind vogelfrei, freigegeben für den Beschuss. Erst wenn es einige Menschen in einem 3. Geschlecht gibt, die sind noch unterschiedlicher als jetzt die verschiedenen Männer oder die verschiedenen Frauen, wird die Gesellschaft mit und respektvoll umgehen. Und darum geht es doch. Ärzte hätten dann Bedenken, da wir keine Missgeburten mehr wären, sondern trotz allem, voll akzeptierte Menschen. Ich denke, dass dann möglicherweise die zum Psychologen gehen, die uns vorher gemobbt und diskriminiert haben. Das 3. Geschlecht wäre so vielfältig, dass man sich frei entfalten kann, ohne Zwang.

      • claudia sagt:

        Es spricht ja nichts gegen einen selbstentschiedenen Eintrag als Hermaphrodit, Intersex oder wie immer man es sagen will.

        Es wurde aber von Vetretern des “3. Geschlechts” allzu oft die Selbstbestimmung nicht betont. Das heisst dann letzten Endes, es sollte sich nichts daran ändern, dass bei der Anzeige einer Geburt ein Geschlecht fest zugewiesen wird, nur solle es eben statt 2 künftig 3 Möglichkeiten geben. Das würde aber nichts daran ändern, dass die Phalanx von Endokrinologen, Urologen, Gynäkologen (hab ich einen vergessen?) sich um das Neugeborene versammelt, um herauszufinden, ob es als dies, das oder jenes einzutragen ist. Wahrscheinlich würde die Orakelei noch einen Zacken schärfer, wenn man entscheiden muss, welches Kind noch als Junge oder Mädchen durchgeht und welches als Intersex einzutragen wäre. Daran könnte endlos herumdefiniert werden, und es würden zweifelos viele eloquente Expertenmeinungen dazu geschrieben werden.

        Und für diejenigen, die “gerade noch als m oder w durchgehen”, auf den neuen intersexuellen Grenzen zwischen M und H und zwischen W und H, würden auch wieder OP-Empfehlungen gegeben. Schliesslich gibt es Leute, die sich darauf spezialisiert haben und keinen Karriereknick hinnehmen wollen.

        Ausserdem: Wer später damit ein Problem hat, müsste sich weiterhin medizinischen Gutachtern oder identitätspsychologischen Spitzfindigkeiten aussetzen, um dem Geburtseintrag widersprechen zu dürfen.

        Deswegen bitte ich nochmals inständig alle Vertreter des 3 Geschlechts:
        Betont, dass ihr das selbstbestimmt und nicht als autoritären Geburtseintrag wollt. Und dass man die Frage bis zur authentischen Selbstentscheidung offen lassen kann. Und dass solange Kinder Kinder sein können und nicht Männlein, Fräulein oder Zwitterlein sein müssen. Ein Kind ist nicht “vogelfrei” wenn man Kinderrechte ernst nimmt. Daran fehlt es, und zwar heftig.

        —-
        Ich habe schon oft erlebt, dass KollegInnen und Nachbarn recht penetrant fragen: “Wisst Ihr schon, was es wird!?” wenn jemand Kind erwartet.
        Wenn ich dann frage: “Warum ist das denn gar so wichtig?” wissen die Meisten erst mal keine Antwort ausser: “Ja das muss man doch wissen”.
        Damit fängt es an.

  4. kwhal sagt:

    Ich sehe und empfinde das anders. Ich respektiere deinen Standpunkt, aber ich teile ihn absolut nicht. Vermutlich hast du in deinem Leben ganz andere Erfahrungen gemacht als ich, und das müssen und wollen wir untereinander akzeptieren, oder?

    • Reno sagt:

      Genau solche Erfahrungen habe ich sicher auch gemacht, aber ich glaube an die Menschheit und an Gott, ich träume noch, das ist alles, was mich weiterleben lässt.